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Food-Trends: Wer seine Ernährungsbiografie kennt, lebt gesünder

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Zu viel? Zu wenig? Das Falsche? Ist ein gesunder Stoffwechsel unsere bewusste Entscheidung oder doch Sache der Gene? Heute wird immer klarer: Die Antwort liegt irgendwo dazwischen.

KochenBirgit Brieber(Wienerin)

Nahrung ist in westlichen Ländern alles andere als knapp. Wir leben im Überfluss und unser Körper muss damit zurechtkommen. Dabei vergessen wir oft, dass das vor nicht allzu vielen Jahren noch ganz anders war.

Bevor weltweit agierende Großkonzerne industriell verarbeitetes Fertigessen in unsere Supermarktregale gestapelt haben, waren unsere Eltern und Großeltern vom Wetter, der Ernte und der eigenen Arbeitskraft abhängig, um sich überhaupt ernähren zu können. Gerade die Kriegsgeneration hat Mangelzeiten erlebt, die für uns und unsere Körper heute nicht mehr vorstellbar sind. Aus heutiger Sicht ist Ernährung vielmehr zum Problemfall geworden und hat mehr mit Gewichtsmanagement als Gesundheit zu tun. Das ist schade. Und hat Auswirkungen auf die Nachfolgegenerationen.

 

Wie wichtig ist unsere "Ernährungsbiografie"?

 

Konrad Biesalski, der deutsche Ernährungsmediziner und Professor für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft an der Universität Hohenheim, stellt in seinem neuen Buch Unsere Ernährungsbiografie: Wer sie kennt, lebt gesünder die Theorie auf, dass jeder Mensch eine individuelle Ernährungsbiografie hat, die unser Essverhalten und unsere Ernährungsweise entscheidend prägt. In den ersten 1.000 Tagen unserer Entwicklung wird der Grundstein gelegt, alles andere ist Umwelt, Kultur und sozialer Kontext. Soweit die Theorie.

 

In der Praxis erforschen EvolutionsbiologInnen und AnthropologInnen seit jeher die Ernährung unserer Ahnen und sehen z. B. an den Zähnen die Signatur der Nahrung. Je nachdem, welche Nahrung zu welchem Zeitpunkt zur Verfügung stand, entwickelten sich unsere Kiefer. MolekularbiologInnen wissen dank moderner Methoden, ob unsere VorfahrInnen lieber Fruchtzucker oder Milchzucker gegessen haben. EpidemiologInnen beschäftigen sich mit dem Zusammenhang zwischen den Lebensumständen vorangegangener Generationen und der späteren Gesundheit der Kinder. Alles zusammen gibt Aufschluss über die Ernährung der VorfahrInnen. Aber wie groß ist dieser Einfluss auf unser Wohlbefinden wirklich?

 

Wer darauf achtet, zusätzlich seine individuelle Familienernährungsgeschichte kennt und die Informationen klug einsetzt, kann seine Lebensqualität steigern und sein Essverhalten dauerhaft positiv beeinflussen.

 

Grundsätzlich ist unser Genom, also unsere biologische Grundausstattung, seit Hunderttausenden von Jahren fast gleich. Die veränderten Lebensumstände sind es, die die Evolution vorantreiben; sie sind entscheidend dafür, wie wir uns entwickeln und dass wir nicht aussterben. Ein Beispiel aus der Tierwelt: Das in einem Bienenstock so kostbare Gelée royale ist einzig und alleine den Bienen vorbehalten, die zu Königinnen aufgezogen werden. Durch die Nahrung hat die Königin den entscheidenden Vorteil, wird größer und die Lebenserwartung höher. Während die gemeine Arbeitsbiene spätestens nach einer Saison das Zeitliche segnet, überleben die Königinnen mehrere Jahre. Was heißt das für uns Menschen?

 

Für viele Menschen bedeutet Essen viel mehr, als Hunger zu beseitigen

 

In ärmeren Ländern geben die Menschen bis zu 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrung aus, bei uns sind es nur etwa 15 Prozent. Hunger auf der einen, Überfluss auf der anderen Seite. Aber auch in wohlhabenden Industrieländern sind Lebensmittel eben nicht gleich Lebensmittel. Auf die Qualität der Nahrung kommt es an. Wer darauf achtet, zusätzlich seine individuelle Familienernährungsgeschichte kennt und die Informationen klug einsetzt, kann seine Lebensqualität steigern und sein Essverhalten dauerhaft positiv beeinflussen.

 

Grundsätzlich wird Essverhalten über Hunger, Appetit und Sättigungsgefühl gesteuert. Neben der simplen Versorgung unseres Körpers hat Nahrungsaufnahme aber auch eine sehr wichtige psychische Komponente, die oft vergessen wird. Für viele Menschen bedeutet Essen viel mehr, als Hunger zu beseitigen. Es wird Frust kompensiert, die eigene Nahrung kontrolliert und damit in den natürlichen Prozess der Nahrungsaufnahme eingegriffen. Darin liegt auch die Krux bei viel zitierten Trenddiäten, egal ob Low Carb, Paleo oder Detox. Essen wir einseitig und zu wenig nährstoffreich, sind wir weiterhin überernährt, aber unterversorgt. Die Folge sind Konzentrationsschwierigkeiten, Übergewicht und Stoffwechselerkrankungen.

 

Ernährungswissenschaftlerin Ursula Pabst erklärt das Problem: "Leider isst man nicht automatisch gesund, nur weil man weiß, dass man davon gesünder wird. Um durch die Ernährung einen langfristig positiven Effekt zu erzielen, muss man sich neu konditionieren. Nur für zwei Monate etwas zu ändern und dann in alte Muster zu verfallen, führt sicher nicht zum Ziel. Oft hat man Verhaltensweisen aus dem Elternhaus übernommen, die man später nicht mehr hinterfragt."

 

Daran erkennt man, ob man sich gesund ernährt

 

Eine gesunde und ausgewogene Ernährung kann man also lernen. Und wer sagt uns, was gesund ist? Pabst: "Grundsätzlich kann man gesunde Ernährung auf viele Arten realisieren, ob das jetzt drei oder fünf Mahlzeiten am Tag sind, ob das mit oder ohne Milch, vegan oder mit Fleisch ist, ist letztlich egal. Hauptsache, man kann es langfristig für sich so umsetzen, dass man sich gut konzentrieren kann, dass man ein gutes Energielevel hat, dass man selten krank ist, und falls man krank ist, schnell wieder gesund wird." Wer sein Gewicht leicht halten kann, im Alltag genug Energie hat und sich nicht andauernd gestresst fühlt, kann davon ausgehen, sich gesund zu ernähren.

 

Sich ein Leben lang auf Mama, Papa, Oma und Opa auszureden, bringt also nichts. Denn selbst wenn man durch eine unzureichende Versorgung im Mutterleib dazu neigt, aus Angst vor Nahrungsmangel Essen zu bunkern, kann man sich Verhaltensweisen bewusst machen und daran arbeiten. Sich komplett aus der Verantwortung zu ziehen, wäre klar der falsche Weg. Ursula Pabst: "Jeder hat seine Gesundheit selbst in der Hand, niemand ist machtlos. Man kann immer nach dem aktuellen Wissensstand das Bestmögliche für sich herausholen."

 

Also: Unsere Ernährungsbiografie schreiben wir ab jetzt am besten einfach selbst.

 

Buchtipp: Faktenwissen vom führenden Ernährungswissenschaftler Deutschlands: Unsere Ernährungsbiografie, Knaus-Verlag, € 20,60.

 

 

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