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Darm : Der ungewöhnliche Grund, der hinter vielen Depressionen steckt

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Falls Sie sich grade nicht so gut fühlen, könnte Ihr Essen Schuld an der Verstimmung sein. Denn unsere Ernährung und Verdauung beeinflussen stark, wie es unserer Psyche geht, wie aktuelle Studienergebnisse eines recht neuen Forschungszweiges zeigen.

GesundheitUrsula Neubauer(Wienerin)

Der Darm, unser Bauchhirn

Eine gesunde Ernährung sorgt für einen gesunden Körper. So weit, so bekannt. Neu ist aber: Unser Ess(verhalt)en beeinflusst auch unsere Psyche maßgeblich, und der Darm spiekt dabei eine wichtige Rolle: Als "Sitz der Gefühle" und als "zweites Gehirn" wird er inzwischen bezeichnet. Ist er vielleicht sogar ein Wunderorgan, über das sich in Zukunft Depressionen, Burn-out und andere psychische Erkrankungen behandeln lassen? Wir haben uns bei Experten umgehört.

Was Bakterien mit Emotionen zu tun haben

Das sogenannte (Darm-)Mikrobiom - also die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die den Menschen besiedeln, darunter vor allem Bakterien - steuern unsere Emotionen mit. Und das zu einem offenbar größerem Anteil, als man jemals geahnt hätte. Der Zusammenhang ist plausibel: Damit wir uns happy fühlen, brauchen wir das Glückshormon Serotonin. Sind unser Mikrobiom bzw. unsere Darmbakterien aber, wegen ungesunder Ernährung oder zu viel Stress, geschädigt und mit dem Abbau von Giftstoffen beschäftigt, haben sie - salopp gesagt - keine Zeit mehr, sich um das Glückshormon zu kümmern.

 

"Wir können davon ausgehen, dass bei 50 Prozent der Menschen, die depressiv sind, die Ursache im Darm liegt."
Darmspezialistin Anita Frauwallner

Die Folge: Wir fühlen uns niedergeschlagen und bedrückt, sind antriebslos und müde. "Wir können davon ausgehen, dass bei 50 Prozent der Menschen, die depressiv sind, die Ursache im Darm liegt", meint Anita Frauwallner, Darmspezialistin und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für probiotische Medizin.

Erste Untersuchungen

 Etwas zurückhaltender gibt sich Peter Holzer, Professor für Neurogastroenterologie an der Uni Graz und verweist darauf, dass viele der bisherigen Untersuchungen sich auf die Boebachtungen an Mäusen oder Ratten beziehen. Er sieht in Sachen Mikrobiom noch viel Forschungsarbeit auf sich und seine Mitstreiter zukommen.

Doch letztlich gibt auch er sich optimistisch: "Wir haben deutliche Hinweise darauf, dass der Darm eine wichtige Rolle für die psychische Gesundheit spielt. Nur wissen wir noch nicht genau, wie Darm und Gehirn miteinander kommunizieren."

Zukunftsmusik

 Sollte dieses Rätsel eines Tages aber entschlüsselt werden, würde das aktuelle Therapiekonzepte ziemlich über den Haufen werfen. Denn dann läge der Schluss nahe: Wenn ein gesunder Darm für eine gesunde Psyche sorgt, kann die richtige Diät oder eine Ernährungsumstellung womöglich gegen Depressionen oder andere psychische Erkrankungen helfen. "Wir müssen jetzt überprüfen, ob man tatsächlich therapeutische Effekte durch Veränderungen des Darmmikrobioms erzielen kann", sagt der Experte.

An der Deakin Universität in Australien glaubt man fest ab diesen Zusammenhang. Dort behandelt man depressive Menschen bereits zusätzlich zu bewährten Methoden mittels Diäten. Ein guter Ansatz, findet Peter Holzer, und verweist auf Studienergebnisse, die zeigen: Rein statistisch vermindert eine gesunde, frische Kost im Vergleich zu Junkfood das Risiko, an einer Depression zu erkranken.

Achtung, "Krankfood"

 Kann es also wirklich so einfach sein und gesunde Ernährung bei schwerwiegenden Erkrankungen so viel ausmachen? Ja, ist auch die deutsche Medizinerin Anne Katharina Zschocke, Autorin von "Darmbakterien als Schlüssel zur Gesundheit", überzeugt. Denn: Wenn wir essen, isst der gesamte Organismus mit. "Ob und welche Bakterien wir im Darm haben, spielt für unser Seelenleben eine elementare Rolle", schreibt sie. Die Nahrung, rät sie, sollte daher möglichst frisch und natürlich sein und so wenige chemische Elemente (wie sie etwa in Fertiggerichten vorkommen) wie möglich enthalten. Wer darauf achtet, tut damit also nicht nur seinem Körper etwas Gutes, sondern auch seiner Seele. 

Allerdings: Damit das Darmmikrobiom seine "Seelenschutz- und Heilfunktion" auch übernehmen kann, muss es intakt sein. Was oft - etwa durch die Einnahme von Antibiotika - nicht der Fall ist. Um das Mikrobiom zu regenerieren, reicht gesunde Ernährung alleine nicht immer. Deshalb halten es Experten wie Anita Frauwallner und Peter Holzer für sinnvill, mit Probiotika, also einer Mischung aus Bakterienstämmen, nachzuhelfen. Welche Bakterienzusammensetzung für eine gesunde Psyche am hilfreichsten für eine gesunde Psyche ist, ist übrigens eine weitere Frage, die sich die Wissenschaft nun stellt.

Bis die Forscher Antworten haben, lassen sich zwei andere Ratschläge jedenfalls sofort umsetzen: Hören Sie auf Ihren Appetit und achten Sie auf eine gesunde Lebensweise - mit viel Bewegung draußen. Ihr Bauchhirn wird es Ihnen mit Glücksgefühlen danken.

 

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