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Geburten: "Frauen wollen während der Geburt nicht entmündigt werden!"

von

Frauen wollen eine selbstbestimmte Geburt und frei über natürliche Geburt oder Kaiserschnitt entscheiden. Wir haben mit einer Hebamme über Geburtsängste und den Job der Geburtshelferin gesprochen.

GesundheitBirgit Brieber(Wienerin)

 

Sabine Zeppelzauer ist freiberufliche Wahlhebamme und arbeitet seit über 20 Jahren in ihrem Beruf. hebamme.at

 

Wie sehen Sie Ihre Arbeit als Hebamme?

Das Privileg im wichtigsten Moment im Leben der Menschen dabei sein zu können. Damit meine ich nicht das Kind sondern die Eltern. Das bedeutet für mich die Arbeit als Hebamme.

 

Wie läuft der Kontakt während der Geburtsvorbereitung?

Ich bin frei praktizierend, das heißt ich treffe die Frauen die eine eigene Wahlhebamme haben wollen, man lernt sich kennen und entscheidet sich dann gemeinsam ob man miteinander arbeiten will oder nicht. Danach trifft man sich dann ein paar Mal im Verlauf der Schwangerschaft und durchlebt dann auch gemeinsam Geburt und Wochenbett.

 

Mit welchen Erwartungen kommen werdende Mütter und Väter zu Ihnen?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Frauen die sehr viel Wert auf eine natürliche Geburt legen, also den Wunschhaben ohne Medikamente, ohne Schmerzmittel, ohne Epiduralanästhesie auszukommen. Die sich Wassergeburten wünschen. Dann gibt es Frauen die wünschen sich nur einfach ein gesundes Kind und eine gute Betreuung.

 

Was meinen Sie mit guter Betreuung?

Es gibt Frauen die ambulant nach der Geburt nach Hause gehen und es gibt Frauen die gerne 2-4 Tage in der Klinik bleiben. Ich meine, dass das Personal nett zu den Frauen ist, dass es eine gute Stillbetreuung gibt und dass die Frauen sich wohl fühlen.

 

Sie haben gesagt, Sie haben viele Frauen die zu Ihnen kommen und unter allen Umständen eine natürliche Geburt ohne Schmerzmittel haben wollen. Was ist Ihrer Erfahrung nach der Grund dafür?

In erster Linie geht es um das selbstbestimmt Gebären. Es geht in Wirklichkeit gar nicht so sehr um die Medizin an sich, sondern dass in den letzten Jahren die Frauen unter der Geburt teilweise sehr entmündigt worden sind. Du kommst in die Klinik und der Arzt sagt was passiert, als Frau hat man überhaupt kein Mitspracherecht. Und ich glaube das ist nicht mehr zeitgemäß. Die Frauen wollen informiert werden. Die Frauen wollen nicht, dass man Ihnen sagt was sie zu tun haben und dann "passt schon". Sie wollen erklärt bekommen was passiert, was es für Möglichkeiten gibt und wollen mitreden können.

 

Haben Sie gegenteilige Erfahrungen auch gemacht? Also, dass die Frauen natürlich gebären wollten und dann irgendwie doch beim Kaiserschnitt gelandet sind?

Naja diese Erfahrung macht man ständig aber das steht und fällt nicht so sehr mit einer bestimmten Klinik sondern mit dem Arzt der dort im Dienst ist. Oder der die Frau betreut. Vor allem wenn Sie Privatpatientin sind hängt ihre Chance nicht von der Klinik ab in die sie gehen, sondern von den Personen die sie betreut.

 

Sind Sie eine Verfechterin der natürlichen Geburt?

Ich bin kein absoluter Kaiserschnittgegner, ich bin froh, dass wir heutzutage Kaiserschnitte machen können ohne die Frau zu gefährden, weil manchen Kinder einfach diesen Weg brauchen um gesund geboren werden zu können. Aber laut WHO Empfehlung sind das nur 8%. Auch wenn ich glaub, dass das nicht mehr ganz stimmt, es ist ein bißchen mehr Kaiserschnittrate die man heutzutage braucht aber viel mehr ist es nicht. Und der Rest ist einfach ein Unwollen.

 

Glauben Sie, dass Ärzte die Verantwortung für komplizierte, lang dauernde Geburten nicht übernehmen wollen?

