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Neues Curriculum: Publizistik-Institut kürzt Medienpädagogik, feministische und historische Lehre

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Die gestern veröffentlichten neuen Lehrpläne der Bachelor- und Masterstudien an der Universität Wien sorgen nicht nur unter Studierenden für Unmut. So wurde etwa im Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften beschlossen, das Angebot feministischer und medienhistorischer Lehrangebote zu kürzen. Eine gute Entscheidung? Wir haben mit Publizistik-Lektorin Ulrike Weish darüber gesprochen.

KulturArnika Zinke(Wienerin)

Die feministischen und medienhistorischen Lehrangebote am Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaften galten als einzigartig innerhalb der Uni Wien. Mit dem neuen Lehrplan und dank fehlender Finanzierung sind diese nun (fast) Geschichte - und das ausgerechnet einen Tag vor dem Weltfrauentag am 8.März. Verpflichtende Seminareinheiten wurden gestrichen, stattdessen steht nun mehr Frontalunterricht an der Tagesordnung. Der Fokus wird zusätzlich auf quantitative und statistische Auswertungsmethoden gelegt.

Zwar verpflichtet sich das Institut sicherzustellen, dass "Lehrveranstaltungen regelmäßig mit historischen bzw. feministischen Schwerpunkten angeboten werden", von der bisherigen Schwerpunktsetzung ist allerdings wenig übrig geblieben.

Was eine Kürzung dieser Studienschwerpunkte ausgerechnet in Zeiten von Donald Trump und "Fake News" bedeutet und was zu der Änderung des Lehrplans geführt hat, erklärt Publizistik-Lektorin Ulrike Weish, die mehrere Jahre lang die feministische Lehre am Institut betreute.

 

Im Interview mit dem Mosaik-Blog sprechen Sie davon, dass es eine vage Absichtserklärung gibt, feministische und medienhistorische Inhalte im Studienplan zu behalten, nicht aber im Studienplan verpflichtend als Schwerpunkt (wie bisher) zu verankern. Können Sie das genauer erklären?

Ulli Weish: Bisher gab es einen fixen Plan von aufeinander aufbauenden Übungen und Seminaren im Bereich Mediengeschichte und Feministische Medienforschung. Diese fallen jetzt weg. Es gibt allerdings eine vage Präambel, die am Rande vermerkt, dass es diese weiterhin im Angebot geben wird. Statt einer ganz klaren Verankerung folgt also eine sehr weiche Formulierung, die Lehrangebote zwar nicht völlig ausschließen, aber das Volumen radikal zurückfährt.

Im Grunde ist diese Neuorientierung eine sehr leidenschaftslose Anpassung an deutsche Kleinst-Institute, die durch konservative und CDU/CSU-nahe Orientierung geprägt sind.
Ulli Weish

 

Also für Interessierte werden feministische und medienhistorische Inhalte quasi nebenbei angeboten, aber es ist kein fixer Bestandteil des Studienplans des Bachelor-Studiums mehr?

Richtig. Was bleibt sind die Bereiche der Berufsfeldforschung, die sich von Werbung über Journalismus bis Marktforschung erstrecken und sehr praxisorientiert sind. Die forschungsbasierten und kritischen Zweige historische und feministische Medienforschung als verpflichtende Module fallen in der bisherigen Form weg.
Meiner Meinung nach ist es in einem Fachgebiet, das schon immer sehr praxiskritisch reflektiert hat, absolut notwendig eine historische und feministische Perspektive einzunehmen, die nicht nur vage an einem Berufsfeld angeschraubt ist, sondern eine breitere Perspektive erlaubt.

(Anmerkung: Sowohl die historische als auch die feministische Medienforschung wurden bisher als Kleingruppen-Übung angeboten und zählen nicht nur zu den beliebtesten, sondern vor allem auch überlaufendsten Übungen im Bachelor-Studium. Viele Studierende beschwerten sich jahrelang über das fehlende Angebot an Seminaren. Gerade wegen des großen Interesses an beiden Fächern ist eine Kürzung daher aus Sicht vieler StudentInnen nicht nachvollziehbar).

