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Grenzen: "Du blöde Kuh, warum tust du dir das an?"

von

WIENERIN-Redakteurin Lydia leidet nach eigenen Angaben an chronischer sportlicher Selbstüberschätzung. Ihre jüngste Tat: Ein Ultra-Marathon. Wir haben sie dabei begleitet.

8. Josef Steiner-Mountain-Marathon

GesundheitLydia Stöckl, Red.(Wienerin)

50 Kilometer. 1.850 Höhenmeter. 6 Stunden und 49 Minuten. Klingt verrückt? Ist es auch.

Ein Jahr nach meinem ersten Berglauf melde ich mich zu einem Ultra Mountain Marathon an, dem 8. Josef Steiner-Mountain-Marathon - um danach ständig zu zweifeln: "Kann ich das? Will ich mich so quälen? Bin ich gut genug trainiert?" Ein Hin und Her der Gefühle! Gottseidank meldet sich mein Laufpartner M. freiwillig, mich beim Marathon zu begleiten und meine Raunzereien zu ertragen.

"Ist doch alles nur zum Spaß!"

Am Samstag, dem 3. Juni, ist es soweit. Um 5 Uhr morgens ist das Auto fertig gepackt und alles bereit. Schnell würge ich vor der Abfahrt Müsli und Striezel hinunter, meine Nervosität ist groß. Und sie wird noch trößer, mein Puls steigt mit jedem Kilometer, dem wir dem Start in Lackenhof am Ötscher näher kommen. Ich versuche wenigstens, mich nicht wahnsinnig zu machen, "ist ja nur Spaß" und "kann ja nix passieren". Meinen Leitspruch "Alles nur Kopfsache" habe ich mir auf den Arm geschrieben.

(c) Natalie Paloma Maierhofer 8. Josef Steiner-Mountain-Marathon

Um 8 Uhr kommen Freund M. und ich am Gelände an, wir haben noch eine Stunde bis zum Start. Der Veranstalter erklärt noch einmal die Strecke und umso länger er redet, umso mehr wird mir bewusst, worauf ich mich da eingelassen habe, welche gewaltige Distanz ich gleich bewältigen muss. In den Minuten bis zum Startschuss schwirren einige Schimpfwörter in meinem Kopf herum - die an mich selbst und meine chronische sportliche Selbstüberschätzung gerichtet sind!

Aber gut, das Startgeld ist gezahlt, also wird auch gestartet. Meine Nummer ist die 256, die Läufer vor und hinter mir sind allesamt "sau-zache Bergläufer", jede Muskelfaser an ihrem Körper ist sichtbar. Ich bin beeindruckt und fühle mich sau-wohl unter so vielen verrückten Sportlern.

Startschuss, es geht los! Die ersten Kilometer sind schnell gemacht, wir genießen die wunderschöne Umgebung des Ötschers und der Ötschergräben, und liegen gut in der Zeit. Zehn, 20, 25 Kilometer laufen sich locker runter, danach wird es das erste Mal etwas zach. Die sonne brennt jetzt extrem, dabei war es morgens noch angenehmen und nicht zu heiß. Ein paar Blasen an den Fußsohlen machen mir zusätzlich das Leben schwer. Freund M. muss sich lang und breit Sudereien von mir anhören - ich glaube ja, dass ihn das von seinen eigenen Schmerzen abgelenkt hat!

Lydia Stöckl 8. Josef Steiner-Mountain-Marathon

Bei Kilometer 30 - über die Hälfte ist geschafft - erholen wir uns kurz bei der ersten großen Labestation. Dort wartet auch Freundin Natalie und feuert uns an - jemanden zu sehen, den ich kenne, gibt mir bei solch langen Läufen immer wieder immens Power und motiviert!

Motivation? Leider aus!

Der Motivationsschub ist aber schnell aufgebraucht. Wir laufen eine lange Passage durch die Ötschergräben, schön zum Wandern, aber mit den gelaufenene Kilometern in den Beinen wird diese noch dazu technisch anspruchsvolle Passage für mich zur Probe. Außerdem versucht mein Magen, mich auszuknocken und fordert mich damit mental heraus. Immer wieder muss ich krampfend stehend bleiben und überlege ernsthaft, bei Kilometer 35 den Hut drauf zu hauen. Freund M. redet mir gut zu und beruhigt mich. Gottseidank fängt es zu regnen an und die extreme Schwüle verschwindet.

Die Labestation bei Kilometer 39 baut mich etwas auf - neben einem anderen Läufer: "Geh Madl, jetzt brauchst a nimma aufhören bei den letzten zehn Kilometern!" Recht hat er!

Wir laufen weiter Richtung Riffensattel und nehmen die letzten 360 Höhenmeter, die Wadln brennen gewaltig. Oben angekommen, die Erleichtung: Es sind nur noch fünf Kilometer, und die geht's bergab! M und ich reißen uns nochmal zusammen und laufen mit schon sehr schmerzenden Beinen die Kilometer runter. Nach sechs Stunden und 49 Minuten sind wir im Ziel. Heilfroh und erstmal eine gute halbe Stunde sprachlos, es geschafft zu haben. Noch dazu hab ich den Sieg in meiner Altersklasse geholt, was mich wahnsinnig stolz macht.

(c) Natalie Paloma Maierhofer 8. Josef Steiner-Mountain-Marathon

Das ist doch nur was für Verrückte? Ja, unbedingt!

Ja, Berglauf ist verrückt, aber es ist ein wahnsinniges Gefühl, seinen Körper trotz seiner Rebellion unter einer solchen Belastung unter Kontrolle zu haben, und zu entscheiden, wass er tun soll. Mental ist es eine große Herausforderung, nicht aufzugeben und ein solches Abenteuer zu bewältigen - da wächst man dann auch in Situationen, die nicht unbedingt etwas mit einer sportlichen Extremsituation zu tun haben, über sich hinaus.

Ich kann nur jedem und jeder empfehlen, sich einmal einer solchen, "unerreichbar" scheinenden Situation zu stellen - Achtung, Suchtgefahr! Ich bin schon wieder auf der Suche nach der nächsten chronischen sportlichen Selbstüberschätzung. Weil's einfach geil ist!

Lydia Stöckl 8. Josef-Steiner-Mountain-Marathon

 

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