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Frauenquote in Aufsichtsräten: Warum die Frauenquote in Aufsichtsräten ein wichtiger Schritt ist

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Die 30-prozentige Frauenquote ist da: in den nächsten Jahren müssen zwischen 470 und 600 Aufsichtsrätinnen neu bestellt werden. Aber wo sind die Frauen bisher geblieben?

Frauenquote in Aufsichtsräten

JobArnika Zinke & Jelena Gučanin(Wienerin)

Seit Tagen sorgt Maria Fekter, ehemalige Innen- und Finanzministerin der ÖVP, für Begeisterungsstürme im Netz. Der Grund: sie hält eine Brandrede für Frauenquoten – und das, obwohl ihre eigene Partei eigentlich dagegen ist.

"Ich bin vor 27 Jahren in die Politik gekommen und habe damals auch die Auffassung vertreten: A Quote brauch ma nicht", sagt sie darin. "Ich habe in 27 Jahren Politik einfach zur Kenntnis nehmen müssen: Es funktioniert halt nicht ohne Quote.“ Und: "Ich bin so eine Quotenfrau. [...] Diese Quote hat mich nicht blöder gemacht, hat mich nicht schlechter gemacht, hat mich auch nicht weniger motiviert in der Politik engagiert zu arbeiten."

 

 

Das Thema Quote spaltet die Gemüter wie kaum ein anderes frauenpolitisches Thema. Rufe nach Männerbenachteiligung und Sorgen über die reale Umsetzung dominieren die Debatte. Dass sie funktioniert, zeigen nicht zuletzt Länder wie Schweden, wo es heute 32 Börsenunternehmen gibt, deren Frauenanteil im Vorstand bei mehr als 40 Prozent liegt. Und auch deren Performance liegt kontinuierlich deutlich über dem Durchschnitt. Zum Vergleich: Österreich liegt beim Anteil der weiblichen Führungskräfte in Unternehmen mit nur 23 Prozent an viertletzter Stelle unter den 28 EU-Staaten. 

Die Quote kommt: 600 Aufsichtsrätinnen werden gebraucht

Die Quote in Vorständen österreichischer Privatunternehmen ist derzeit kein Thema in der heimischen Regierung. Besonders die ÖVP blockiert in dieser Frage vehement. Man wolle, so hieß es vor einigen Monaten in der Presse, den privaten Unternehmen keine Vorschriften machen und stattdessen "Rahmenbedingungen und Anreize für den Aufstieg von qualifizierten Frauen laufend verbessern". 

 

Aktuelle Zahlen
  • 3,6 Prozent Frauen arbeiten als CEO in Österreichs Unternehmen. Das sind 0,4 Prozent weniger als noch im Vorjahr.
  • Immer noch sitzen bei mehr als ein Viertel der Unternehmen ausschließlich Männer in Spitzenpositionen.
  • 7,2 Prozent. Das ist die Anzahl an Frauen, die derzeit im Durchschnitt in Vorständen börsennotierter Unternehmen in Österreich zu finden ist. Der niedrigste Anteil ist in der Industrie anzutreffen. Dort sind nur 4,3 Prozent der Posten mit Frauen besetzt. In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der Frauen in Vorstandspositionen um 2,2 Prozent verbessert. Wächst es in dieser Geschwindigkeit würde es 2027 erst 9,4 Prozent Frauen in Vorständen geben.
  • Mit Stichtag 02.01.2017 war in 159 der 200 Unternehmen keine einzige Frau im Vorstand vertreten.
  • Derzeit sind 18,1 Prozent der Sitze in österreichischen Aufsichtsräten mit Frauen besetzt. Durch die Quote soll dieser Wert nun auf 30 Prozent steigen.

 

Quelle: Frauen.Management.Report.2017 (AK), bezogen auf die Top-200 Unternehmen Österreichs.

 

Doch zumindest bei der Quote für Aufsichtsräte scheint sich die Regierung geeinigt zu haben: 30 Prozent der Aufsichtsrat-Posten in Betrieben mit mehr als 1.000 Beschäftigten sollen ab 2018 verpflichtend mit Frauen besetzt werden. Das bedeutet aber auch, dass die Nachfrage nach qualifizierten Frauen für diese Posten in nächster Zeit deutlich steigen wird. Bis zu 600 neue Aufsichtsrätinnen dürften Schätzungen zufolge bestellt werden müssen. Da stellt sich natürlich die Frage: Gibt es genug qualifizierte Frauen in Österreich, die diese Positionen übernehmen können- und wenn ja: Wieso waren sie bis jetzt nicht in diesen Positionen zu finden?