Ja, definitiv. Weil das Problem ist, dass heutzutage alles und jeder geklagt wird. Sie werden sicher vor ein paar Jahren die Geschichte von dem Gynäkologen gelesen haben der geklagt wurde. Er hat eine Patientin in der Schwangerschaft zu einer Fruchtwasseruntersuchung zugewiesen. Sie ist nicht gegangen, das Kind ist behindert zur Welt gekommen. Sie hat den Gynäkologen geklagt und er wurde verurteilt. Ihm wurde seine Berufsberechtigung entzogen. Genau solche Urteile führen dazu, dass kein Arzt mehr irgendwas macht was kompliziert ist.

 

Haben Sie da mit Ärzten schon über das Thema gesprochen?

Natürlich. Ich arbeite halt mit Ärzten zusammen die schon auch Zwillinge oder Beckenendlagen spontan machen wenn alles passt. Die habe ich mir in 20 Jahren Suche gefunden.

 

Aber Sie meinen der Großteil macht es nicht aus Selbstschutz?

Genau.

 

Aber es ist doch so, dass man in jeder Situation im Spital dem Arzt ausgeliefert ist, egal ob Geburt oder nicht? Das liegt in der Natur der Sache. Wie kann man als Frau sichergehen, dass man in den richtigen Händen ist?

Das ist schwierig. Wenn man die Chance auf eine natürliche Geburt haben will, kann man den Arzt nach seiner Kaiserschnittrate fragen. Ich empfehle auch Freundinnen zu fragen oder sich im Internet zu informieren, das ist heutzutage Gott sei Dank einfacher. 

 

Manche Frauen entscheiden sich aus Angst vor der natürlichen Geburt für einen Kaiserschnitt. Wie geht man mit der Geburtsangst am besten um?

Das ist sehr schwierig, auch für mich, die Krux einer Sache ist, dass der Horizont einer Schwangeren bei der Geburt endet. Es ist auch so, dass es Ärzte gibt, die Kaiserschnitte sehr propagieren mit dem Argument die Frau hätte das Recht auf eine schmerzlose Geburt. Dann frage ich immer, was ist denn nachher? Was ist nach der Geburt mit den Schmerzen wenn man einen aufgeschnittenen Bauch hat? Wenn ich als Frau Angst hätte vor einer Geburt dann würde ich eine natürliche Geburt anstreben mit Epiduralanästhesie. Die brauche ich ja für den Kaiserschnitt auch. Damit hab ich dann auch keine Schmerzen. Aber ich steh 2 Stunden nach der Geburt auf und trag mein Baby spazieren, das mach ich nach dem Kaiserschnitt nicht. Aber Mütter zu verurteilen die einen Kaiserschnitt haben wollen oder einen gebraucht haben, das ist natürlich total falsch.

 

Um welche Ängste geht es hauptsächlich?

Angst vor den Schmerzen, Angst dass dem Kind was passiert, dass was schiefgeht,vor Dammverletzungen, dass der Beckenboden nicht mehr so ist wie vorher.

 

Sind diese Ängste berechtigt?

Jede Angst ist berechtigt. Aber das Ansteigen der Kaiserschnittrate in den letzten Jahren hat nicht zu einer Verbesserung von Natalität und Morbidität geführt. Das ist keine Glaubensfrage, das sind Zahlen.

Wobei ich auch glaube, dass eine Frau die den Wunsch hat ihr Baby mit Kaierschnitt zur Welt zu bringen, das auch machen soll. Und dass man Sie dafür nicht verurteilen muss. Genauso wie wenn eine Frau nicht stillen möchte. Das ist ihr Leben, ihr Körper, ihr Kind, das muss jede Frau so machen dürfen wie sie es will.

 

Warum ist es für viele Frauen so schwierig während der Geburt sich auf Unvorhergesehenes einzustellen?

Genau das ist der Punkt. Man kann es nicht planen, man weiß nicht was passiert, eine Geburt ist ein Überraschungsei. Und je mehr man sich fixiert und eine fixe Vorstellung hat, desto eher wird man enttäuscht. Die Frage ist was ist das Ziel von einer Frau? Ist das Ziel Mutter zu werden oder eine perfekte Geburt zu haben? Ist das Ziel, Mutter zu werden, werde ich nicht enttäuscht sein. Das wird klappen.

 

Brauchen Frauen die per Kaiserschnitt gebären wollen eine Hebamme?

