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Erfahrung: Ich war bei einem Abend für Angehörige von Suchterkrankten

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Die Zahl Alkohol-abhängiger Frauen steigt in Österreich. Mitbetroffen sind auch immer Partner, Familie und Freunde. Ursula Neubauer war für die WIENERIN bei einem Angehörigentreffen im Anton-Proksch-Institut.

Frau mit Weinglas

GesundheitUrsula Neubauer(Wienerin)

Es haben alle dieselben Probleme und Sorgen“, sagt ein Mann in der Runde wissend. Schon seit 17 Jahren kommt er hierher, während seine Frau nebenan in der Nachsorgegruppe ist. Der Austausch mit den anderen tue ihm gut, meint er.

Wir sind im Anton Proksch Institut in Wien, das auf die Therapie von Suchterkrankten spezialisiert ist. Regelmäßige Selbsterfahrungsgruppen für Angehörige sind auch Teil des Angebots. Die Gruppe heute wird geleitet von einer Klinischen Psychologin und Verhaltenstherapeutin. 16 Leute sind gekommen, mehr Männer als Frauen sitzen im Kreis und berichten einander mehr oder weniger schüchtern von ihren persönlichen Erfahrungen. Viele von ihnen sind zum ersten Mal da.

Angehörige machen immer dieselben vier Phasen durch

Wie hart es für ihn gewesen sei und wie lange es gedauert habe, seine Frau endlich zu einer stationären Behandlung zu bringen, erzählt einer der Männer. Die Verzweiflung schwingt noch immer in seiner Stimme mit. So lange habe er mit seiner Machtlosigkeit gehadert, denn den Rat der Polizei, seine Frau entmündigen zu lassen, wollte er nicht befolgen. „Therapie bringt auch mehr, wenn sie die Betroffene wirklich will“, meint darauf die Psychologin und erklärt, dass Angehörige im Grunde immer vier Phasen durchmachen:
„Zuerst ist man verständnisvoll, beschützt die Abhängige, meldet sie beim Arbeitgeber krank, wenn sie mit einem Kater im Bett liegt. Dann versucht man, sie zu kontrollieren, sucht versteckten Alkohol, schüttet ihn weg.“ Einige in der Runde nicken. „Genau so war es bei uns auch“, bestätigt einer der Anwesenden. „Und dann kommen Wut und Resignation, weil nichts hilft. Man merkt: Egal, was man tut, sie hört nicht auf zu trinken“, erklärt die Psychologin weiter.

„Ich mag dich, aber ich unter­stütze deine Sucht nicht mehr“

„Und wie soll man damit umgehen?“, will eine Frau wissen, deren Schwiegertochter suchtkrank ist. „Wichtig ist es, der Person zu vermitteln: Ich unterstütze deine Sucht nicht mehr, ich mache da nicht mehr mit“, beginnt die Psychologin zu erklären. „Sagen Sie ihr, wenn sie klar ist: ,Ich mag dich, aber ich hab etwas gegen dein Suchtverhalten und ich werde dir unangenehme Situationen nicht mehr ersparen.‘ Das bedeutet nicht, sie zu erpressen. Aber es bedeutet, ihr nicht zu ersparen, zum Beispiel im Krankenhaus aufzuwachen, weil sie so viel getrunken hatte, dass Sie sich ernsthaft Sorgen gemacht und die Rettung gerufen haben. Oder dass Sie sie beim Arbeitgeber eben nicht mehr krankmelden und decken.“

„Bei uns war es so, dass unsere Töchter konsequent die Telefonate abgebrochen haben, wenn sie gemerkt haben, dass meine Frau getrunken hat“, erzählt der Mann, der schon seit Jahren hierher kommt. „Oder wenn sie zu Besuch gekommen sind, haben sie sich manchmal in der Tür wieder umgedreht. Das wollte meine Frau dann auch nicht und hat sich irgendwann helfen lassen.“ „Die meisten Patientinnen erzählen, dass es einen Tiefpunkt gab, den sie gebraucht haben, um sich helfen lassen zu können“, erklärt die Psychologin.

Darf man in der Gegenwart einer/s Alkoholkranken ein Glas Wein trinken?

„Ich hab noch eine andere Frage“, meldet sich eine Frau. „Unsere Tochter kommt in ein paar Tagen von ihrem Aufenthalt hier nach Hause und ich weiß nicht genau, wie wir damit umgehen sollen. Sollen wir in ihrer Gegenwart auch kein Glas Wein mehr trinken?“ „Fragen Sie sie“, rät die Psychologin. „Reden Sie mit ihr und fragen Sie sie einfach, wie sie das gerne hätte. Aber sie muss grundsätzlich lernen, dass es um sie herum trinkende Menschen gibt. Im ersten Jahr ist es für viele am schwierigsten, dann wird es immer leichter.“

„Und die dürfen nie wieder einen Schluck trinken?“, will eine andere Frau wissen. „Ich weiß schon, worauf Sie hinauswollen“, schmunzelt die Psychologin. „Es gibt manche, die glauben, sie hätten das nach einer Therapie im Griff und könnten kontrolliert trinken. Aber für eine Suchtkranke ist es viel schwieriger, kontrolliert zu trinken, als gar nicht zu trinken. Im Gehirn gibt es so etwas wie ein Suchtgedächtnis, und das springt beim ersten Tropfen sofort wieder an und schreit: ,Mehr, mehr!‘ Also nein, lieber gar nicht.“

„Und das mit dem Vertrauen?“, will ein Mann schüchtern wissen. „Das kann wieder wachsen“, meint die Gruppenleiterin. „Es braucht aber Zeit. Unsere Patientinnen wünschen sich, dass das ganz schnell geht, stellen Sie sich darauf ein. Aus deren Sicht haben sie jetzt auch alles wieder in Ordnung gebracht durch die Therapie. Aber wir sagen ihnen: ,Haben Sie Geduld, die Abhängigkeit hat ja viele Verletzungen verursacht und die Beziehung stark belastet.‘ Haben also auch Sie Geduld, und nehmen Sie sich viel Zeit, wieder aufeinander zuzugehen!“, ermutigt die Psychologin die Menschen in der Runde.

Zwei Stunden sind inzwischen vergangen. Man merkt, dass sich die Runde nicht wirklich auflösen will, zu viel scheint sie noch zu beschäftigen. Die Psychologin lädt sie ein, wiederzukommen. Austausch sei einfach wichtig, niemand müsse mit diesen Problemen alleine fertigwerden. Und deshalb führen sie ihre Gespräche nach dem offiziellen Teil in kleineren Grüppchen am Gang fort. So sind sie noch für eine Weile nicht allein mit ihren Sorgen.

 

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