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Mobbing-Betroffene: Die schweren Folgen von Mobbing und wie sich Betroffene wehren können

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Mobbing-Fälle sind sehr unterschiedlich - doch sie haben immer fatale Folgen. Das zeigt auch diese Geschichte einer Betroffenen.

JobJelena Gučanin(Wienerin)

Vor mir sitzt eine Frau, die verzweifelt nach Anerkennung sucht. Mit jedem Satz versucht sie ihr Selbstbewusstsein wieder zu erlangen. Denn in ihrer beruflichen Laufbahn wurde ihr dieses ständig genommen. Brigitte Ira ist nämlich ein Opfer von Mobbing. Eine Tatsache, die sie ihr Leben lang begleiten wird.

Es ist bereits einige Jahre her, als Ira dem Verein Hoch- und Deutschmeister als Sängerin und Managerin beitrat. Als sie zur Obfrau gewählt wurde, wollte sie sich ihren Lebenstraum erfüllen: diese österreichische militärische Traditionskapelle, die Deutschmeister, wieder aufleben zu lassen. Doch trotz ihrer Erfolge und ihres Engagements wurde sie aus dem Verein hinausgemobbt und widerrechtlich sowie wider die guten Sitten als Vereinsobfrau abgesetzt. Seit Jahren kämpft sie darum, dass ihr Gerechtigkeit widerfährt. Vor allem die psychischen Narben, die diese drastische Mobbingerfahrung mit sich brachte und bringt, sind welche, die stellvertretend für viele Mobbingopfer stehen.

 

Nach wie vor wird den fatalen Folgen von Mobbing nicht jener Stellenwert eingeräumt, den es verdient hätte. Dass in Österreich kein eigener Mobbingtatbestand im Gesetz existiert, macht die Sache für Betroffene nicht leichter. "Es ist Körperverletzung pur, nur eben ohne Blut", meint Frau Ira. Laut der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz sind europaweit in etwa zwölf Millionen Menschen von Mobbing betroffen. Physische, psychische und psychosomatische Gesundheitsstörungen wie Stress, Depressionszustände, mangelnde Selbstachtung, Selbstanschuldigungen, Phobien, Schlafstörungen, Verdauungsstörungen oder Muskel- und Skeletterkrankungen sind nur einige der Folgen für Betroffene. Hinzu kommen soziale Isolation, Probleme in der Familie, und finanzielle Schwierigkeiten. 

 

"Man sieht Mobbing oft erst, wenn es zu spät ist"

 

Etwas, das auch Brigitte Ira aus ihrem Leben kennt. In dem Moment, wo Mobbing passiert, realisiere man das gar nicht wirklich, sagt die Betroffene rückblickend. "Man sieht es erst, wenn es zu spät ist", meint sie. "Man kriegt keine Luft mehr, man erstickt dran. Man kann sich auch nicht mehr wirklich wehren." Der Realisierungsprozess ist bei ihr schleichend vorangegangen, sie hat langsam bemerkt, wie gezielte, gehässige Aktionen gegen ihre Person gemacht wurden.

 

Der damals von ihr neu eingesetzte Kapellmeister im Verein hat sich einige der Musiker gefügig gemacht, wie es Frau Ira heute beschreibt. "Ich war ein Unsicherheitsfaktor, weil ich nicht das kleine Mäuschen gespielt habe. Im Nachhinein habe ich erkannt, dass alles eiskalt durchgeplant war." Mobbing passiert zwar meist unterschwellig, aber immer gezielt. Denn es dient oft der Machtdemonstration - Mobbingtäter wollen ihre Opfer niedermachen. Das fängt bei der Abwertung der Person an und Sagern wie: "Wie willst du das denn machen?" oder "Du kannst das nicht." 

 

Vorbeugende Maßnahmen gegen Mobbing

• Die Beschäftigten müssen auswählen können, wie sie ihre Arbeit ausführen.
• Der Anteil monotoner und in ständig gleicher Form wiederkehrender Arbeit ist zu verringern.
• Die Vorhersehbarkeit des Arbeitsablaufs und Informationen über die Zielsetzungen müssen verbessert werden.
• Der Führungsstil muss angepasst werden.
• Unklare Rollen- und Aufgabenbeschreibungen sind zu vermeiden.

