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Interview

„6-Stunden-Arbeitstag auch in Österreich möglich“

von

Manuela Vollmann, Expertin für flexible Arbeitszeitmodelle, im Gespräch über 6-Stunden-Modelle und wie ÖsterreicherInnen davon profitieren könnten.

JobJelena Gučanin(Wienerin)

 

Einige schwedische Unternehmen testen derzeit den 6-Stunden-Arbeitstag. Wäre das für Österreich auch denkbar?

MANUELA VOLLMANN: Grundsätzlich ja, denn es geht darum die Rahmenbedingungen für Menschen im Arbeitsalltag neu zu gestalten. Allerdings müssen die Arbeitsaufgaben dann eben auch in dieser Zeit zu schaffen sein. Hinzuschauen, wie effizient Menschen arbeiten, ist sicher sinnvoll, aber immer mehr in weniger Zeit schaffen zu müssen kann nicht das Ziel sein. Das heißt dann z.B. auch, dass man sich überlegen muss, ob es sinnvoll ist, eine Stelle neu zu definieren oder auch in anderen Modellen aufzubauen (Job-Sharing, Jobsplitting etc.). Ich finde, es darf dann auch nicht nur ein Modell sein, das hauptsächlich Frauen nutzen, damit sie die Kinderbetreuung und den Haushalt gut unter einen Hut bekommen. Wenn, dann braucht es hier Lösungen für Frauen und Männer.

Dabei ist aber auch für mich ganz klar: nur die Einführung eines 6-Stunden-Arbeitstags für Frauen und Männer reicht nicht, damit sich auch in Sachen gerechtere Aufteilung von unbezahlter Arbeit für Frauen und Männer etwas zum Positiven ändert. Schweden hat da ja eine ganz andere, grundsätzlich gleichstellungsorientiertere Kultur, die nicht so auf Österreich übertragbar ist. Ich würde z.B. begleitende Beratung für Paare empfehlen, um die Zeit- und Aufgabenaufteilung für Haushalt, Kinder, Pflege etc.  positiv für beide zu gestalten.

 

Schweden hat eine ganz andere, grundsätzlich gleichstellungsorientiertere Kultur.
Manuela Vollmann

 

 

Welche Vor- oder Nachteile hat eine kürzere Arbeitszeit?

VOLLMANN: Kürzere Arbeitszeiten sind nur dann von Vorteil, wenn Sie auch existenzsichernd sind. Viele Frauen arbeiten viel zu lange in Teilzeit und das wirkt sich dann ja auch negativ auf die Pension aus.

Vorteile sehe ich erst dann, wenn es strukturierte Modelle gibt, die dann unterschiedlichen Bedürfnissen und Anforderungen von Frauen und Männern gerecht werden. Außerdem braucht es da auch mehr Flexibilität. Nicht alle Menschen wollen auf Dauer kürzere Arbeitszeiten, aber in bestimmten Lebensphasen kann das Sinn machen. Es muss also die Möglichkeit geschaffen werden, eine Zeit lang weniger, aber dann auch wieder mehr zu arbeiten – wir sprechen da von lebensphasenorientierten Arbeitszeitmodellen.

 

Warum würde ein kürzerer Arbeitstag – bei vollem Gehalt – auch Frauen zugute kommen?

VOLLMANN: Ich glaube es braucht Modelle, die Frauen UND Männern zugute kommen. Männer wollen auch keine 60 Stunden und mehr arbeiten und Frauen wollen nicht mehr die alleinige Verantwortung für Kinder, Haushalt und in vielen Fällen auch für die Pflege von Angehörigen übernehmen. Ich finde die 30h Woche für Männer und Frauen ein gutes Modell.

 

Österreich hat ein starres Arbeitszeitsystem.
Manuela Vollmann


 

Sie beschäftigen sich mit flexiblen Arbeitszeitmodellen. Hat Österreich ein zu starres Arbeitszeitsystem?

VOLLMANN: Ja, obwohl es mittlerweile bei vielen Unternehmen schon angekommen ist, dass es hier ein Umdenken und damit verbunden auch eine Veränderung der Rahmenbedingungen braucht. Es geht um die Schaffung und Gestaltung von neuen Arbeitszeit- und Arbeitsorganisationsstrukturen. Die technische Entwicklung macht hier einiges an Unterstützung möglich, muss aber entsprechend eingebettet und gestaltet werden.

