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Meinung : Ich wollte keine Lehrerin mehr sein. Und das sind die Gründe

von

Ursula Neubauer ist Journalistin. Schon lange. Und total gerne. Dabei hatte sie mal Lehramt studiert und auch unterrichtet. Warum sie aus der Schule wieder raus wollte und worum sie LehrerInnen nicht beneidet, erklärt sie hier.

Lehrerin in Schulklasse

JobUrsula Neubauer(Wienerin)

Okay, sag niemals nie, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich noch einmal als Lehrerin vor einer Klasse stehen werde, ist eher gering. Ich arbeite lieber als Journalistin. Dass ich das System Schule und diesen Job, den ich zwei Jahre lang ausgeübt habe, wirklich nicht vermisse, hat mehrere Gründe. Und sie alle beinhalten: Liebe Lehrerinnen und Lehrer, ich beneide euch um folgende Sachen wirklich nicht!

 

1. Eine Unterrichtsstunde kostet mehr Energie als eine am Schreibtisch

Wenn zirka 30 Halbwüchsige auf dich fokussiert sind; Du Entertainerin, Dompteur und sonstwas gleichzeitig bist, und diejenige sein sollst, die vorgibt, wie die Stunde abläuft, dann ist das anstrengend und kostet viel Energie. Mehr Energie als mich die gleiche Zeit Schreibtischarbeit kostet. Da kann ich außerdem jederzeit aufs Klo gehen und mir einen Kaffee holen.

 

2. Als LehrerIn ist man an allem Schuld

Wenn Kinder faul sind, dann hast du sie als Lehrerin nicht ordentlich motiviert. Wenn sie was nicht verstehen, hast du nicht gut erklärt. Wenn sie frech und undiszipliniert sind, hast du sie nicht im Griff ... und so weiter. Wie, du willst ihnen was Fachliches beibringen und nicht sie erziehen? Geht gar nicht. Als Lehrerin bist du einfach immer an allem Schuld. Das ist praktisch. Nur halt nicht für die Lehrerschaft.

 

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3.  Woher habt ihr diese Geduld?

Mit den Schülerinnen und Schülern in den Oberstufenklassen hab ich gerne gearbeitet - für die Kleinen aber fehlte mir ein bisschen die Geduld. Liebe Unterstufen- und PflichtschullehrerInnen, wie macht ihr das? Ruhig und geduldig auf 100e "Mit welcher Farbe soll ich das unterstreichen?", "Der hat mir den Bleistift weggenommen"-Dinge zu antworten?

 

"Ich mochte diese ständige Jammerei nicht"

 

4. In LehrerInnenkreisen wird man doch recht schnell zur Pessimistin

Auch wenn ich hier aufzähle, was ich am Lehrerjob anstrengend fand, und das alles Lehrer-Jammer-Stoff ist, mochte ich die generelle Jammerstimmung, die in Konferenzzimmern oft herrscht, gar nicht. Ich kenne jetzt doch mehrere Branchen und mein persönliches Fazit ist: Beim Jammern und sich Angegriffen-Fühlen ist die Lehrerschaft schon immer ganz vorne dabei. Und das ist ansteckend.

 

5. Ich hatte mal gedacht, Deutsch zu unterrichten wäre sinnvoll

Ich war wirklich davon überzeugt, dass es total sinnvoll ist, Kindern und Jugendlichen Deutsch beizubringen. Weil davon haben sie doch was, oder? Ja, eh. Aber bis sie auch verstehen, dass das wichtig ist, sind sie längst nicht mehr in der Schule. Bis dahin interessiert es sie einen feuchten Dre.. . Könnte einem als Lehrer natürlich wurscht sein. Ist aber trotzdem zach.

 

6. Ich muss ganz normale Wörter jetzt nicht mehr im Duden nachschauen

Ich hab nur zwei Jahre lang Deutsch unterrichtet. Aber mein Sprachgefühl war höchstgradig gefährdet und meine Rechtschreibfähigkeiten auch. Ich hab nämlich gelernt: Wenn man Wörter nur oft genug falsch geschrieben sieht, dann wird man auch als studierte Germanistin ganz schnell unsicher und schaut jeden Sch... im Duden nach.

 

7. Die Rahmenbedingungen könnten besser sein

Dass man oft zwischen mehreren Schulen hin- und hergeschickt wird, macht den Job nicht attraktiver. Mindestens so mühsam war das viele Hin- und Her zum Thema Matura neu. Da gab's zum Beispiel (zu meiner Zeit) große Diskrepanzen zwischen dem Lehrplan und dem, was die neue Matura vorsah, hätte ich also nach Lehrplan unterrichtet, hätten meine SchülerInnen damals nicht das gelernt, was bei der Matura abgefragt werden sollte ...  

 

8. Ich hatte oft ein schlechtes Gewissen in meiner Freizeit

Dass man viel Arbeit - also Stundenvorbereitung und Korrigieren - jederzeit und von überall aus machen kann, das ist irgendwie Segen und Fluch gleichzeitig. So toll es ist, sich seine Arbeit abseits von den Unterrichtsstunden frei einteilen zu können, wirklich "frei" ist man im Kopf selten. Das Thema "Schule" ist ständig präsent, weil eigentlich könnte man ja grade auch korrigieren ...

