< Zur Mobilversion wechseln >

Kolumne: Wann wurde aus einem Hobby eine Lebensaufgabe?

von

WIENERIN-Kolumnistin Olivia Peter stöbert im Freundschaftsbuch ihrer Schulzeit. Und fragt sich, warum heutzutage keiner mehr "einfach so" Freundschaftsbänder knüpft.

Olivia Peter Kolumne WIENERIN

LebenOlivia Peter(Wienerin)

Meine Mutter hat ausgemistet. Alte Schulsachen, Kinderzeichnungen, ein Freundschaftsbuch. Lachend lese ich die Einträge. Lieblingsstar? David Hasselhoff. Mariah Carey. Whitney Houston. Alle falsch geschrieben. Aber eines fällt mir mehr auf als orthografische Absurditäten: die Hobbys.

Fernsehen, lesen, Freundschaftsbänder knüpfen

Reiten, Fußballspielen und Schwimmen. Damals ganz weit vorne im Hobby- Beliebtheitsranking. Die Coolen haben "Fernsehen" dazugeschrieben. Bei den Strebern steht selbstverständlich "Lesen". Ich frage mich, was da wohl heute stehen würde? Welche Hobbys würde die damalige Pferdenärrin Babsi heute wohl eintragen? Spielt Markus noch immer im örtlichen Fußballverein oder ist er jetzt ausgebildeter Tai-Chi-Lehrer? Und wenn ja, nach welcher Schule unterrichtet er? Hat er seine Lehrjahre in Japan, Nepal oder China verbracht? Und was ist mit Moni? Damalige Hobbys: Schwimmen und Freundschaftsbänder knüpfen. Von ihrer Facebook-Seite weiß ich, dass sie jetzt eine Patisserie-und eine Yogaausbildung hat, Marathonläufe in New York, Wien, London und Hamburg absolviert, sich ausschließlich glutenfrei ernährt und einen Blog über Green Living betreibt. Ist sie arbeitslos? Oder zu Hause? Natürlich nicht. Moni hat das Familienunternehmen übernommen. Einen nicht gerade viel Freizeit spendenden Bäckereibetrieb. Nebenbei schupft sie drei Kinder und hat auch noch einen Hund. Da frage ich mich schon: Wie geht das?!?

Wo sind all die Hobbys hin?

Mit selbst auferlegtem Druck und Überhöhung. Keiner von uns würde heute mehr in ein Freundschaftsbuch schreiben, dass er gerne singt oder näht, dem Gummihüpfen frönt oder sich den ganzen Tag in die Sonne legt. Denn wir machen nicht einfach Yoga, sondern sind praktizierende Yoginis. Wir gehen nicht einfach laufen, wir trainieren auf den nächsten Marathon hin. Wir backen nicht einfach Torten für das Familienessen oder Schulfeste, weil wir Zeit und Lust dazu haben, sondern belegen Patisseriekurse, kaufen sauteure Ausstecher, Kochbücher, Fondants, Pinsel, Blümchen und Schwämmchen, um mithalten zu können am Buffet der Eitelkeiten. Heute ist ein Hobby kein Hobby, sondern eine Lebensaufgabe. Sogar, wenn einer nur gern mit Freunden trinkt, wird das neuerdings zum Lifestyle hochstilisiert. Fast jeder in meinem Freundeskreis hat mittlerweile einen Gutschein für eine Ausbildung zum Wein-, Bier-oder Wassersommelier zu Hause. Wer ihn einlöst, kriegt noch den Baristakurs dazu und hat den Sauf-Olymp erreicht, wenn er dann im Dusel Hochphilosophisches über verschiedene Ginsorten zu berichten weiß, statt einfach nur Hochprozentiges zu trinken. Kurz: Mach eine Wissenschaft daraus und du kannst alles als Hobby verkaufen.

Auf die Couch legen und gar nix tun: Das ist mein heutiges Abendprogramm. Verkaufen werde ich es natürlich als 30-minütige "meditation grounding exercise", um "myself zu centern", und anschließend bereite ich mich mittels Kostproben auf mein Staatsexamen zur Schokoladesommelière vor.

 

Weitere WIENERIN-Kolumnen von Olivia Peter:

"Liebe Eltern, entspannt euch!" Kein Zucker für Dreijährige, kein Nutella zum "Brunch": WIENERIN-Kolumnistin Olivia Peters schonungslos ehrliche Bitte an die Mütter und Väter dieser Welt.

Wenn Schreiben wütend macht: Fehler passieren. Auch beim Schreiben. Aus Flüchtigkeit. Aus Unwissenheit. Aus Unsicherheit. WIENERIN-Kolumnistin Olivia Peters größter Fehler? Sie kann einfach nicht über diese Fehler hinwegsehen.

 

 

 

 

 

Kommentare

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen