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Rheuma: Der Feind in meinem Körper: Warum wir uns über Rheuma informieren müssen

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Verknöcherte Finger, deformierte Gelenke, Schmerzen: Wer bei Rheuma immer noch nur an alte Menschen denkt, ist schlecht informiert. Warum rheumatische Beschwerden längst zum Frauenthema geworden sind und wie wir den Krankheitsverlauf selbst in die Hand nehmen können.

GesundheitBirgit Brieber(Wienerin)

Bis vor ein bis zwei Generationen war es tatsächlich so: Ältere Menschen mit verformten Fingern, die kaum ein Marmeladeglas halten geschweige denn öffnen konnten, waren im Bekanntenkreis keine Seltenheit. Dass Rheuma spät oder nie erkannt wurde, hat dazu geführt, dass die Krankheit in unserer Großelterngeneration eben oft so weit fortgeschritten war.

Die gute Nachricht: Dank moderner Therapien sind alle Rheuma-Arten heute gut behandelbar. Die schlechte: Rheuma gehört zwar zu den am weitesten verbreiteten Krankheiten, wird aber trotzdem oft noch (zu) spät erkannt.

 

Rheuma: Die Symptome beginnen oft schleichend

 

Die häufigsten Rheumaformen sind rheumatoide Arthritis, Psoriasis-Arthritis (Schuppenflechte), Weichteilrheumatismus, degenerative Gelenkserkrankungen wie Arthrose, Kollagenosen, Fibromyalgie, Morbus Bechterew und Gicht. Die Symptome beginnen oft schleichend und werden am Anfang als Sportverletzung, Zerrung oder gar Einbildung abgetan. Ein geschwollener Fuß, ein schmerzender Händedruck oder morgendliche Gelenkssteifigkeit, die dann tagsüber wieder verschwindet: An eine rheumatische Erkrankung denkt da erst einmal niemand.

 

PatientInnen leiden oft jahrelang unter starken Schmerzen und warten trotzdem vergeblich auf eine korrekte Diagnose. "Wenn die ersten Gelenke oder Sehnen zu schmerzen anfangen, ohne dass ich weiß, warum, also ohne dass ich mich wo angeschlagen oder mich überarbeitet habe, dann ist das sehr suspekt und kann für ein rheumatisches Leiden sprechen", so Thomas Schwingenschlögl (dr-schwingenschloegl.at), Facharzt für Rheumatologie. Er hat schon oft erlebt, wie die Krankheit sich langsam und unbemerkt einschleicht: "Der erste Rheumaschub ist manchmal massiv, sodass plötzlich alle Gelenke geschwollen sind und man sich kaum bewegen kann. Dann gehen die PatientInnen natürlich gleich zum Arzt. Viel häufiger aber ist eine dezente Schwellung an Sehnen oder Gelenken und Morgensteifigkeit, die von Woche zu Woche schlimmer werden."

 

"Dabei sagt ein negativer Rheumafaktor gar nichts aus"

 

Die erste Anlaufstelle für Betroffene ist meistens der oder die praktische ÄrztIn, welche/r die PatientInnen im Idealfall gleich zu Facharzt oder Fachärztin schickt. Viel zu oft passiert das nicht, weil ungeschulte Medizineraugen die Symptome falsch deuten oder schlicht gar nicht erkennen. Und der Leidensweg von den ersten Symptomen bis zur Diagnose dauert meist viel zu lange. Schwingenschlögl: "Bei Verdacht auf Rheuma wird ganz oft ein kleines Blutbild mit negativem Rheumafaktor gemacht, und schon heißt es: 'Sie haben kein Rheuma!' Dabei sagt ein negativer Rheumafaktor gar nichts aus. Er ist ein Indiz für gewisse Krankheiten, aber noch lange kein Beweis."

 

Bei der Diagnose eines so komplexen Kreises von Krankheiten helfen Erfahrung und klare Krankheitsmuster. "Jede rheumatische Erkrankung muss komplett unterschiedlich behandelt werden. Der erste Schritt sind Laborbefunde und bildgebende Verfahren wie Röntgen, Ultraschall und MRT, um den ersten Verdacht abzuklären. Erst dann wird mit einer medikamentösen Therapie, einer sogenannten Basistherapie, begonnen", so Schwingenschlögl.

 

Bei diesen Anzeichen sollte man hellhörig werden:

»PLÖTZLICHE GELENKSSCHWELLUNGEN: Wenn über Nacht plötzlich Schwellungen in Händen und / oder Füßen auftreten und man sich nicht erklären kann, woher sie kommen, sollte man das bei Arzt oder Ärztin abklären lassen.

»MORGENSTEIFHEIT UND GELENKSSCHMERZ: Die Gelenke sind in der Früh steif, schmerzen und brauchen oft Stunden, um sich normal anzufühlen.

»KRAFTLOSIGKEIT: Das Öffnen des Marmeladeglases stellt in der Früh schon die erste Hürde dar.

»BEGRÜSSUNGSSCHMERZ: Ein zu kräftiger Händedruck schmerzt.

»BEWEGUNGSEINSCHRÄNKUNG: Eine Faust machen oder die Finger ausstrecken ist schwer bis gar nicht möglich.

