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Selbstversuch: So hat das Großraumbüro meine Arbeitsweise verändert

von

Die WIENERIN ist in ein neues Büro umgezogen. Ein Großraumbüro. Wir haben das zum Anlass genommen, uns das Open Office genauer anzusehen und uns selbst zu beobachten. Ein etwas anderer "Selbstversuch".

JobLjubiša Buzić(Wienerin)

Gute 30 Augenpaare starren gebannt auf die Powerpoint-Präsentation. Darauf zu sehen: ein großes Rechteck mit kleineren Kästchen und Linien, winzige Schreibtische – unser zukünftiger Arbeitsplatz, ein Großraumbüro. Zwei Monate vor dem Umzug, und viele der Gesichter wirken skeptisch. Kein Wunder, hat doch das offene Office einen eher schlechten Ruf. Wie die Hendln in der Legebatterie, so stellt man sich das normalerweise vor.

 

Wienerin-Büro

 

Ich beschließe, das Beste aus der Sache zu machen, und bin neugierig, wie das Hendlleben wohl aussehen mag. Was macht der neue Raum mit uns? Wie verändert die Umgebung die Art, wie wir arbeiten und miteinander umgehen? In den folgenden Monaten versuche ich, Antworten darauf zu finden. Hier mein „Raumtagebuch“:

 

Tag 1 – Willkommen im Hendlleben

Was gleich auffällt: der Lärmpegel. Selbst leise Dialoge höre ich noch vom anderen Ende des Raums. Konzentrieren ist schwierig, mein Kaffeebedarf geht in die Höhe. Werde ich so arbeiten können?

Für den US-Psychologen Ron Friedman, Autor von The Best Place to Work, ist Lärm nicht nur negativ: „Ein leises Hintergrundrauschen ist gut für kreative Arbeiten“, sagt er. Daher auch das Bild des Autors, der im Kaffeehaus sitzt und seinen Block vollschreibt. Das gilt aber nur, solange man keine Gespräche heraushört. Die lenken uns nämlich am effektivsten ab, treiben die Produktivität nach unten und den Stress nach oben. Eine Lösung versprechen Firmen, die sich auf „Sound Masking“ spezialisiert haben. Hier wird durch Lautsprecher ein Grundrauschen erzeugt, das Gespräche übertönt. Man versteht noch die Kollegin am Nachbartisch, nicht aber das ganze Büro.

Wir versuchen es mit Kopfhörern, die eine ähnliche Funktion haben, und sitzen einen Tag lang da wie in der Silent Disco. Leider fühlt es sich an, als ob man in einer Flugzeugkabine hockt. Vorerst bleiben wir dabei, dass wir die Telefone leiser drehen und unsere Stimmen senken. Die Flugzeugkabine behalte ich für den Notfall.

 

Tag 27 – Bissl paranoid

Auch wenn es mit dem Leisesein gut funktioniert, irgendwie fühle ich mich trotzdem noch ein bisschen wie auf dem Präsentierteller. Für Ron Friedman ist das ganz klar das Erbe unserer Urahnen, der Jäger und Sammler: Auf offenen Flächen fühlen wir uns einfach nicht wohl und ­suchen immer nach einem Schutz.

Die Wiener Arbeitspsychologin Veronika Jakl rät dazu, Rückzugsräume konsequent zu nutzen: „Das kann etwas entlasten und Stress rausnehmen.“ Ich beschließe, mich öfter mal in einen der leer stehenden Besprechungsräume zurückzuziehen.

Das Gefühl, beobachtet zu werden, kann aber auch zum sogenannten Präsentismus führen. Schnell kann der subjektive Eindruck entstehen, dass nur, wer möglichst lange anwesend ist, auch produktiv ist. „Da muss man schon hinterfragen: Ist dieser Druck tatsächlich vorhanden? Oder ist es vielleicht so, dass ich mir diesen Druck selber mache?“, sagt die Psychologin. Im Zweifelsfall kann man das Thema immer noch offen ansprechen.

Tag 92 – Sandmännchen

„Es wird scho glei du-umpa, es wird scho gleich Nacht …“, diese Zeilen singe ich vor mich hin, als ich aus der Mittagspause zurückkomme. Es ist nämlich stockdunkel. Draußen ist es schon herbstlich und drinnen gab es entweder einen Stromausfall oder jemand war so wahnsinnig und hat das Licht im ganzen Büro ausgemacht. Die PC-Monitore leuchten noch bläulich vor sich hin. Also kein Stromausfall. Tatsächlich hat die Kollegin in meiner Abwesenheit angeregt, dass wir doch mal probieren sollten, für eine halbe Stunde das Licht auszumachen, weil das Neonlicht so arg ist.

Die Psychologin wäre wohl stolz auf uns: „Gerade in der Anfangszeit ist es wichtig, Probleme sofort anzusprechen und Dinge auszuprobieren.“ Die Schlummerstunde bleibt aber nur ein Test.

 

Tag 115 – Langsam wachs ma z’samm …  

Barbara kommt jeden Freitagnachmittag und fragt, ob jemand eine Zigarette hat (und zieht ohne davon). Valerie klagt, dass sie ihrer Mama nie ihre Arbeits-Mailadresse hätte geben dürfen. Und Teresa prustet wieder einmal lautstark los, weil sie etwas Lustiges gelesen hat. Fast vier Monate sind vergangen. Das Büro ist schon angenehm gestaltet, mit Zimmerpflanzen und großen WIENERIN­Covern an den Wänden. Klar gibt es immer wieder die scheinbar aus dem Nichts kommenden Ausbrüche von Lärm, und mein Kaffeekonsum hat sich immer noch nicht eingependelt. Aber ein Positives hat die Sache immerhin: Wie sang Ambros doch einmal? „Langsam wachs ma z’samm …“ 

 

Lesen Sie das ganze Interview mit Arbeitspsychologin Veronika Jakl.

 

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