Dass alle Praxisfelder so bleiben, wie sie sind und dann irgendwelche Werbeheinis und PR-Leute kommen und von der Praxis erzählen, hat nichts mit Wissenschaft zu tun und entspricht schon gar nicht einem Universitätsniveau.
Ulli Weish

 

Wenn die feministische und medienhistorische Forschung nun so stark reduziert werden, liegt der Fokus natürlich klar auf einem sehr berufsspezifischen und praxisorientierten Lehrplan, der für ein universitäres Studium doch sehr unüblich ist, oder?

Absolut. Es geht mit dieser Entscheidung meiner Ansicht nach wieder zurück in die 80er. Ich habe das Gefühl, es werden Debatten aufgewärmt, die ich schon ganz lange Zeit nicht mehr gehört habe und von denen ich dachte, sie wären überwunden. Mit dem Fokus auf quantitative Empirie, der durch den neuen Lehrplan stattfindet, wird eine fruchtlose Debatte zwischen quantitativer und qualitativer Forschung reproduziert. Studierende der Publizistik müssen nach dem Studium eine Basiskompetenz aus quantitativer und qualitativer Sozialwissenschaft mitnehmen. Die qualitativen Erhebungsmethoden sind für die Praxis der meisten Studierenden zentraler als quantifizierende. Wenn man nun einen starken Fokus auf die quantitative Forschung legt, hat nur ein kleiner Teil der Studierenden etwas davon – nämlich der, der später tatsächlich in der quantitativen Forschung tätig sein wird. Für alle anderen [Anm.: JournalistInnen, WerberInnen, PR-Fachleute] ist das Beherrschen qualitativer Methoden letztlich viel wichtiger.

 

Ist die Streichung von feministischen und historischen Inhalten nicht zuletzt auch im aktuellen Diskurs rund um "Fake News" und Donald Trump ein falsches Signal seitens der Uni Wien?

Ja richtig. Ich halte das für extrem bedenklich. Wir sprengen uns ein Reflexionswissen weg. Wir reduzieren die Lernräume für Fragen, Diskussionen und Selbstreflexionen. Gerade auch bei Mediengeschichte wird der Schatten, der uns aus der Vergangenheit erreicht, damit völlig negiert und wir nehmen uns die Möglichkeit Zukunftsinitiativen zu setzen, weil die Räume der Reflexion und Betrachtung dafür fehlen.

 

Es werden nicht nur die Angebote der feministischen und historischen Medienforschung weggekürzt. Die Gruppenübung "interpersonale" Kommunikation wird ganz gestrichen, das Fach Medienpädagogik nur noch fakultativ angeboten.
Gerade der medienpädagogische Aspekt wurde ja selbst von Regierungsseite in den letzten Jahren sehr vehement unterstützt und gefordert. Wie passt das zur Streichung aus dem fixen Stundenplan?

Durch die Kürzungen und fehlende Nachbesetzung von Lehrenden im Fach Medienpädagogik kann man zukünftig durch das Publizistik-Studium gehen, ohne sich jemals mit medienpädagogischen Inhalten auseinandergesetzt zu haben. Das ist eine völlig absurde zeitgeistliche Schubumkehr. Wenn man bedenkt, dass man in jedem Kindergarten und jeder Schule über Kompetenzen redet, und darüber spricht, wie man mit Social Networks, Radikalisierungstendenzen und Hasskommentaren umgeht, ist es doch geradezu zynisch, dass ausgerechnet das einschlägige Institut dafür dieses Fach wegspart.

 

Woher kommt dieser Kostendruck am Institut? Liegt das an  fehlender finanzieller staatlicher Unterstützung?

Das Grundproblem ist die jahrelange Unterfinanzierung des Publizistik-Institutes. Glücklicherweise konnte man in den letzten Jahren einige neue Professuren am Institut ermöglichen, wie etwa in der Werbeforschung. Allerdings hat das Institut auch die höchste Zahl an externen Lektoren an der Universität Wien, die – und das ist nur verständlich- auch irgendwann durch internes Personal ersetzt werden müssen. Die Folge ist allerdings, dass die externen Lektoren mit ihren Fächern gegeneinander ausgespielt werden.  Dass alle Praxisfelder so bleiben, wie sie sind und dann irgendwelche Werbeheinis und PR-Leute kommen und von der Praxis erzählen, hat nichts mit Wissenschaft zu tun und entspricht schon gar nicht einem Universitätsniveau. Das kann man vielleicht auf einer Fachhochschule, die einen anderen Zugang als die Universität hat, machen. Aber dass die feministische Lehre dagegen am absteigenden Ast ist, halte ich für eine absolut bedenkliche Entwicklung.

