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Auf Lepschi: "Total meditativ" – mein erstes Mal beim Strickkino

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Unser Kollege Ljubiša geht einmal im Monat „auf Lepschi“ und schaut sich an, wie vielfältig in Wien gelebt und gefeiert wird. Diesmal verbrachte er den Freitagabend im Strickkino und lernte die meditative Kraft der Handarbeit kennen.

LebenLjubiša Buzić(Wienerin)

„Einfach stricken – Tolle Projekte für Strickanfänger.“ Das steht auf dem giftgrünen Karton, den ich mir auf den Schoß gelegt habe. Darin liegen zwei Wollknäuel, Stricknadeln und ein kleines Heftchen mit Strickanleitungen. Während ich warte, dass der Film anfängt, blättere ich in dem Heftchen herum und suche nach meinem tollen Projekt
für den heutigen Abend.

 


Heute ist mein erstes Mal beim Strickkino in den Breitenseer Lichtspielen. So ein Strickkino ist im Grunde wie normales Kino, nur dass das Licht nicht ganz ausgemacht wird, sondern nur etwas gedimmt. Gerade hell genug, dass man seine Stricksachen noch sehen kann. Und gerade dunkel genug, dass man auf der Leinwand noch etwas erkennen kann.

Kino mit Ohhhm ...

„Sieht gut aus“, ermutigt mich meine Sitznachbarin, während ich ungelenk Wolle um meine Finger wickle. „Stricken ist total meditativ“, gibt sie mir noch auf den Weg, als der Film losgeht. Irgendwas mit Moritz Bleibtreu, das ist alles, was ich bisher weiß.


Ich fange gerade an, mich auf die meditative Kraft des Strickens einzulassen – da fällt plötzlich ein Schuss. Auf der Leinwand hat sich gerade ein älterer Mann im Anzug den Kopf weggepustet. Moritz Bleibtreu, in dem Film auch ein Anzugtyp, steht daneben und ist total mit den Nerven runter. Ich beschließe, von meinem ambitionierten ersten Plan (gestrickte Handyhülle) auf den etwas einfacheren Plan B (ein modischer Schal) umzusteigen. Das Leben ist zu kurz für komplizierte Projekte.

Die Kraft der Schals

Meine Sitznachbarin erkundigt sich derweil im Flüsterton bei ihrer Freundin über deren Strickprojekte für den Abend. Schals dürften sehr beliebt sein. Sind wohl am meditativsten, denke ich mir.
Moritz Bleibtreu zieht sich jetzt mit irgendwelchen Hippies halluzinogene Pilze rein und läuft zugedröhnt durch einen Wald. Mir dämmert langsam, dass dunkelblaue Strickwolle für spärliche Lichtverhältnisse nicht unbedingt die beste Wahl war.

 

 


Als ich das nächste Mal hinaufschaue, ist Moritz Bleibtreu gerade dabei, eine Katze zu erwürgen. Ich suche mein Wollknäuel zwischen den Sitzreihen.
Auf der Leinwand kommt eine Sexszene. Ich habe die Zungenspitze im Mundwinkel und versuche, einen ausgefransten Wollfaden wieder in Ordnung zu bringen.

Ehrliche Handarbeit

Es muss ein sehr kurzer Film gewesen sein, denn als der Abspann über die Leinwand läuft, habe ich gerade mal drei Zentimeter von meinem Handyhüllen-Schal geschafft, fühle mich aber immerhin meditativ-entspannt. Ich halte meinen Sitznachbarinnen mein verbeultes Wollgebilde vor die Gesichter. „Hey, voll schön geworden … also fürs erste Mal.“ Wird wohl noch ein paar Filme dauern, bis mein Schal fertig ist.

 

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