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Kommentar: Übergewicht ist nicht schön, lustig oder ein politisches Statement

von

Ulli ist übergewichtig und fragt sich, warum die Welt Fettleibigkeit nicht mehr einfach beim Namen nennen kann.

WIENERIN #egalgewicht Body Positivity

GesundheitUlli D. (Wienerin)

“Duhuuu warum bist du eigentlich so dick?”
Totenstille in der Garderobe des Kindergartens. Ich höre nur scharfes Luftholen, merke, dass sich plötzlich alle wie in Zeitlupe bewegen und spüre vier Erwachsenenaugenpaare, die sich in meinen 130kg-Hintern bohren, während ich, kurz in der unwürdigen Pose verharrend und meinem Kind den Schuh fertig anziehend, überlege, was ich der Fünfjährigen neben mir jetzt Pfiffiges antworten könnte.

Obwohl ich mich unter den Blicken der Mamas und Erzieherinnen grade ziemlich nackt fühle, richte ich mich schwungvoll zu voller Größe auf (ignoriere dabei das unverschämt demütigende Timing meines Knies, gerade jetzt ohrenbetäubend laut zu knacken), zucke bemüht lässig mit den Schultern und sage "hab zu viel gegessen". Für die Fünfjährige und mich war das Thema damit eigentlich durch, allerdings wurde die Kleine von ihrer Mama dann noch beiseite genommen und bekam erklärt, dass man so etwas doch nicht fragen dürfe und "dick" ein gemeines Wort wäre. Dann lächelte sie mir entschuldigend und stolz-pflichtbewusst zu - so sehr, dass ich das Gefühl hatte, mich bei ihr bedanken zu müssen.

 An der Stelle hab ich versagt, ich hätte wohl reagieren sollen, aber wie soll man denn ein gesellschaftliches Unding in 26 Sekunden im Kindergartenflur beseitigen?

Nein, du darfst nicht zum Ballettkurs, dafür bist du zu dick, die anderen lachen dich nur aus!
meine Mutter, ich war etwa 6 Jahre alt

 

Der verbale Eiertanz ums Übergewicht

In meiner jahrelangen adipösen Laufbahn haben sich mehr unschöne Kommentare dazu in mein Gehirn gebrannt als mir lieb ist, aber nichts davon lag am Vokabel “dick” oder “übergewichtig” und dieser Vorfall war sicher einer der Erlebnisse die für mich am peinlichsten waren. Und nein, damit meine ich nicht die völlig nachvollziehbare und aufrichtige Neugier der Kleinen.

“Fear of a name increases the fear of the thing itself,” heißt es in Harry Potter, und in diesem simplen Satz steckt so viel Wahres. Ich weiß, dass es von vermeintlich höflichen Erwachsenen genau gegenteilig gemeint und beabsichtigt ist - aber für mich ist es verletzend, wenn Dicksein etwas so Verpöntes und Schreckliches ist, dass nicht mal ein Kind das Wort in den Mund nehmen darf, ohne dass alle gleich kollektiv in die Tüten atmen müssen. Ich weiß ebenso, dass es bei dem verbalen Eiertanz, der seit Jahren um Adipositas getanzt wird, kaum noch möglich ist, als Nicht-Betroffene/r einen unverkrampften Zugang zu dem Thema zu finden, und das finde ich irgendwie schade.


Tu doch allen einen Gefallen und erschieß dich! Wobei, wäääh, dann spritzt das ganze Fett herum …
Jugendliche auf der Straße, ich war etwa 16 Jahre alt

 

Nicht mal ÄrztInnen können mit dicken Menschen umgehen

Ironischerweise habe ich noch kaum mit einem Menschen je neutral über meine Adipositas gesprochen. Ich bin auch tragischerweise noch auf keine/n Mediziner/in getroffen, die/der vorurteilsfrei und dennoch zweckmäßig über dieses Thema mit mir gesprochen hätte. Standardmäßig wird mein Gewicht oft geflissentlich ignoriert, so als wäre es etwa nicht etwas Lebensgefährliches. Spreche ich es selbst an, wird die Bedeutung noch extra heruntergespielt. Ich habe oft den Eindruck, ich werde gerade getröstet. Und dann gibt es da noch das andere Extrem, wie beispielsweise diese spezielle Narkoseärztin, die Schwierigkeiten hatte, meine Vene zu treffen, als ich zitternd und heulend am OP Tisch lag, zur Vorbereitung auf die Ausschabung nach einer Fehlgeburt.  Sie ließ es sich nicht nehmen, “Sie wissen aber schon, dass Sie selber schuld sind dran, ne? Denken Sie mal lieber ans Abnehmen als ans Kinderkriegen!” zu sagen, während sie das Narkosemittel reinspritzte.