Quelle: Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz

 

Mobbing-Fälle sind aber von Fall zu Fall sehr unterschiedlich, weiß Expertin Elisabeth Knizak, Leiterin der Mobbing-Beratungsstelle Work & People. Nicht jede Veränderung, nicht jeder Konflikt sei automatisch Mobbing. Doch auf bestimmte Warnzeichen könne man dennoch Acht geben: "Verändert sich das Arbeitsklima? Ist die Stimmung giftiger geworden? Bekommt man ungewöhnliche Aufgaben? Spitzen sich die Konflikte zu?" Nicht jede Veränderung sei automatisch Mobbing, aber wenn die Aktionen gezielt und über einen längeren Zeitraum gesetzt werden, dann werden Betroffene höchstwahrscheinlich gemobbt. "Mobbing ist eine permanente Grenzüberschreitung."

 

"Nur den Kopf einzuziehen und zu warten, bis es aufhört, bringt nie etwas"

 

Aber wie können sich Betroffene wehren? "Es gibt leider kein Patentrezept", so Knizak. "Kommunikation ist oft gut, in anderen Fällen aber wieder nicht. Den Täter zu konfrontieren, ist auch nicht immer hilfreich." Knizak rät daher, sich an Beratungsstellen und Fachleute zu wenden, um herauszufinden, was dahinter steckt. Klar sei aber: "Nur den Kopf einzuziehen und zu warten, bis es aufhört, bringt nie etwas. Außer man weiß, dass der Mobber bald nicht mehr da ist, weil er etwa in Pension geht."

 

Mobbing ist eine permanente Grenzüberschreitung.
Elisabeth Knizak

 

Tendenziell seien Frauen stärker betroffen, weiß die Expertin. "Sie werden so sozialisiert, dass sie Konflikten eher aus dem Weg gehen, das brave Mädl spielen und sich nicht wehren. Das signalisiert dem Mobber, dass er weitermachen kann." Im eigenen Umfeld stoßen dann viele auf Unverständnis: "Die Umgebung versteht dann oft nicht, was mit den Betroffenen los ist. Sie aber stecken unter einem enormen Dauerstress", weiß Knizak. Manche Opfer würden dann ständig darüber reden, andere gar nicht.

 

"Ich bin ein Mensch, der alles rauslässt. Leider bekam es mein Umfeld sehr zu spüren. Ich habe mich zurückgezogen, alles rausgelassen. Ich wollte nicht krank werden", erinnert sich Frau Ira. Auch bei ihr habe das Umfeld "sehr eigenartig" auf ihr Mobbingtrauma reagiert. "Manche sagen, ich soll es einfach vergessen und sein lassen." Doch das kann sie nicht, solange jene, die sie jahrelang gemobbt haben, nicht zur Rechenschaft gezogen werden. "Ich spreche mit jedem, als wäre er mein Psychiater und jedes Gespräch endet mit dem Thema, weil ich das loswerden will. Ich will mein Leben wieder frei leben."

   

Man tritt wie der Hamster im Rad. Man macht immer mehr zu. Man spürt, da ist Fürchterliches hinter mir, man kann aber nichts dagegen tun.
Brigitte Ira

 

Sich nicht isolieren lassen

 

Expertin Elisabeth Knizak rät Betroffenen, in erster Linie auf sich selbst zu schauen. Ausreichend zu schlafen, sich zu bewegen und soziale Kontakte zu pflegen. "Man darf sich nicht isolieren lassen." Ein Mobbing-Tagebuch (hier etwa von der Arbeiterkammer) sei außerdem wichtig, damit alle Vorfälle dokumentiert werden.

 

Die Betroffene, Brigitte Ira, ist weiterhin überzeugt: "Mobbing ist Körperverletzung. Schwere Körperverletzung. Das geht über Jahre, man kämpft sich jahrelang durch und wird es nicht los." Jede neue berufliche Beziehung, die sie eingeht, steht unter dem Einfluss ihrer vergangenen Mobbingerfahrungen. "Es hängt einem nach, man glaubt nicht, wie tief das geht." Ihr Rat an andere Mobbingopfer: "Raus damit. Aufarbeiten. Nie mehr einem Mobber diese Macht geben."

 

Beratungsstelle

Das Zentrum für Mobbingberatung und Konfliktlösung am Arbeitsplatz Work & People engagiert sich seit 1997 für die Anliegen und Bedürfnisse von Mobbingbetroffenen, Führungskräften, BeraterInnen und allen am Thema Mobbing Interessierten.

Link: http://workandpeople.at/ 

 

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