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Interview

„Islam, moslemische Kinder, Gefahr für Schulerfolg“

von

Fremdenfeindlichkeit macht auch vor Eltern keinen Halt - die Soziolinguistin Katharina Brizić versucht Antworten darauf zu finden, wie Mehrsprachigkeit an Schulen funktionieren kann und woher unsere Ängste vor „dem“ Islam kommen.

LebenJelena Gučanin(Wienerin)

 

Im Zuge der derzeitigen Flüchtlingskrise ist auf der einen Seite starke Solidarität, auf der anderen Seite aber auch viel Angst zu spüren. Dabei kommt immer wieder das Argument: „Mein Kind sitzt dann nur noch mit muslimischen Kindern in der Klasse.“ Warum herrscht diese Angst vor, vor allem wenn es um den schulischen Kontext geht?

KATHARINA BRIZIĆ: Um diese Frage zu beantworten, möchte ich etwas weiter ausholen: Wir leben in einer Gesellschaft und Zeit, in der die Karriere eines Menschen praktisch bereits im Mutterleib beginnt. Der richtige Kindergarten für den Nachwuchs, möglichst gleich auch mit Fremdsprachenunterricht, muss rechtzeitig ausgewählt, die richtige Frühförderung samt Talenterkennung rechtzeitig mitgebucht werden. Oder sollten wir nicht eigentlich schon dem Ungeborenen bereits basales Englisch vermitteln? Wir befinden uns in einer Art panischer Raserei: Es scheint, als könne, wenn auch nur die ersten zwei Lebensjahre eines Kindes ohne jegliche Förderung vorübergehen, alles schon zu spät sein. Ich las kürzlich über eine Studie, derzufolge die gesamte Förderung eines Kindes bereits vor (!) Schuleintritt erfolgen müsse. Denn mit sechs Jahren sei es zu spät.

 

Was halten Sie von dieser elterlichen Panik?

BRIZIĆ: Meine Antwort darauf: Das ist selbstverständlich völliger Unsinn. Wenn mit sechs Jahren alles zu spät ist, warum schließen wir dann nicht einfach die Schulen und überlassen die Dinge ihrem Lauf? Richtig ist in mancher Hinsicht, dass Kinder zum Beispiel im Vergleich zu Erwachsenen besonders schnell lernen - aber: Sie tun das nicht nur bis zum sechsten Lebensjahr, sondern wesentlich länger; dazu kommt, dass Schnelligkeit nur einer unter vielen Aspekten des Lernens ist. Und manchmal kehrt sich die genannte Reihenfolge sogar vollständig um: Kinder und Jugendliche, die erst als Seiteneinsteiger/innen zuwandern, also nachdem sie bereits mehrere Schuljahre in einem anderen Land und in einer anderen Sprache absolviert haben - solche Kinder und Jugendlichen lernen häufig auffallend viel schneller Deutsch als ihre wesentlich jüngeren Mitschüler/innen. Dass aber so widersprüchliche Erkenntnisse darüber, wer besser lernt, überhaupt nebeneinander existieren, hat einen relativ einfachen Grund: Die verschiedenen Studien sind über zahlreiche Fachgebiete verstreut, von der Linguistik über die Psychologie und Bildungswissenschaft bis zur Soziologie, nebst einigen anderen. Jede Disziplin hat ihre je eigenen Zielgruppen untersucht und dementsprechend je eigene Teil-Erkenntnisse gewonnen; jede einschlägige Studie hat ihre Berechtigung also in einem je eigenen Bezugssystem. Oft fehlt jedoch eine große Synthese all dieser Erkenntnisse; und gerade diese Synthese wäre so wichtig, um auch Laien einen guten Überblick zu verschaffen, und um den enormen Druck, der auf Eltern (aber auch Lehrkräften) lastet, deutlich zu relativieren.

 

Aber warum herrscht diese Angst vor den „fremden Kindern“, wie in der ersten Fragen angesprochen, vor?

BRIZIĆ: Eine Gesellschaft, in der dieser Druck zum möglichst frühen Bildungsstart und der Glaube an die frühe Talentförderung dermaßen hoch ist, eine solche Gesellschaft wird nach jedem Strohhalm greifen. Es genügt nicht einfach ein Kindergarten, sondern es muss einer mit besonderen Schwerpunkten sein; es genügt nicht das öffentliche Schulwesen, sondern es muss eine Privatschule sein; und so weiter. Und mit derselben Vehemenz, wie man nach den Erfolgs-Strohhalmen greift, so lehnt man auch alles ab, was dem hyperschnellen Schulstart ins Leben im Weg zu stehen scheint. Kinder, die Deutsch erst lernen müssen, befinden sich deshalb unter dem Generalverdacht der Langsamkeit und des Behinderns. Hinzu kommt der enorme Druck eines zunehmend prekären Arbeitslebens. Nicht nur schlecht Ausgebildete, sondern auch Hochqualifizierte sind mittlerweile von Arbeitslosigkeit und prekären Arbeitsverhältnissen betroffen. Es ist nur zu verständlich, dass Eltern sich davor fürchten, dass ihr Kind ins Abseits geraten könnte. Womit wir bei zwei zentralen Stichwörtern wären: Angst und Generalverdacht – siehe zum Thema Angst übrigens das hochinteressante Buch "Gesellschaft der Angst" des deutschen Soziologen Heinz Bude. Eine Gesellschaft, die derart ängstlich empfänglich ist für Alarmsignale - weil man ja alles von Anfang an richtig machen muss -, eine solche Gesellschaft benötigt unbedingt schnelle und daher einfache Strategien gegen die Unsicherheit und Furcht.