"Ich suche einen Aufsichtsrat, kennst Du jemanden?"

Josef Fritz, Inhaber von Board Search, einer auf die Vermittlung von Aufsichtsräten spezialisierten Personalagentur, sieht den Grund für den niedrigen Frauenanteil in Aufsichtsräten in den traditionellen Denkmustern, die in heimischen Firmen immer noch vorherrschend sind. "Entscheidend dafür, dass beim Frauenanteil in Gremien noch viel Luft nach oben ist, sind jene Verantwortlichen, die als 'Besteller' gelten - nämlich Eigentümer, Aufsichtsratsvorsitzende wie auch starke Vorstände, die in dieser Frage Einfluss haben. Deren Sichtweisen sind in zu vielen Fällen noch von althergebrachten, überholten Denkmustern geprägt".

 

Oftmals würden die Verantwortlichen Posten über Beziehungen innerhalb der Branche vergeben, frei nach dem Leitsatz "Ich suche einen Aufsichtsrat, kennst Du jemanden?". Doch eine Aufsichtsratsposition ist heute kein Ehrenamt mehr, sondern eine professionelle Tätigkeit, die verlangt, dass nach klaren Strukturen und Kriterien neue Fachkräfte gesucht werden. Das klassische Denkschema: Aufsichtsrat, 65 Jahre alt, männlich, über 20 Jahre Vorstandserfahrung und 15 Jahre Aufsichtsratserfahrung, wird obsolet, ist Fritz überzeugt.

 

Eine Beobachtung, die auch aktuelle empirische Studien über die Vergabe von Posten in österreichischen Unternehmen stützen. So wird im Frauen.Management.Report der Arbeiterkammer bemängelt, dass "die Aufsichtsratsbeschickung in Österreich in der Praxis sehr informell und unstrukturiert" abläuft. 

 

Factbox

In der Aufsichtsrätinnen-Datenbank (www.aufsichtsrätin.at) finden sich über 530 Frauen, die die fachliche und persönliche Kompetenz für eine Position im Aufsichtsrat nachweisen können. 

 

Die neue Regelung sieht Fritz daher durchaus positiv, obwohl aus seiner Sicht die Quote "grundsätzlich abzulehnen" ist. Aber: "Quoten sind dann erforderlich, wenn es zu Fehlentwicklungen und erheblichen Ungleichgewichten gekommen ist. Eine Quote hilft, die Balance wieder herzustellen". 

Fritz ortet hingegen besonders in den Vorstandsetagen österreichischer Unternehmen großen Handlungsbedarf: "Die Präsenz von Frauen in den Vorstandsetagen ist wirklich unbefriedigend. Das Schöne an der neuen Frauenregelung ist, dass viele Unternehmen nun mehr problembewusster sind und eine wertvolle Diskussion, auch medial begleitet, begonnen hat. Mir konnte noch kein Mann einen -mir nachvollziehbaren- Grund nennen, warum Frauen nicht bzw. nicht noch stärker in Aufsichtsratsgremien wirken sollen". 

 

Aufsichtsrätin: Was muss frau können? 

Gundi Wentner, Gründungspartnerin von Deloitte Human Capital Österreich, sieht ebenso kein Problem darin, genügend Frauen für die Posten zu finden. Und sie weiß, was frau mitbringen muss: "Um als Aufsichtsrätin in Frage zu kommen, sollte man bereits eine Führungsposition in einer großen Organisation, einem Vorstand oder einer Geschäftsführung innehaben." Doch auch freie anspruchsvolle Berufe wie Anwältin, Universitätsprofessorin, Wirtschaftsprüferin oder Beraterin würden zum Anforderungsprofil einer Aufsichtsrätin passen. "Entscheidend sind vor allem fundierte Branchenkenntnisse und internationale Erfahrung. Je nach Aufsichtsrat und Bedarf ist auch ein gewisses Maß an Finanz-Expertise vorteilhaft", sagt Wentner. 

 

Für sie haben Frauen in Aufsichtsratspositionen auch eine wichtige symbolische Funktion: "Durch die Frauenquote in Aufsichtsräten werden Frauen sichtbarer. So werden Vorbilder geschaffen." Sie wünscht sich auch in den Bereichen Politik und öffentliche Verwaltung eine 50:50-Quotenregelung .

