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Ausbildung: Ich war auf Österreichs gendergerechtester Schule

von

Wie stellen wir uns eigentlich die ideale Schule vor? Unsere Redakteurin Teresa hat eine Idee, denn sie schwärmt bis heute von den Ausbildungsjahren, die sie zu einer mündigen, selbstbewussten Frau gemacht haben. Und das mitten in Wien.

JobTeresa Havlicek (Wienerin)

Das schönste Gefühl bei meinem Schulabschluss war, als ich mich nach meiner mündlichen Matura wieder hinsetzte und die jüngeren, zusehenden Klassen leise „Wow!“ sagen hörte. Ein Jahr zuvor hätte ich mir das auch nicht vorstellen können. Es war 2008, es gab sowohl in den USA als auch in Frankreich Präsidentschaftswahlen, und ich ­hatte die unterschiedliche Rhetorik im Wahlkampf analysiert. Ich diskutierte dieses Thema in fließendem Englisch und Französisch, außerdem sprach ich sehr gut Spanisch, da ich meine Service-Praktika in einem spanischen Hotel absolviert hatte. Die politischen Ereignisse dieses Jahres ließen mit Hillary Clinton und Ségolène Royal wieder keine Frau an die Spitze einer Weltmacht gelangen, und ich war mir der Gründe durchaus bewusst. Wir hatten die letzten fünf Jahre damit verbracht, über strukturellen Sexismus zu diskutieren, auch wenn wir es damals nicht so nannten. Aber aus irgendeinem Grund hatte ich als Frau trotzdem keinerlei Zweifel daran, dass ich die Welt erobern könnte. Ich war bereit.

 

 

Ich verstand Sexismus, fühlte mich dadurch aber nicht eingeschüchtert.

Teresa Havlicek

 Der erleichterndste Moment meiner Schullaufbahn: Meine Mama und ich bewundern das Maturazeugnis.

 

"Ich bin bis heute verliebt in meine Schule" 

Kaum jemand spricht vermutlich so verliebt über seine Schulzeit wie ich, aber es ist genau diese Mischung aus umfassender politischer Bildung, einem Verständnis für die Welt und all ihre Tücken, und trotzdem die Fähigkeiten und das Vertrauen mitzubekommen, in ihr Erfolg haben zu können, die meine Schulzeit so besonders gemacht hat. Wie das geht? Eine ziemlich clevere Kombination daraus, welche Ausbildung angeboten wird und wie gelehrt wird. Einerseits gibt es klassische Elemente, die man auch an vielen HAKs finden würde: Laptopklassen, Dresscode mit Business-Look, Englisch als Arbeitssprache, Kommunikationstraining, schulische Unterstützung für Auslandsaufenthalte, praktische Projektarbeit. Da es eine Tourismusschule ist, gibt es Service-Unterricht, ohne den eine praktische Herangehensweise und Bodenständigkeit vielleicht verloren gingen. Hinzu kommen Ausbildungsschwerpunkte mit Namen wie „Internationale Kommunikation und Wirtschaft“, „Wirtschaft mit Verantwortung“, „Kommunikations- und Mediendesign“ – wodurch neuerdings sogar Programmieren, Technik und Naturwissenschaft gelehrt wird. Und schlussendlich ist die Schule auch einfach durch das permanente Reflektieren von Geschlechterrollen besonders.

 

 

Teresa Havlicek

Unsere presigekrönte Übungsfirma "Talk'n'Travel" haben wir auch in der Wirtschaftskammer präsentiert. Den Award hab ich sehr keck im bauchfreien Blazer entgegengenommen.

"Reflektieren von Geschlechterrollen muss institutionalisiert werden"

In normalen Schulen hat man einfach Glück oder Unglück, der Zufall bestimmt, ob sich Lehrkörper mit ihren internalisierten Annahmen über Buben und Mädchen beschäftigen. An den Hertha Firnberg Schulen ist das komplett institutionalisiert: Es gibt eine Steuergruppe aus Lehrerinnen und Schülerinnen, die sich mit diesem Thema befasst und Workshops abhält. Weitergetragen wird das von den Gender-Beauftragten; davon gibt es in jeder Klasse zwei. Sie sind dafür verantwortlich, den Unterricht zu beobachten und Lehrerinnen auf unfaire Behandlungsweisen aufmerksam zu machen. Es sollten zum Beispiel nicht immer die Mädchen die Tafel putzen müssen oder Buben unterstellt werden, dass sie nicht gut in Sprachen sind.

 

Meine verrückten Jugendjahre: Hab's richtig krachen lassen.

 

Die Gender-Beauftragten planen mit ihrer Klasse auch das Projekt für „Gendermania“, wo einmal im Jahr kreative Ideen ausgearbeitet werden, um sich auf originelle Art und Weise mit Geschlechterrollen zu befassen. Eine Klasse hat zum Beispiel – in Anlehnung an die TV-Serie – How I Met Your Fathers inszeniert und sich mit dem Adoptionsrecht für Homosexuelle beschäftigt.
Ich will nicht lügen: Manchmal war es verdammt hart, sich im Alter von 17 Jahren mit den Schattenseiten der Globalisierung zu beschäftigen, und ich hatte das Gefühl, als ­lastete die Tragik der Welt auf meinen Schultern. Das Arbeitspensum glich manchmal eher jenem im mittleren Management eines Unternehmens. Im Maturajahr hatte ich einen kurzen Nervenzusammenbruch, bei dem ich meiner Mutter erklärte, ich würde auf die Maturaschule wechseln. Aber auf all das sehe ich heute mit einem Schmunzeln zurück. Dieses Gefühl nach der Matura, das war es wert. Ich war mir meiner Rolle in der Welt bewusst. Und ich hatte keinen Zweifel daran, dass ich sie erobern könnte.

 

Meine Klasse bei einem von vielen Events, wo wir irgendwas Superwichtiges präsentiert haben. Ich gebe dieser Ausbildung die Schuld an meinem chronischen Bedürfnis nach Aufmerksamkeit.

 

 

Geschichtsträchtig

Die Hertha Firnberg Schulen sind nach jener sozialdemokratischen Ministerin benannt, die für die Schülerfreifahrt, kostenlose Schulbücher und freien Hochschulzugang verantwortlich zeichnete. Sie wurde als erste Schule Österreichs mit dem Österreichischen Schulpreis in der Kategorie Gendergerechtigkeit ausgezeichnet.

 

Maria Ettl, Direktorin der Hertha Firnberg Schulen für Wirtschaft und Tourismus, erklärt die Gender-Strategie.
  • Gendermania. Der Name ist eine Anlehnung an die Show Starmania und erleichtert den Zugang zum Thema. Dies soll den Wettbewerbs­charakter und den Spaßfaktor der Veranstaltung betonen.
  • Gender-Symposium. Bei dieser Veranstaltung wird die Thematik auf ein akademisches Niveau gehoben. Matura­arbeiten zu Gender-Themen werden vor einer hochkarätigen Jury vorgestellt und diskutiert.
  • Schulentwicklung. Neben Sensibilisierung wird auch permanent am Ausbildungsangebot gefeilt, um Mädchen und Burschen auch atypische Berufs- und Studienwahl zu ermöglichen.

 

Übrigens:

Eine meiner Lehrerinnen war damals Selma Prodanovic, die heute eine der wenigen Business Angelinas Österreichs ist, vielen Start-Ups auf die Sprünge geholfen hat und in der Puls4-Show "2 Minuten 2 Millionen" öffentlich bekannt wurde. Hier ist unser inspirierendes Interview mit ihr.

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