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Nein heißt Nein: Wiener Clubszene: Das Problem mit der sexuellen Belästigung und wie man es lösen könnte

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Dass Belästigung in Wiener Clubs existiert, ist Fakt. Trotzdem sind Maßnahmen und das Bewusstsein für das Problem immer noch zu wenig ausgeprägt. Wir haben uns angesehen, was seitens der Clubbetreiber getan wird und wo es noch Verbesserungpotenzial gibt.

KulturArnika Zinke(Wienerin)

Ein Jahr ist es mittlerweile schon her, dass in Österreich der viel diskutierte "Pograpsch-Paragraph", wie er umgangssprachlich gern genannt wird, eingeführt wurde. Soll heißen: Seit Jänner 2016 Jahr ist es strafbar, wenn man gegen den eigenen Willen berührt wird.

Mit der Gesetzesänderung kamen wir in Österreich sogar Deutschland zuvor, die nur kurze Zeit später selbst über eine Änderung im Gesetz diskutieren. Ein Jahr später ist medial viel passiert. Doch vielerorts scheint es, als hätte sich trotzdem wenig geändert.

 

Ein Ort, an dem der Pograpsch-Paragraph freilich häufig zum Einsatz kommen könnte, ist die Clubszene. Egal ob in Wien, Berlin oder Bukarest – ungewolltes Anfassen von Frauen scheint "beim Fortgehen" immer noch als "Kavaliersdelikt" durchzugehen. "Das muss man halt aushalten", "Geh, ist doch nicht so schlimm", heißt es dann immer noch all zu gerne.

 

Stocksnap

98% erlebten sexuelle Belästigung in Clubs

Dass Belästigung in Wiener Clubs existiert, ist Fakt - jede Frau hat es schon erlebt und könnte von unangenehmen Poklapsern oder Grapschaktionen beim Ausgehen wohl ein ganzes Buch schreiben. Aussagekräftige Statistiken sind kaum vorhanden - es passiert schlichtweg zu oft, als dass man es jedes Mal melden könnte. Trotzdem geben viele Wiener Clubs auf WIENERIN-Anfrage an, keine Vorfälle mit sexueller Belästigung registriert zu haben. Ahnungslose Aussagen wie diese könnte man unter der Losung "weil es ja keine Frau meldet" abtun - in der Realität ist es aber kaum vorstellbar, dass den diversen Sicherheitskräften nicht ständig Verstöße auffallen.

 

Hannah Christ setzt sich mit ihrer Plattform Femdex gegen die Unterrepräsentierung weiblicher DJs in der Wiener Techno-Szene ein. Auch sexuelle Belästigung zählt zu den Problemen, die nicht nur Clubgäste sondern auch weibliche DJs kennen.

In einer von ihr durchgeführten kleinen Umfrage, zeigt Christ das Ausmaß sexueller Club-Belästigung: Von den 68 Befragten (zwischen 18-32 Jahre) gaben 98 Prozent der Frauen an, bereits sexuelle Belästigung erfahren zu haben, knapp die Hälfte, 47 Prozent, würden diese jedes Mal/öfters erleben, so Christ. Unter den männlichen Befragten gaben immerhin 53 Prozent an, Belästigung bereits erlebt zu haben, allerdings ausschließlich selten oder fast nie.

Diese Zahlen, so traurig sie sein mögen, sind für die meisten Frauen wohl wenig verwunderlich. Trotzdem wird immer wieder das Argument gebracht, die Grenze zwischen Annäherung und sexueller Belästigung sei einfach zu verschwommen, um sie eindeutig ziehen zu können.

Christ sieht das allerdings anders: "Es gibt respektvolle Wege, sich jemandem zu nähern und es ist nicht schwer erkennbar, ob dein Gegenüber sich geschmeichelt oder irritiert fühlt. Und ja, selbst wenn du auf Drogen bist, ist das keine passende Entschuldigung. 'Nein heißt nein', immer und überall." resümiert Christ in ihrem Artikel.

 

Als Gegenmaßnahme werden bei einem von Christ mit-organisierten Event im Wiener Opera Club daher regelmäßig "Zero Tolerance Policy"-Plakate aufgehängt, außerdem steht die Vorlage kostenlos auf ihrer Homepage (femdex.net/index.php/zero-tolerance-policy) zum Download bereit - "damit sich auch andere Clubs und Parties dafür stark machen".

Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Hannah Christ via femdex.at

 

"Bisher keine Vorfälle bekannt"

Bei einer derart hohen Prozentzahl an sexuellen Belästigungsopfern stellt sich natürlich die Frage, warum Wiener Clubs nicht mehr dagegen tun - anstatt mit offenen Augen wegzusehen. Schließlich kann es für die Clubbesitzer kaum förderlich sein, wenn sich Gäste durch ungewollte Grapschaktionen unwohl fühlen.

Erste Schritte in die richtige Richtung werden von einzelnen Clubbetreibern in Wien bereits gesetzt. Wir haben uns bei einigen Wiener Diskotheken und Party-Locations nach ihren Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung erkundigt.