 

Was würden Sie in dieser Hinsicht ändern?

VOLLMANN: Mehr Strukturen für lebensphasenorientiertes Arbeiten schaffen und die Menschen nicht mehr daran messen, wie viele Stunden sie täglich arbeiten, sondern welche Ergebnisse erzielt werden.

 

Können Sie ein paar Beispiele für flexible Arbeitszeitmodelle nennen?

VOLLMANN: Ich teile mir meine Position bei abz*austria mit einer zweiten Geschäftsführerin, meiner Kollegin Daniela Schallert, im Top-Job-Sharing Modell. Das bedeutet gemeinsame Verantwortung, aber auch komplett getrennte Aufgabenbereiche.

In Bezug auf unsere Projekte müssen sehr komplexe Entscheidungen getroffen werden, diese stehen dann auf vier Beinen besser als auf zwei. Wir gewährleisten dadurch die Nachhaltigkeit von Entscheidungen. Wir haben aber bei abz*austria auch eine Gleitzeitvereinbarung für MitarbeiterInnen ohne fixe Kernzeiten, Home-office Möglichkeit und viele Kolleginnen, die auch Bildungskarenzen in Anspruch genommen haben oder gerade nehmen.

 

Welchen Nutzen haben flexiblere Modelle für Unternehmen – und wie viel müssten sie dafür aufwenden?

VOLLMANN: Für das Employer Branding sind flexiblere Modelle für Unternehmen eindeutig von Nutzen. Der Wert der ArbeitgeberInnenmarke wird massiv gesteigert. Aus vielen Umfragen weiß man, wie wichtig den Arbeitnehmerinnen die sogenannte Work-Life-Balance ist. Das Wort hat ja nicht umsonst Hochkonjunktur im Sprachgebrauch. Es wird also Zeit diesem Wunsch zu entsprechen, zumindest für jene Unternehmen, die die besten Mitarbeiterinnen rekrutieren und längerfristig ans Unternehmen binden wollen.

Flexiblere Modelle wirken sich dann auch positiv auf die Leistung und Motivation der MitarbeiterInnen aus. Dem wachsenden Bedürfnis nach besserer Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben wird durch die Erleichterung beim Wiedereinstieg nach familiären Auszeiten entgegen gekommen. Auch die demografische Entwicklung, sprich der steigende Anteil der älteren und der sinkende Anteil der jüngeren Generation spricht dafür sich rechtzeitig in Sachen Generationenmanagement im Unternehmen fit zu machen.

 

Flexiblere Modelle wirken sich auch positiv auf die Leistung und Motivation der MitarbeiterInnen aus.
Manuela Vollmann

 

 

Müssen auf der anderen Seite auch staatliche Förderungen weiter ausgebaut werden, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen?

VOLLMANN: Ja, da ist nach wie vor einiges zu tun. Solange wir keine entsprechende Anzahl an qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungsplätzen und  nicht endlich die fast europaweit eingeführte Ganztagsschule zur Verfügung haben, wird es auch mit der Vereinbarkeit schwierig.

 

Warum ist es für Unternehmen so schwer, sich auf flexiblere Modelle einzustellen?

VOLLMANN: Die starren Strukturen sind über viele Jahre gewachsen und es braucht da auch ein gesamtgesellschaftliches Umdenken. Wir wissen, dass einige Unternehmen Sorge haben, die Kontrolle zu verlieren, z.B. darüber, ob jemand wie im Fall von Home-Office dann tatsächlich auch arbeitet.

Diese Sorge ist laut vieler Studien unbegründet, die Menschen arbeiten meist sogar mehr. Fakt ist aber, dass man Veränderungen wollen und sich dann auch auf allen Ebenen damit auseinandersetzen muss. Führung muss sicherlich dann auch anders gedacht und gelebt werden – new world of work needs new leadership.

   

 (c) www.annarauchenberger.com/Anna Rauchenberger

(c) www.annarauchenberger.com/Anna Rauchenberger

   

 

Zur Person

Manuela Vollmann Vorstandsvorsitzende, Geschäftsführerin und Gründerin von abz*austria, einem Non-Profit-Unternehmen für Gleichstellung am Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft. Vereinbarkeits- und Arbeitszeitmodelle sind eines ihrer Spezialgebiete.

 

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