 

Rheuma ist ein Überbegriff für über 400 sehr komplexe Erkrankungen. Rund ein Viertel der Bevölkerung ist in irgendeiner Form betroffen, Frauen sogar dreimal häufiger als Männer. Die gefährlichste Form sind entzündliche Rheumatismen. Das Tückische daran: Bei entzündlichem Rheumatismus wie Psoriasis-Arthritis richten sich die Abwehrzellen des Immunsystems gegen den eigenen Körper, sind hyperaktiv und greifen gesunde Gelenkinnenwände und Sehnen an. Diese Fehlsteuerung muss gestoppt werden, bevor Schäden entstehen. Dank moderner Therapiemöglichkeiten gelingt das heutzutage sehr gut. Wird eine rheumatische Erkrankung innerhalb der ersten drei Monate erkannt, ist die Chance groß, die Krankheit noch vor dem Auftreten bleibender Gelenksschäden zu erwischen.

 

"Es gibt heutzutage ausgezeichnete therapeutische Möglichkeiten und Medikamente, mit denen man die Krankheit bei einem hohen Prozentsatz der PatientInnen stoppen kann." Diese Früherkennung bedeutet in der Folge keine Probleme im Alltag, im Job und beim Sport. Das erspart den PatientInnen jahrelange Therapie und Schmerzen und sorgt dafür, dass sie selbst dazu beitragen können, den Krankheitsverlauf erheblich zu verbessern. Genau da liegt nämlich die Krux: Kaum eine Krankheit kann man durch gesunden Lebensstil so positiv beeinflussen wie Rheuma. Wie wir uns ernähren und ob wir uns bewegen, ist nämlich mindestens so wichtig wie die Medikamente selbst.

 

Dr. Schwingenschlögl erklärt, was jede/r von uns tun kann:

 

1. RAUCHSTOPP

An einem Rauchstopp führt bei Rheuma kein Weg vorbei, weil sich das Rauchen vor allem bei rheumatoider Arthritis doppelt negativ auswirkt. Schwingenschlögl: "Bei jungen Frauen, die rauchen, ist die Wahrscheinlichkeit, an einer rheumatoiden Arthritis zu erkranken, 16-fach erhöht. Rauchen fördert die Bildung spezieller Rheumafaktoren, der CCP-Antikörper. Wenn die vorhanden und positiv sind, kann man davon ausgehen, dass in den nächsten fünf Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit so eine rheumatische Entzündung beginnt." Das gilt übrigens auch für das Passivrauchen: "Neue Studien zeigen, dass auch das passive Rauchen einen schlechten Einfluss hat. Es genügt schon, eine Stunde am Tag dem Qualm ausgesetzt zu sein." Außerdem wirkt sich Rauchen auf den Krankheitsverlauf ungünstig aus.

 

2. BEWEGUNG

Damit unsere Gelenke geschmeidig bleiben, müssen sie bewegt werden. Schwingenschlögl: "Sport ist essenziell, weil er die Muskeln stärkt und damit die Gelenke entlastet und stabilisiert werden." Jede/r RheumatikerIn sollte Sport machen. Wenn die Gelenke zu sehr schmerzen, sind gelenksschonende Sportarten wie Schwimmen oder Walken eine gute Lösung.

 

3. ERNÄHRUNG

Eines vorweg: Es gibt keine Rheumadiät, aber Lebensmittel, von denen man annimmt, dass sie sich ungünstig auf die Krankheit auswirken könnten. Schwingenschlögl: "Das sind in erster Linie tierische Fette in Wurst-und Fleischwaren, aber auch in Milchprodukten. Diese fördern im Körper die Bildung der Arachidonsäure, einer bestimmten Fettsäure, die Entzündungen begünstigt. Das ist bewiesen." Und auch Süßigkeiten und Softdrinks sind nicht hilfreich: "Süßigkeiten bestehen oft aus billigem Fett, das sich entzündungsfördernd auswirkt. Frauen, die statt Wasser einen Softdrink am Tag trinken, verdoppeln ihr Rheumarisiko sogar." Lightprodukte sind da nicht ausgenommen: "Wenn man ständig Softdrinks trinkt, wird das Gehirn auf süß konditioniert und verlangt immer mehr. Lightprodukte haben zwar keine Kalorien, aber eben diesen Gewöhnungseffekt, was langfristig zu einer vermehrten Zuckeraufnahme und damit zu mehr Fettgewebe und Übergewicht führen kann." Kommt dann auch noch eine genetische Vorbelastung durch die Familie dazu, ist es sehr wahrscheinlich, dass man im Laufe des Lebens mit einer Form von Rheuma zu tun haben wird.

 

Mehr zum Thema: Mit diesem Trick schafft ihr es, eure schlechten Gewohnheiten loszuwerden.

 

4. NAHRUNGSERGÄNZUNGSMITTEL

"Man weiß, dass Omega-3-Fettsäuren entzündungshemmend wirken. Auch Prooxidantien im Salat und Vitamine im Obst helfen dem Körper, mit der Entzündung fertigzuwerden." Fischölkapseln und hochwertige Nahrungsergänzungsmittel mit guter Bioverfügbarkeit sind eine Möglichkeit. Für starke Knochen und viele Stoffwechselprozesse im Körper brauchen wir außerdem Vitamin D. Osteoporose, also Knochenschwund, ist besonders bei Frauen weit verbreitet. Gerade im Winter entwickeln viele einen Vitamin-D-Mangel, der unser Schmerzempfinden erhöht und die Krankheit fördert. Tropfen aus der Apotheke helfen gegen den Mangel.

 

5. EINS NACH DEM ANDEREN

Die wichtigste Botschaft für RheumapatientInnen: "Sie können nicht alles auf einmal ändern", so Schwingenschlögl. "Schritt eins wäre, mit dem Rauchen aufzuhören, Schritt zwei regelmäßige Bewegung, um die Gelenke geschmeidig zu halten; Schritt drei eine gesunde, ausgewogene Ernährung."

 

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