 

 

Magdalena Niederwieser, Projektleiterin von "Zukunft.Frauen", einem Führungskräfteprogramm für Frauen, sieht neben den fachlichen Qualifikationen aber auch Soft Skills als wichtige Voraussetzung: "Diese reichen von Verhandlungsführung über Kommunikations- und Präsentationstechniken bis hin zum Netzwerken. Ein starkes Netzwerk im Hintergrund ist auch eine wichtige Basis für solch eine Position."

 

Und weil genau diese Netzwerke männlich dominiert sind, sitzen so wenige Frauen in Führungspositionen. Das weiß auch Brigitte Ederer, Ex-Siemens-Managerin, die in mehreren Aufsichtsräten sitzt: "Weil männliche Aufsichtsräte in der Regel wieder Männer vorschlagen. Offensichtlich braucht es die Quote um eine verstärkte Repräsentanz von Frauen durchzusetzen." Einer Studie der Wirtschaftsuni Wien zufolge werden nur 22 Prozent der Aufsichtsräte als Außenstehende berufen, alle anderen gelangen wegen persönlicher Bekanntschaft in die Unternehmen.

 

Doch die ExpertInnen sind sich darin einig, dass die Quote allein nur ein Schritt von vielen sein kann. "Damit wir mehr Frauen in allen Führungsetagen und Aufsichtsräten haben, müssen endlich die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verbessert werden", sagt Magdalena Niederwieser.

 

Aufsichtsrätinnen in Österreichs Top-200 Unternehmen

Claudia Kahr, asfinag  
Christine Marek, Bundesimmobilien GmbH
Mathilde Umdasch, Doka GmbH 
Bettina Glatz-Kremsner, EVN AG  
Heidegunde Senger-Weiss, Gebrüder Weiss GmbH
Patricia Rüf, Liebherr-Werk Nenzing 
Christine Bernegger, LKW Walter AG   
Brigitte Ederer, ÖBB Infrastruktur AG 
Herta Stockbauer, Oberbank AG 
Edith Hlawati, Österreichische Post AG 
Branka Skaramuca, T-Mobile Austria GmbH 
Mathilde Umdasch, Umdasch AG 
Brigitte Ederer, Wien Holding GmbH 
Ulrike Huemer, Wiener Linien GmbH 
Regina Prehofer, Wienerberger AG   
Fromme-Knoch Christina, WIG Wietersdorfer Holding GmbH  
Susanne Riess, Wüstenrot Versicherung-AG

 

Quelle: Frauen.Management.Report.2017 (AK). 

 

Ein Thema, das immer wieder in diesem Zusammenhang angesprochen wird, ist: die Qualität des Aufsichtsrates würde sich durch die Präsenz von Frauen verbessern. Gundi Wentner sieht die Begründung darin, dass passende Frauen tendenziell besser qualifiziert sind: "Sie haben höhere Beförderungshürden, arbeiten härter, sind sehr ernsthaft bei der Sache." Auch Brigitte Ederer sieht Vorteile in gemischten Teams: "Mehrere internationale Studien belegen, dass eine stärkere Frauenrepräsentanz in Führungsebenen von Unternehmen auch zu einer besseren ökonomischen Entwicklung führt."

 

Board Search-Inhaber Fritz kennt diese Qualitätssteigerung aus der Praxis: "Ich habe in der Praxis erlebt, dass alle Frauen bestens vorbereitet  zu den Sitzungen kamen - was ich nicht über alle männlichen Aufsichtsräte sagen kann. Frauen haben Stärken in der Kommunikation. Ein Aufsichtsrat produziert nichts, er dienstleistet auch nicht wirklich, sondern ist ein Kommunikationsorgan. Ich habe Frauen im Aufsichtsrat auch als risikomindernd und als bessere Teamplayer erlebt."

Oder um es in den Worten Maria Fekters zu sagen: "Die Frauen, die sich engagieren, die den Mentorinnenprozess für die Aufsichtsräte durchlaufen, die in den Aufsichtsräten tätig sind - die sind gut! Und zwar meistens besser als so manche Männer, die die Sesseln versitzen."

 

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines Schwerpunktes zum österreichischen Frauenvolksbegehren. Die WIENERIN Online setzt sich darin in regelmäßigen Abständen mit den Forderungen der Bewegung auseinander. Diesmal: "50-prozentige Frauen*quote in Leitungsgremien staatlicher und börsennotierter Unternehmen und Sanktionen".

 

Video: 6 Gründe, warum Frauen in Österreich noch immer weiterkämpfen müssen

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