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Leben in Wien: Ein Ausflug in ein Wiener Studentenlokal ist wie eine schlechte Zeitreise

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Ein Ausflug in ein legendäres Studentenlokal Wiens zeigt: Irgendwie wiederholt sich alles und irgendwann ist man einfach zu alt für dieses Zeug.

LebenKommentar von Daniel Kendler(Wienerin)

Mit meinen knapp 30 Jahren musste ich mich auf ein neues Spiel in meinem Freundeskreis einlassen. "52 Wochen, 52 Theken.“ Kurz: Man besucht in verschiedenen Konstellationen – je nach Verfügbarkeit – in einem Jahr möglichst viele verschiedene Bars oder Restaurants. Wer als Erster das dafür angefertigte Stempelbuch voll hat, hat gewonnen. Wer sich nicht auskennt, muss, wie von den Initiatoren gewünscht, die verdammten FAQs lesen.

 

Dort erfährt man, dass es verboten ist, ein Lokal zweimal zu besuchen. Das führt dazu, dass wir uns auf neue Lokale einlassen müssen. Jene Etablissements, die wir nicht kennen, die nicht in unserem Dunstkreis liegen oder deren letzter Besuch schon etliche Jahre zurückliegt, wo noch keine Rede war von solch verdammten FAQs.

 

Eintritt in den Livingroom

Das Livingroom ist ein solches Lokal. Auch genannt La Boule. Bestehend seit 1986, angesiedelt in der Pfeilgasse und laut Google Maps 26 Meter von einem Studenten-Siedepunkt Wiens, dem Pfeilheim, entfernt. Die Idee, dieses Lokal zu besuchen, kam von einer Freundin, deren Erinnerung an den letzten Besuch sich über die Jahre hinweg auf den Namen reduzierten. Eingangstür auf, Stiege runter und zack, der social-media-taugliche Titel für diesen Abend war fertig: „Wie es dir mit 30 in einem Lokal für 18-Jährige geht“

Zwischen Dauerbrat-Modus und Griff ins Haar

Kurzum: Ich, wir, fühlten uns als Außenseiter. Wie ein Elternteil von Kindern, die wir noch nicht haben. Für das junge Klientel (ob Erstsemester oder kurz vor der Matura fällt mir zunehmend schwer zu unterscheiden) waren wir eine kaum beachtenswerte, aber insgesamt seltsame Randerscheinung.

 

Das lag vielleicht auch an der Silikonspritze in meiner rechten Hand. Ich nahm sie von einem Freund zum Verfugen in den eigenen vier Wände entgegen. In kaum einem anderen Moment fühlte ich die vielleicht 10 Jahre Unterschied zwischen Studienbeginn und dem Hier und Jetzt so sehr wie in dieser Bar.

 

Ich, die wandelnde Silikonspritze, umgeben von Jungs, die zwischen Dauerbrat-Modus und dem perfekten Griff ins Haar wechselten, gefolgt von dem perfekten Handschlag mit dem Kumpel. Im letzten Eck des Lokals sauft man aus der selbst mitgebrachten Wein-Flasche, Mädels bewegen sich meist in kleinen Grüppchen vor und zurück, irgendwo gibt es noch ein paar Mitte-20-Typen mit langen Haaren und Bart, die in gekonnter Manier über den Dingen stehen oder zumindest stehen wollen. Die paar Blicke, die uns galten, sagten klar: "Oida, was bist du denn?"

 

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Das mit fortschreitender Stunde obligatorische Drama mit den üblichen "Scheiß auf eam" oder "Heit sauf ma uns moi gscheid an" darf zwischen dem Geruch von Tiefkühl-Pizza-Ofen und dem ein oder anderen ausgeleerten Bier ohnehin nicht fehlen. Ja, es fühlt sich an wie ein einziges riesiges Klischee. Weil es so auch schon vor zehn Jahren war. Da hat sich nix geändert, eine Generation Y, X oder sowieso existiert da nicht. Darum sehne ich diese Zeit auch nicht mehr herbei – Zufriedenheit macht sich breit. Ich nehme meine Silikonspritze und wir gehen nach Hause.  

 

 

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