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Chronisches Erschöpfungssyndrom: Anzeichen dafür, dass ständige Müdigkeit nicht mehr gesund ist

von

Ein Neurologe und Psychiater erklärt, worauf man achten muss, um der entgegenzuwirken.

GesundheitRed.(Wienerin)

Eigentlich bist du ausgeschlafen, hast einen Kaffee getrunken und trotzdem bist du dauermüde? Wer sich ständig ausgelaugt und erschöpft fühlt, sollte die Anzeichen des Körpers ernst nehmen. 

Hier sind einige Anzeichen dafür, dass deine ständige Müdigkeit nicht mehr "normal" ist: 

 

1) Das Negative überwiegt

"Permanente Müdigkeit, eigentlich das Gefühl von schwerer Erschöpfung sind ein Grundübel unserer Zeit", sagt der Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut Dr. Günther Possnigg. Viele Menschen schaffen es nicht mehr, ein Leben zu führen, in dem sich die fordernden und an der Energie zehrenden Anforderungen sowie die positiven Ereignisse des Alltags die Waage halten. Wenn das Negative überwiegt, entsteht ein Ungleichgewicht. "Die Energiebilanz ist negativ", sagt der Experte. Das heißt: wer das Gefühl hat, im Alltag keine Glücksmomente mehr zu erleben, sollte das ernst nehmen.  

 

2) Zu wenig Zeit für dich selbst

"Emotionaler Stress in mehreren Lebensbereichen, berufliche Konflikte oder familiäre Belastungen sind einige der Hauptursachen für diesen Missstand", so Dr. Possnigg. Diese Belastungen führen dazu, dass wir zu wenig "Freizeit" - also echte Zeit für uns selbst - haben. "Der Schlaf verliert dann seine wichtigste Funktion, dem Körper Erholung und Regeneration zu geben", weiß der Neurologe. Kurz gesagt: Zeit, in der wir keine Termine, To-Do-Listen oder sonstiges abhaken, ist enorm wichtig für unsere Gesundheit. Und die muss man sich aktiv nehmen.

 

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3) Körperliche Beschwerden

"Müdigkeit und Erschöpfung, die weder durch ausreichend Schlaf, Urlaub und sonstige Erholungsphasen verschwinden, sind ein Signal dafür, dass die Grenze des Normalen überschritten wurde", sagt der Experte. Bis zu 2 Prozent aller Erwachsenen leiden an einer chronischen Müdigkeit und Erschöpfung. "Meist kann die/der Betroffene selbst sagen, dass die Müdigkeit nicht mehr normal ist." Das Gefühl wird als schwere Erschöpfung empfunden, dazu kommen manchmal auch langanhaltende Muskel- und Gliederschmerzen, Kopf- und Gelenksschmerzen, sowie Lymphkontenschwellungen. "Es ist ein anhaltendes Gefühl wie bei einer Erkältung, aber ohne Fieber", sagt Possnigg.

 

Chronisches Erschöpfungssyndrom

Zur Definition von CFS werden häufig die Kriterien von Keiji Fukuda des amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) aus den 90ern verwendet. (Link)

CFS bedeutet, dass Betroffene seit mindestens sechs Monaten unter einer andauernden, nicht durch andere Krankheiten erklärbaren Erschöpfung leiden.

Diese Erschöpfung verbessert sich nicht durch Ruhe und schränkt die Aktivitäten der Betroffenen deutlich ein.

Zudem müssen mindestens vier von acht Begleitsymptomen auftreten, zu denen Schlafstörungen, Kopf-, Muskel- oder Halsschmerzen, Konzentrationsstörungensowie ein deutlich beeinträchtigtes Kurzzeitgedächtnis zählen.