 

9. Es ist laut und riecht nach Wurstsemmeln

Wenn ich manchmal kurz nach 7:00 die Tür ins Schulgebäude aufgemacht habe, wollte ich mich am liebsten wieder umdrehen. Mir wehte nämlich starker Lärmwind entgegen. Der war echt beachtlich. In den Pausen genauso. Das muss man echt aushalten können. Und der Wurstsemmelgeruch dann macht's auch nicht besser.

 

10. Ich kann mir jetzt Urlaub nehmen, wann ich will

Gut, das ist ein Thema, da muss man sich einfach entscheiden, wie man es lieber hat. Und seine Berufswahl dann danach ausrichten. Will man lieber ganz ganz viel frei haben, aber dafür in vorgegebenen Zeiten, oder weniger frei haben, aber diese Tage frei wählen können. Mir ist Zweiteres lieber, weil ich so die Erholung eher dann kriege, wenn ich sie wirklich brauche. Mir freiheitsliebendem Menschen entspricht das einfach mehr.

 

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Kommentare

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4 Kommentare
Gast: Lia
11.03.2017 09:22

Die Misststände in der Schule publik machen

Ich möchte gerne zu meinem Kommentar noch hinzufügen: Wenn Sie einen ehrlichen Artikel über die Missstände in der Schule schreiben wollen, dann stele ich mich als Interviewpartnerin gerne zur Verfügung.
Es ist längst schon überfällig, dass das wahre Bild des Lehrers/der Lehrerin der breiten Masse zugänglich gemacht wird.

Mit besten Grüßen

Gast: Lia
11.03.2017 09:19

Ich bekam ein Burnout nach 4 Jahren

Liebe Frau Neubauer!

Auch ich möchte mich herzlich für diese ehrlichen Worte bedanken. Die wenigsten KollegInnen sind ehrlich genug, um diese wahren Gedanken einer breiten Bevölerkungsschicht zugängig zu machen. Die meisten haben nämlich Angst, sie würden schief angeschaut, weil das Lehrerdasein ja ein "leiwandes" ist und einem Halbtagsjob gleicht (so der allgemeine Tenor), aber nichts sagen und schweigen, ist meiner Meinung nach, nicht der richtige Weg.
Ich war zweimal so lange Lehrerin wie Sie und habe mit einer vollen Lehrverpflichtung Englisch unterrichtet. Eigentlich war ich durch und durch eine wirklich gute Lehrerin und in dem Fall stinkt Eigenlob sicher nicht, sondern das Feedback der Eltern, SchülerInnen, KollegInnen und dem Direktor waren enorm gut. Als Überfliegerin bezeichnet kam dann das Burnout. Diesen Job kann man nicht mit viel Elan und Energie machen, sonst brennt man vollkommen aus, weil er einem so viel abverlangt. Ich bin arbeiten gewöhnt. Neben meinem Lehramtstudium, welches ich fast in Mindeststudienzeit geschafft habe, habe ich immer 15-20h gearbeitet und es war nicht dermaßend auslaugend wie das Lehrerdasein mit lauter Englischklassen!
Natürlich gibt es LehrerInnen, die haben ein schönes Leben. Ich spreche von der Kombi Religion/Turnen oder Werken/Zeichnen mit keiner Testverplfichtung und wenig Verantwortung im Sinne von Kindern etwas beibringen, sodass sie maturareif sind. Doch die bekommen den selben Gehalt! Das System ist so unfair!

Beste Grüße

Gast: sarah_199
10.03.2017 16:15

Liebe Frau Neubauer

vl war der Beruf Lehrerin für Sie einfach nicht passend - deshalb ein großes DANKE an diejenigen, die den Lehrer/Lehrerin Job jeden Tag so großartig ausüben ;)

Floete
10.03.2017 03:11

Jedes Wort kann ich nur unterstreichen!

Liebe Frau Neubauer, DANKE für diesen Artikel. Hoffentlich wird er von vielen gelesen und kann damit den Lehrberuf in ein anderes Licht rücken. Ich habe 38 Jahre lang tapfer durchgehalten, aber weiß im Nachhinein nicht, wie ich das geschafft habe. Muss man sich doch ständig von diversen Leuten den "Viel-Ferien-und Freizeit-Vorwurf" und so manch' andere abwertende Kommentare gefallen lassen! Obwohl man auch in der Freizeit oftmals am Ideen-Sammeln und Nachdenken (Evaluieren) ist und somit eigentlich nie ganz "frei" hat (siehe Pkt. 8). Dazu kommt noch der Druck von "allen Seiten" (Ministerium, Landesschulrat, Direktion, Eltern, Schülerinnen und Schüler, Medien... etc.) Man fühlt sich quasi immer irgendwie „getreten“ und als Sündenbock, wie das so treffend in Pkt. 2 formuliert ist! Das ist alles sehr belastend → siehe Burn-out Rate im Lehrberuf! Der Schulbetrieb ist ohnehin nur aufrecht zu erhalten, weil eine Schar duldsamer Idealisten sich darauf ein- und all das täglich gefallen läßt!