 

Es ist nur zu verständlich, dass Eltern sich davor fürchten, dass ihr Kind ins Abseits geraten könnte.
Katharina Brizić, Soziolinguistin

 

 

Haben diese Eltern das Gefühl, dass sie machtlos sind, und statt sich mit ihren eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen, werden andere verunglimpft?

BRIZIĆ: Ich bin davon überzeugt, dass diese Angst und die aus dem Druck entstehende Vereinfachung nun ihrerseits wesentliche Quellen für Generalverdacht und Pauschalurteile sind. Eine Politik, die solche Ängste gezielt anspricht, kann zur Zeit sehr erfolgreich sein. Wir erleben nicht nur, aber auch deshalb ein Aufflammen von Stereotypen, die durchaus rassistische Ausmaße annehmen können, da sie die Ursache für Ängste im vermeintlich "Fremden" suchen.

Nun wäre das allein schon komplex genug. Dazu kommt aber ein weiterer, noch weitreichenderer Aspekt: Nicht nur in unserer unmittelbaren Nähe, auch in anderen Gesellschaften ist Angst und Prekarität Lebensrealität, und vielfach noch weit mehr als hierzulande. All diese vielen weltweiten Lebens-Chancen und Krisen sind aber global miteinander verstrickt. Konkret heißt das: Soziale Ungleichheit, ungleiche Verteilung von Ressourcen, von Bildung, Nahrung, Gesundheit usw. an einem beliebigen Ort der Welt haben praktisch immer auch mit anderen Orten der Welt zu tun. Weder sind die Ursachen rein lokaler Natur, noch sind die Folgen auch nur ansatzweise lokal eindämmbar. Die Zeit der "internen Probleme eines Landes", wie man früher so schön sagte, ist endgültig vorbei. Und das alles bekommen wir medial auch noch (fast) hautnah mit. Dieser Umstand bewegt Menschen - hierzulande und anderswo - zu ganz unterschiedlichen Reaktionen: Einerseits kann Globalität als etwas verstanden werden, das unserer Suche nach Lösungen zugute kommt; und andererseits kann Globalität zusätzlich Angst machen, weil sie den einzelnen Menschen völlig machtlos zurücklässt. Um auf Ihre Frage zu antworten: Ja, ich glaube, Machtlosigkeit ist ein starker Motor für angstgesteuerte Zuschreibungen.

 

Wer ein überzeugendes Bild eines einheitlichen und moralisch integren "christlichen Abendlandes" schaffen will, der benötigt ein starkes Gegen-Bild.
Katharina Brizić, Soziolinguistin

 

 

Warum wird dann gleich eine gesamte Religion pauschalisiert?

BRIZIĆ: In diesem komplizierten, fast hautnahen Miterleben weltweiter Ereignisse wird nun Religion, wird das Religiössein von Menschen oft mit traditionellen Lebensverhältnissen bis hin zu Armut in Verbindung gebracht, und Armut wiederum wird pauschalisierend als Nährboden für Extremismus und totalitäre Regime gesehen. Übersehen wird dabei, dass unsere Wahrnehmung notwendigerweise immer selektiv ist. Übersehen wird folglich auch, dass diese Verknüpfung zwischen Armut und Extremismus ja nicht zwingend überall und immer stattfindet. Und übersehen wird vor allem, dass sie nicht bloß für mehrheitlich islamische Gesellschaften zutrifft. Übersehen wird, dass sich derzeit auch mitten in Europa, und auch in der Europäischen Union, autoritäre, undemokratische und rechtsextreme Ansätze entwickeln, und dass die betreffenden (rechts)nationalistischen Kreise dabei die Berechtigung aus ihrer christlichen Tradition - also ebenfalls aus einer religiösen Orientierung - ableiten. "Der Islam" - der als eine einheitliche Weltreligion gar nicht existiert, ebensowenig wie andere Weltreligionen - dieser imaginiert einheitliche "Islam" ist dabei ein unverzichtbarer Gegenspieler: Wer ein überzeugendes Bild eines einheitlichen und moralisch integren "christlichen Abendlandes" schaffen will, der benötigt ein starkes Gegen-Bild. Ohne ein so stark thematisiertes, negativ überzeichnetes, pauschalisierendes Bild des "Gegners Islam" wäre das positiv überzeichnete Bild des "christlichen Abendlandes" überhaupt nicht aufrechterhaltbar. Was hier politisch angerichtet wird, ist in seinen Folgen unabsehbar. Eine der Folgen aber ist klar: Manche Menschen glauben den verallgemeinernden Bildern. Denn diese scheinen in das ohnehin schon existierende Gefüge von Zukunftsangst - siehe oben - wunderbar zu passen. Solche Bilder erklären auf einfache Weise, wovor man Angst hat und warum man sich so machtlos fühlt. Reale und unrealistische Ängste fügen sich zu einem für den Einzelnen nur mehr schwer durchschaubaren Gemisch zusammen. Oft genug lautet die Kurzformel dann: Islam, moslemische Kinder, Gefahr für Schulerfolg. Dass die Ursachen der Ängste ganz woanders zu bekämpfen wären - zum Beispiel mit dem Anstreben unbedingter sozialer Gerechtigkeit, mit der Investition in Bildungschancen für alle, mit sicherem Auskommen für alle, Zugang zu Arbeit und Vielem mehr - das geht total unter.

 

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