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Meinung: Homöopathie-Warnung? Liebe Akademien der Wissenschaften, seid ihr jetzt auf der Seite der Pharmafirmen?

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Medizinprodukte ohne nachweisbare Wirkung sollen in Europa nicht verkauft werden dürfen. Sagen jetzt die europäischen Akademien der Wissenschaften. Das würde etwa die Homöopathie betreffen. Gleichzeitig gibt es immer mehr Studien, die zeigen, wie stark auch schon der Placeboeffektwirkt. Warum wird das nicht entsprechend berücksichtigt, fragt sich WIENERIN-Autorin Ursula Neubauer.

Warum ich selber entscheiden will, ob ich etwas Homöopathisches nehme

GesundheitUrsula Neubauer(Wienerin)

Liebe europäische Akademien der Wissenschaften,

ich versteh da etwas nicht. In eurer jüngsten Empfehlung heißt es grob zusammengefasst, dass es besser wäre, in Europa dürften nur noch nachweisbar wirksame Medikamente verkauft werden. Denn alles andere könnte gesundheitsschädlich sein. Vor allem greift ihr die Homöopathie an, die in Österreich aber sehr anerkannt ist. Warum eigentlich?

Offensichtlich machen viele ÄrztInnen und PatientInnen in Österreich gute Erfahrungen mit Homöopathie, denn ansonsten würde es die Diplomfortbildung Homoöpathie der Österreichischen Ärztekammer (!), nicht schon seit 1995 geben. Das Diplom umfasst 350 Fortbildungsstunden für ÄrztInnen, ich wüsste also nicht, warum ich mich bei einem/einer SchulmedizinerIn mit einer solch intensiven Zusatzausbildung nicht gut aufgehoben fühlen sollte.

 

"Wem würde das denn nützen?"

Ihr sagt, in homöopathischen Präparaten könne man keine Wirksubstanzen nachweisen, deshalb können sie sogar gesundheitsschädlich sein - zu ähnlichen Argumenten wies die Österreichische Ärztekammer" (!) schon 2005 in einer Aussendung auf internationale Studien hin, die die Wirksamkeit der Homöopathie sehrwohl belegen würden. Außerdem fragte sie dort auch ganz offen: "Wer solche Anti-Homöopathie-Studien in Auftrag gibt?" und forderte mehr Forschung, die auf das Wohl der Patienten ausgerichtet ist und nicht nur im Theoretisieren stecken bleibe. Darf man also überlegen, wem eure Empfehlung nützen würde ...? Ob ihr euch von einer bestimmten Branche vielleicht grade instrumentalisieren lasst? Nur so ein Gedanke ...

 

Was ich mich noch frage, ist, warum ihr den Placeboeffekt so kleinmacht? Das versteh ich - wenn ich den Pharmagedanken mal beiseite lege - wirklich nicht. Ihr sagt, es bräuchte strenge Richtlinien zur Aufklärung von PatientInnen und dass die einzig reproduzierbare Wirkung der Homöopathie auf dem Placeboeffekt beruhen würde ... Selbst wenn das so wäre - ich lese ja grade ständig in neuen Studien davon, wie stark dieser Effekt ist, wieviel stärker als man bisher angenommen hat, also - selbst wenn es "nur" Placebo ist, was genau ist schlecht daran?

 

Da gibt es zum Beispiel eine ganz aktuelle Untersuchung der Uni Basel, die zeigt, dass Placebos sogar auch wirken, wenn Patientinnen und Patienten wissen, dass sie ein Scheinpräparat bekommen! (Sofern sie sich im Klaren darüber sind, wie Placebo funktioniert.)

 

Oder ich lese, dass bei einer Untersuchung nur eines von 14 Antidepressiva bei Kindern besser gewirkt hat als die Placebos. Oder bei Depressionen Placebos oft besser gewirkt haben - und vor allem keine Nebenwirkungen hatten.

 

Mein Körper ist ein Wunderwerk!

 

Offensichtlich ist mein Körper also gut in der Lage, Heilung in Gang zu setzen, auch wenn das nicht durch einen Wirkstoff, sondern durch meinen Kopf, meine Erwartungshaltung oder das gelernte Ritual "Ich nehme jetzt diese Tablette und dann gehts mir besser" angestoßen wird. Wow, das ist doch großartig! Ah, aber stimmt ja, daran lässt sich wahrscheinlich weniger verdienen ...

 

Ich frage bei Herbert Pietschmann nach, als Physiker und Mitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften und gleichzeitig Mitglied der Akademie für Ganzheitsmedizin halte ich ihn für jemanden, der alle Seiten gut kennt. Er sagt, das Grundproblem liege darin, dass wir die Naturwissenschaften zur Religion erklärt hätten und die Medizin in diesen engen Denkrahmen nicht passe:

"Wir haben in der Naturwissenschaft vier Säulen: Alles, was messbar ist, messen. 2. Alles in seine Teile zerlegen, 3. Es gilt immer: entweder - oder, 4. überall Ursachen finden. Und das haben wir zur Grundlage unseres Denkens gemacht. Nur, nicht einmal die Quantenphysik lässt sich so erklären. Die klassische Physik schon. Die klassische Mechanik auch. Und wenn sich die Medizin nur auf die Naturwissenschaft beschränkt - dann wird sie dem Menschen nicht gerecht. Der ist nämlich einzigartig und einmalig. Also ja, die Medizin muss sich auf diesen Denkrahmen stützen, aber wenn sie sich nur darauf beschränkt, verletzt sie die Würde des Menschen. Und solche Empfehlungen halte ich für eine Grenzüberschreitung der Naturwissenschaften."

 

Wahrscheinlich kann man dieses Thema noch hundert Jahre zu Tode diskutieren - und zu jeder Studie eine Gegenstudie, zu jeder Interpretation auch eine andere Sichtweise finden.

Was mich einfach wirklich freuen würde, wär, wenn sich die moderne Medizin langsam als das begreifen würde, was sie sein könnte: Als eine Disziplin, die jedem einzelnen Menschen gerecht wird. Ihm dient! Die berücksichtigt, dass ein Körper auch mit einem Geist zusammenhängt. Die sich danach ausrichtet, was wirklich hilft, und nicht, womit sich am meisten Geld verdienen lässt. Und sich nicht darin verliert, zu streiten, wer jetzt Recht hat und wer Unrecht. Ich möchte als mündige Patientin einfach die Wahl haben und selber entscheiden dürfen, was ich für mich für das Beste halte - ob mit einem herkömmlichen Wirkstoff oder einem, der in meinem Kopf entsteht! Das muss meine Entscheidung sein können, es ist ja auch mein Körper und meine Gesundheit!

 

 

 

 

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