Wenn ich das also als Paradebeispiel an Feingefühl von Experten annehme, dann kann OttoPauline Normalbürger ja kaum noch normal drüber reden können, oder? Dann braucht es doch Fantasieworte wie “kurvig” (Ab wieviel Grad Biegung ist eine Kurve nochmal eine Kurve? Und hält wohl auch meine linke Brust dieser Prüfung stand?), “kräftig” (Oweh, muss ich jetzt Arm drücken?) oder “weiblich” (einen Uterus hab ich nachweislich auch, danke der Nachfrage). Aber nicht nur die Worte sind lächerlich , auch die Wahrnehmung - denn urteilsfrei darf es nicht sein, und seit Body Positivity darf Übergewicht auch nichts Negatives sein, also muss man kurvig, kräftig und weiblich toll und besser finden (als die “ekligen Magergerippe” oder so).

So fett und häßlich und auch noch fortpflanzen. PFUI, schäm dich was!
Anonymer, nicht veröffentlichter Kommentar auf meinem Blog

 

Gut gemeint ist auch in diesem Fall das Gegenteil von gut

Dieses Dicken-Trösten kennt wohl jeder, hat es entweder schon mal gehört oder selber gemacht. Und was lieb und empathisch gemeint ist, das ist ja erstmal nicht ganz verkehrt. Aber falsch ist es trotzdem. Und falsch fühlt es sich dann eben auch an.

Zu hören, man sei ja “trotzdem” hübsch, oder wenn man sagt, man möchte abnehmen: “Aber wozu denn, du bist doch auch so wunderschön”.

Solche Sätze nehmen viel Kraft, viel Antrieb. Es tut in der ersten Sekunde gut, aber in der zweiten spürt man, dass es nicht ganz stimmt, dass diese Wahrnehmung und die Haltung einer gesellschaftlichen künstlich verschobenen Norm entspricht. Auf lange Sicht ist diese Haltung, dieses Inschutznehmen, das Kleinreden von gravierenden Problemen, das Schöndrehen und Herunterspielen von Folgeproblemen genau so viel Sand im Getriebe wie ein (je nach Situation schallend lachend gerufenes oder hinter vorgehaltener Hand gemurmeltes) “Boah, hot de an bladen Oasch!” auf der Straße.

Diese Verzerrungen tun nicht gut, sie bremsen und trüben die Sicht aufs Wesentliche. Sie machen es auch so leicht, sich demütig einem Schicksal zu beugen, das man gar nie haben wollte, sich als Opfer zwischen “fetteSchlampe”, “trotzdemschön” und verständnisschwanger gehauchtem “Abnehmenisthaltsoooschwer” gefangen zu fühlen und komplett die eigene Haltung zu vergessen. Sie machen mutlos, traurig und blind.

Dass sowas noch raus darf!
eine unbekannte ältere Frau, ich war etwa 20

 

Übergewicht ist weder lustig noch ein politisches Statement!

So schwer übergewichtig zu sein, ist kein Scherz. Das ist kein Spaß, kein galanter Begriff, kein Hobby, keine Mode und erst recht kein politisches Statement! Das ist verdammt nochmal saugefährlich, macht krank und sollte genauso teuflisch bekämpft werden wie Magersucht. Angst vor gewöhnlichen Bezeichnungen und falsch verstandene Wertfindung durch Fettzellenliebe sind da der komplett falsche Weg.

Was es dazu braucht, wenn man hilfreich sein will (wenn man nicht hilfreich sein will, kann man sich ja auch gleich jeglichen Kommentar sparen, oder?), sind keine servierten Entschuldigungen und Wortklaubereien, sondern eine entspannte, nüchterne, angst- und vor allem bittedanke wertfreie Herangehensweise. Das wär vielleicht mal ein Segen, wenn Erwachsene so relaxed wären wie kleine Kinder. Ohne Spott und automatischer Abwertung der Betroffenen, aber auch ohne chronisches Selbstverständnis.

 

Oida, de Blade fäut vielleicht!
Junge ausder Parallelklasse nach dem Waldlauf; ich war etwa 14

 

Ich weiß schon: Das Thema ist eins, das man am besten nur mit Samthandschuhen anpackt, und das keinesfalls in ein paar Absätzen abgehandelt werden kann, sodass am Ende alle einer Meinung wären, und das ist auch logisch und nicht weiter beunruhigend. Was für mich gilt, muss nicht mal notwendigerweise für einen zweiten Menschen auf diesem Erdball so gelten. Soweit so gut, alles cool.  

Aber wenn mich die Fünfjährige demnächst fragt, warum ich so “kurvig” bin, dann garantier ich für gar nix mehr!

 

VIDEO: "Haben Sie schon von Body Positivity gehört?" Die WIENERIN im Gänsehäufel

 

 

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