 

Clubbetreiber Martin Ho, dem neben dem Hip Hop-Club VIEiPEE neuerdings auch die daneben befindliche Pratersauna gehört, bietet seinen weiblichen Gästen etwa Begleitschutz zum Taxi an und setzt auf ein 50/50 Geschlechter-Verhältnis unter den Clubgästen. Allerdings: Gemeldete Vorfälle sexueller Belästigung sind dem Clubbetreiber und Gastronom bisher keine bekannt.

 

Sascha Hauer und Andreas Bachinger, Geschäftsführer des Wiener Clubs Platzhirsch, setzen auf verstärkte Kontrolle vor und im Gebäude: "Besonders Gruppen von Frauen werden verstärkt beobachtet, um unerwünschte Annäherungsversuche zu unterbinden", erklären die Betreiber.

 

Im Wiener Volksgarten kommt es laut eigenen Angaben "glücklicherweise äußerst selten zu Belästigungen und Übergriffen". Der Club führt den glücklichen Umstand auf die strikte Türpolitik zurück - die hauseigene Sicherheitsfirma sei außerdem "angehalten besonders auf mögliche Vorfälle dieser Art zu achten", so die Betreiber.

 

Allerdings: Viel zu oft greifen vereinzelte Maßnahmen zu wenig oder sind den (weiblichen) Clubgästen gar nicht bekannt. Sich einem Türsteher oder Security anzuvertrauen, weil sich jemand unangemessen angenähert hat, kommt für die meisten Betroffenen leider immer noch viel zu selten in Frage.

Deswegen setzen einige Wiener Party-Lokale mittlerweile auf plakativere Maßnahmen:

Weibliche Securitys und Warn-Flyer

Engagiert zeigt sie etwa die Event-Location WUK. Der hauseigenene Security-Partner "Event Safety" ist etwa bei "Club Courage", einer Initiative für soziales Handeln im Rahmen von Clubs und Musikveranstaltungen, beteiligt und ist deshalb für sensibilisiertes Verhalten geschult. Außerdem wird, nach Möglichkeit, mindestens eine weibliche Security-Mitarbeiterin vor Ort stationiert. Allerdings ist auch Hannes Cistota, Leiter des Musikbereichs im WUK, bewusst, dass es trotzdem zu Vorfällen kommt: "Trotz aller Maßnahmen lässt sich sexuelle Belästigung leider nicht immer vollständig vermeiden. Wenn doch einmal etwas passiert, helfen wir selbstverständlich mit, den Vorfall lückenlos aufzuklären".

 

Tobias Kovar vom Club Celeste in Wien Margareten sieht das ähnlich und ortet ebenfalls Aufholbedarf. Obwohl auch im Celeste relativ wenig Fälle von sexueller Belästigung bekannt sind, könne man laut Kovar "keineswegs sagen, dass es diese nicht gibt“. Davon sei leider auszugehen. Der Club setzt daher, laut eigenen Angaben, stark auf eine "Atmosphäre gegenseitigen Respekts". Schon öfter gab es seitens weiblicher Gäste positives Feedback, ob der wenigen Probleme im Club. Das dürfte, so Kovar, allerdings auch am "politisierten Nischen-Publikum" liegen, das durch die Programmauswahl angesprochen wird.

 

Das Wiener Fluc geht, ähnlich wie Hannah Christ, plakativere Wege und setzt auf präventive Aufklärung: So werden seit einiger Zeit zweisprachige Flyer an die Gäste ausgeteilt.

 

Fluc/Wanne

Fluc-Mitbegründer Martin Wagner erklärte letztes Jahr gegenüber Noisey: "Das Problem ist, dass die Leute viel zu spät zum Security gehen, um sich über jemanden zu beschweren".

"Nein heißt nein" 

"No means no", wie es etwa in großen Lettern auf diesem Flyer heißt, ist einer dieser Sätze, den in der letzten Monaten sehr oft unsere Medienwelt geprägt hat. Die gesteigerte mediale Aufmerksamkeit für sexuelle Belästigung (abseits instrumentalisierter Ausländerhetze), ist allerdings auch ein Zeichen dafür, dass sich seit einiger Zeit wirklich "etwas tut" - und, dass sich immer mehr Frauen darin bestärkt fühlen, Vorfälle zu melden. 

 

Es gilt daher weiter zu sensibilisieren und zu melden. Immer noch reagieren viele Clubbetreiber erst dann, wenn es zu Vorfällen gekommen ist - engagierte Präventivmaßnahmen sind leider immer noch die Ausnahme. Doch es sind eben diese plakativen Hinweise und engagierte MitarbeiterInnen, die dafür sorgen, dass sexuelle Übergriffe nicht mehr als "Kavaliersdelikte" angesehen werden , sondern als das was sie (spätestens) seit Jänner 2016 sind: Eine strafbare Handlung.

 

Wir wollen eure Meinung wissen!

Ihr habt selbst sexuelle Belästigung in Wiener Clubs erlebt und möchtet eure Erfahrungen mit uns teilen?

Ihr stimmt den Aussagen der ClubbetreiberInnen zu oder habt gegenteilige Erfahrungen gemacht? (Wie etwa unsere Redakteurin Jelena, die über ihre Erlebnisse in einem Wiener Club berichtet).

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