 

4) Wenn Antidepressiva nicht wirken

Ob es das "Chronic Fatigue Syndrom" - das chronische Erschöpfungssyndrom - überhaupt gibt, darüber streitet man noch, sagt der Experte. Denn vieles werde auf Depressionen geschoben. "Und sicher sind bei Depressionen Müdigkeit und Kraftlosigkeit oft auch ein wichtiges Symptom. Aber bei CFS wirkt normalerweise das Antidepressivum nicht, außerdem können diejenigen Betroffenen, die beides haben, sehr genau unterscheiden, wann sie depressiv sind und wann sie nur müde sind." Das Chronic Fatigue Syndrom beinhaltet vor allem diese Müdigkeit und körperlichen Symptome und weniger die psychischen.

Die Behandlung, wenn Depression ausgeschlossen ist, ist auch eine auf der körperlichen Ebene: Bewegung, sanftes Aufbautraining, immunstärkende Maßnahmen, z.B. durch regelmäßige Saunabesuche oder entsprechende Nahrungsmittel, empfiehlt der Experte.

 

5) Wenn die Energiefresser nicht mehr bewältigbar sind

Innere Vorgänge und Verarbeitungsmechanismen verbrauchen laut Possnigg sehr viel Energie. Problematisch wird es, wenn diese Energiefresser keinen "Sinn" mehr haben. "Bei der Trauerarbeit etwa ist diese Energie sinnvoll eingesetzt, hilft sie uns doch, einen Verlust zu verarbeiten." 

Auch das Zögern vor einer Entscheidung verbrauche sehr viel Energie. "Menschen werden dadurch oft  arbeits- und handlungsunfähig." Doch man könne etwas dagegen tun, um den Energiehaushalt wieder auszugleichen: "Schwierige Beziehungen, aufreibende 'Freundschaften', und eine bis auf die letzte Minute durchorganisierte Freizeit: wir alle kennen diese Zustände. Es liegt an jedem einzelnen aus diesem Modus auszusteigen." Im Wesentlichen gehe es aber vor allem um Achtsamkeit und einen selbst-wertschätzenden Umgang mit sich selber.

 

6) Psychische Erkrankungen und ungesunde Lebensgewohnheiten

"Psychische Erkrankungen und falsche Lebensgewohnheiten führen wesentlich häufiger zu körperlicher Müdigkeit als körperliche dies tun", konstatiert Possnigg. Dazu gehören Depressionen bzw. auch vermehrter Alkohol- und Nikotinkonsum oder zu viel Zucker, der Energie bringen soll. Weitere psychische Erkrankungen, die Energie rauben: "Bei Angst- oder Zwangsneurosen baut der Mensch eine Welt von angstmindernden Handlungen auf, die sehr viel Zeit und Energie in Anspruch nehmen. Jemand, der Angst vor Infektionen hat, muss sich besonders oft waschen und wendet seine Energie für 50 bis 100 Waschungen pro Tag auf. Genauso kann jemand mit einem Sperrzwang kaum seine Wohnung verlassen, da er immer wieder kontrollieren muss, ob er die Tür nicht unversperrt gelassen hat. Wenn diese Zwangshandlungen nicht durchgeführt werden, laufen alles Systeme auf Hochtouren, um die damit verbundenen Ängste abzuwehren. Die Folge ist wieder: Erschöpfung."

Diese Beispiele seien zwar besonders krass, "aber in stark abgeschwächter Form kennen wir alle solche Gefühle", sagt der Experte.

"Das Problem ist, dass wir durch unnötige Belastungen, Arbeiten oder Aufwände in einen Teufelskreis von Leistung und mangelnder Energiegewinnung kommen und es dabei gar nicht merken, wie wir uns erschöpfen." Umso wichtiger ist es, auf die Zeichen des Körpers zu hören - und sich Auszeiten zu nehmen. 

 

Zur PersonDr. Günther Possnigg ist Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut. 
 

Kommentare

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1 Kommentare
Gast: Markus M.
25.10.2017 10:59

Leider falsche Informationen.

Diese Aussage, "dass man sich darum streite, ob es das Chronic Fatigue Syndrom überhaupt gibt" ist längst überholt.

Es sind Aussagen wie diese, die dazu führen, dass 25.000 Betroffene in Österreich falsch oder schädigen behandelt werden.

Siehe: cfs-hilfe.at

Liebe Grüße,
Markus