Man kann in Zukunft durch das Studium gehen, ohne sich jemals mit medienpädagogischen Inhalten auseinandergesetzt zu haben.
Ulli Weish

 

 

Warum fehlen dem Institut seit Jahren die notwendigen Gelder, um sich gut (und der Anzahl an Studenten entsprechend,) aufzustellen? Ist der Studiengang nicht "wichtig genug"?

Das ist eine hübsche Frage. Da müsste man beim Senat nachfragen. Ich kann mich noch erinnern, dass in den 80er Jahren ein Bericht des Rechungshofs erschien, in dem behauptet wurde, die Kommunikationswissenschaft wäre ein Modestudium, in das man nicht investieren brauche. Und dieser Kampf innerhalb der Universität besteht natürlich bis heute. Wenn man sich nun ansieht, wo es innerhalb der Uni Wien noch relativ gute Betreuung (pro Studierende) gibt, dann ist das an den Instituten, die eine lange Tradition haben - etwa am Institut der Philosophie. Ich gönne es ihnen, dass sie unter guten Bedingungen arbeiten können. Aber durch den Neoliberalismus werden leider die Konkurrenzen ganz stark in den Vordergrund gedrängt. Wenn man den einen etwas wegnimmt und den anderen etwas gibt, kommt das nie gut an. Da wird die Bedeutung der Kommunikationswissenschaft dann auch gerne heruntergespielt.

 

Das Institut für Publizistik und Kommunikationswissenschaft in Wien hat ja seit Jahren international einen sehr guten Ruf. Schaden die Kürzungen diesem Ruf?

Ich habe den Eindruck, dass durch die Nachbesetzungen, die in Form von Professoren aus deutschen Kleinstädten getroffen wurden, eine sehr quantifizierende und neoliberale Position eingenommen wird, die dann gern mit Internationalität verwechselt wird. Ich würde gerne auch russische KollegInnen oder amerikanische KollegInnen, die kritische Positionen einnehmen, am Institut sehen. Es gibt auch böse Stimmen seitens deutscher Studierender, die extra wegen der vielfältigen Ausrichtung nach Wien gekommen sind und sich nun beschweren, der Lehrplan würde nun so wie in Mainz und Münster. Dieses neue System beinhaltet kaum noch ökonomische oder praktische Kritik. Im Grunde ist diese Neuorientierung eine sehr leidenschaftslose Anpassung an deutsche Kleinst-Institute, die durch konservative und CDU/CSU-nahe Orientierung geprägt ist.

 

Es gibt nun nicht nur unter Studierenden, sondern auch innerhalb vieler Organisationen ein großes Erstaunen darüber, dass feministische und historische Medienforschung abgeschafft wird. Kann man denn noch etwas tun, oder ist die Abschaffung bereits fix?

Auf der Homepage (siehe hier: senat.univie.ac.at/ curricularkommission/veroeffentlichungen) kann jeder und jede eine Stellungnahme diesbezüglich verfassen und dies an die Curricular-Kommission (curricularkommission@univie.ac.at) schicken. Ab dem Erscheinungsdatum des neuen Curriculums (06.03.2017) kann also schriftlich eine Kritik zum neuen Lehrplan abgegeben werden, egal ob als Studierende, Einzelperson, Medienprofi oder Institution. Nach der Frist werden alle schriftlichen Erklärungen im Senat behandelt und auch ins Protokoll aufgenommen. Dann bleibt zu hoffen, dass dies ein Umdenken bewirkt.

 

Der neue Lehrplan gilt ab dem nächsten Studienjahr (Oktober 2017) für alle Publizistik-Anfänger des Bachelor- sowie Master-Studiums. Studierende, die zum Zeitpunkt des Inkrafttretens dieses Curriculums dem vor Erlassung dieses Curriculums gültigen Studienplan für das Bakkalaureatsstudium Publizistik- und Kommunikationswissenschaft unterstellt waren, können ihr Studium bis längstens 30.11.2020 abschließen.

 

VIDEO: #IchBinFeminist

 

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