Es gibt viele Frauen die sich trotzdem eine eigenen Hebamme nehmen einfach um eine Bezugsperson zu haben in der ganzen Sache. Und dann natürlich auch nach dem Kaiserschnitt das besser möglich ist, dass das Kind länger bei der Frau bleiben kann im OP und dass da nie eine Trennung zwischen Eltern und Kind stattfindet. Da ist das Kind zuerst noch lange bei der Mama und geht dann mit Hebamme und dem Papa ins Kinderzimmer, wiegen, messen, dann kann es mit dem Vater kuscheln bis die Mama aus dem OP draußen ist. Und dann geht die Hebamme mit Vater und Kind gleich wieder zur Mutter. Und damit diese Kette nicht unterbrochen werden muss.

  

Was soll man einer Frau sagen die sich keine private Hebamme leisten kann?

Es ist natürlich schon ein Zweiklassenmedizin-Thema. Aber ganz erhlich, die Leute kaufen sich Kinderwägen um 1.300 Euro, es ist immer die Frage was kann man sich leisten, was will man sich leisten. Was ist wie wichtig? Es ist eine Frage des Wollens. Das ist nicht mehr Geld als der Urlaub den man  in dem Jahr nicht macht, wenn man ein Kind kriegt. Aber eine eigene Hebamme ist keine Garantie auf eine tolle Geburt. Wir sind auch nur Menschen und können nicht zaubern. Das einzige was wir gewährleisten können ist eine kontinuierliche Betreuung.  

 

Haben Sie nie Angst?

Ich sage den Frauen immer: Wenn man sich Statistiken anschaut, müsste man mehr Angst haben am Pfingstwochenende ins Auto zu steigen. Der gefährlichste Moment im Leben eines Menschen ist nicht die Geburt, ich weiß nicht wie die Menschheit überhaupt drauf kommt. Das Leben ist gefährlich, es kann immer was passieren, aber nicht nur bei der Geburt. Ich sehe das sehr entspannt. Ich tu was ich kann, ich bin jemand der vorsichtig ist, ich habe nicht dieses blinde Gottvertrauen, bin im Zweifelsfall immer auf der sicheren Seite, aber ich hab jetzt keine große Angst, dass was passiert weil da dürfte ich in der Früh aus dem Bett nicht aufstehen.

 

Wie verhindert man in dem Job, dass man abgebrüht wird und den Müttern sagt: "Das hab ich alles schon tausend Mal erlebt"?

Weil es nicht so ist, weil jede Geburt anders ist. Es ist immer noch so, dass ich um 3 Uhr Früh in die Klinik zu einer Geburt fahre dann bin ich neugierig. Weil ich weiß nicht, was ich dort bekomme. Das ist sehr schön weil ich die Frauen kenne und dann bin ich neugierig. Es ist spannend, keine Geburt ist so wie die letzte davor, es ist immer anders.

 

Was sehen Sie als Ihre wichtigste Aufgabe als Hebamme?

Die wichtigste Aufgabe ist, den Frauen das Vertrauen zu geben, dass Sie sich fallen lassen können. Eine Frau soll bei der Geburt nicht das Gefühl haben, dass Sie sich verteidigen muss, sondern dass die Leute die um sie herum sind wissen was Sie sich wünscht und sie in Ihren Wünschen respektieren und sie unterstützen. Die Frau weiß, dass ich nichts tue, was nicht in Ihrem Sinne ist. Außer es ist medizinisch notwendig. Sie muss sich nicht verteidigen oder nachdenken ob das jetzt gut ist oder nicht, sondern sie weiß, dass ich das so mache wie sie das möchte.

 

Hebammenberatung

Eine Hebammen­beratung ist im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchung kostenlos. Auch ein Honorar für die Beratung durch eine Wahlhebamme wird bei der Krankenkasse rückerstattet. Informationen zur Hebammenbetreuung sowie eine Liste an Kassenhebammen im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Beratung bietet das Österreichische Hebammen Gremium für jedes Bundesland. Infos: hebammen.at.

 

Kaiserschnitt­rate in Österreich

Laut WHO liegt die Rate der aus medizinischen Gründen unbedingt notwendigen Kaiserschnitte, um Mutter und Kind nicht zu gefährden, bei etwa zehn bis 15 Prozent. Die Gründe können von Krankheiten der Mutter und Mehrlingsgeburten über Probleme in der Schwangerschaft bis hin zur Gefährdung des Babys reichen. In Österreich lag die Kaiserschnitt­rate 2015 bei 28,8 Prozent.

 

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