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"Es geht um Nächstenliebe und Menschlichkeit"

von

Zwei Österreicher verlassen sich nicht auf die Politik und haben Hilfe für ihre Mitmenschen selbst in die Hand genommen: Der eine in einem nepalesischen, vom Erdbeben zerstörten Dorf, die andere innerhalb der aktuellen Flüchtlingsdramatik in Österreich.

Laila Daneshmandi und Stefan Krasa

LebenKatrin Halbhuber(TypischIch)

 

"Herz statt Hetze"

Täglich wird die Empörung unter der österreichischen Bevölkerung größer: Die heimische Politik scheint der aktuellen Flüchtlingswelle hilflos bis gleichgültig oder gar ablehnend gegenüberzustehen.
Die 34-jährige Journalistin Laila Daneshmandi wollte sich nicht mehr nur betroffen fühlen, sondern etwas gegen die gefühlte Ohnmacht unternehmen. „Darüber zu reden, wie man helfen kann, wohin man Sachspenden bringen kann, war mir irgendwann zu wenig. Man kann alles Mögliche spenden, aber die Leute haben so viel durchgemacht und sind durch so schreckliche Dinge gegangen, eigentlich brauchen sie Menschlichkeit.“ Die Journalistin recherchierte, fragte bei Caritas und Diakonie nach.
Dann entstand spontan die Idee zum #machwas-Picknick: Einheimische und Flüchtlinge treffen sich, essen, reden, spielen miteinander, lernen sich kennen. Eine einfache Idee – aus gutem Grund: „Es sollte auf der menschlichen Ebene bleiben. Es geht nicht darum, viel Geld in die Hand zu nehmen, sondern darum, einfach da zu sein und mit den Leuten zu reden und ihnen zu zeigen, wie wir drauf sind. Es geht darum, Berührungsängste abzubauen.“
Laila teilte ihre Idee zuerst nur im kleinen Kreis auf Facebook und wenig später wurde daraus eine Veranstaltung mit über 3000 eingeladenen Menschen.


wienerin.at Laila Daneshmandi

wienerin.at Laila Daneshmandi

Laila Daneshmandi


Ein Feedback, dass für die Journalistin überwältigend war: „Meine größte Angst war, mit meiner Picknickdecke und meiner Schüssel Nudelsalat und einer Handvoll Flüchtlingen alleine dazustehen.“ Das erwies sich als unbegründet: An die 140 Menschen, 70 Österreicher, 70 Flüchtlinge, größteils aus Syrien und dem Irak, kamen zum ersten #machwas-Picknick auf die Jesuitenwiese in den Wiener Prater. Und hatten vor allem eines: Einen schönen Nachmittag.

Anfängliche Unsicherheiten gab es auf beiden Seiten, erzählt Laila: „Das war eigentlich eine schöne Situation: Die Österreicher, die schon auf ihren Picknickdecken saßen wie die Schulkinder und gewartet haben, und die Flüchtlinge, die auf uns zukamen. Und dann steht man kurz da. Was reden wir jetzt miteinander? Einige haben dann einfach einen Ball genommen, andere eingeladen, und es wurde gemeinsam gespielt. Viele haben sich ihr Essen geschnappt, sind zu Menschen hingegangen. Und dann ergeben sich die Dinge von alleine. Am meisten Spaß hatten mit Sicherheit die Kinder. Sie haben einen ganz natürlich Zugang und darauf muss man sich auch reduzieren, wenn du keine gemeinsame Sprache hast."

 

privat #machwas-Picknick

privat #machwas-Picknick


Das erste #machwas-Picknick im Juni 2015

 

Die immer größer werdende Bereitschaft der österreichischen Bevölkerung, Hilfe für die in Österreich eintreffenden Flüchtlinge selbst in die Hand zu nehmen, sieht Laila Daneshmandi positiv: „Natürlich versagt die Politik komplett, in dem sie Dinge wie ein Bett oder ein Dach über dem Kopf nicht zur Verfügung stellt. Aber es muss Hand in Hand gehen, Politik kann dir nie die Integration nicht abnehmen. Sie kann dir Hilfestellungen geben, sie kann das unterstützen, aber letztendlich braucht es schon die Menschen, die auch offen dafür sind. Da geht es um eine Eigenverantwortung des Einzelnen, um Nächstenliebe und Menschlichkeit. Für Menschen, die das spüren und leben, ist es selbstverständlich, zu helfen.“

Genau deshalb war es Laila auch so wichtig, mit ihrem #machwas-Picknick andere zu inspirieren: „Ich wollte einen Dominostein auslösen. Ich versuche auch immer zu sagen, hey, ich hatte überhaupt keinen Aufwand, jeder kann das machen. Es muss kein Riesending sein, man kann auch nur mit fünf Flüchtlingen etwas unternehmen.“ Der Dominostein hat seine Wirkung nicht verfehlt: Mittlerweile hat auch in der Steiermark ein ähnliches Picknick stattgefunden, gemeinsame Essen mit Flüchtlingen wurden organisiert.

Vom Bleistift zur Erdbebenhilfe

Die Erfahrung, dass es oft nur eine Idee braucht, um viele Menschen mitzureißen, hat auch Stefan Krasa gemacht. Der Wiener unterstützt seit einer Asien-Reise 2009 das nepalesische Dorf Chipling. „Ich habe dort Dawa kennengelernt, der im Laufe weiterer Besuche zu meinem Trekkingguide und irgendwie auch zu Familie geworden ist. Dawa hat mir sein Heimatdorf gezeigt. Nach der Rückkehr von meiner ersten Reise habe ich mit meiner Tante über die dortigen Schulbedingungen gesprochen. Die sehen sehr schlecht aus, die Schule und das Dorf bestehen aus einfachen Steingebäuden mit Lehmboden. Also hat sie mir auf meine nächste Reise 400 Euro mitgegeben und davon hab ich Schulsachen besorgt.“
Im politisch krisengeschüttelten Nepal sind mehr als die Hälfte der Einwohner Analphabeten, entlegene Dörfer wie das auf 2300 Seehöhe liegende Chipling werden von der Regierung kaum versorgt. „Ich habe mir oft gedacht, eigentlich übernehme ich hier etwas, wofür der Staat sorgen müsste. Buntstifte, Bleistifte, das kostet ein paar Cent. Ich habe die Schule drei, vier Jahre lang unterstützt, hätte ich damit aufgehört, wäre alles wieder so wie früher.“


wienerin.at Stefan Krasa

wienerin.at Stefan Krasa

Stefan Krasa


Bald wurde deshalb aus Stefans Engagement mehr: Eine weitere Sammlung in seiner Heimat Österreich sicherte den Bau eines Guesthouses – eines von zwei Gebäuden, die als einzige nach den großen Erdbeben im April und Mai 2015 stehenblieben. Menschen wurden in Chipling gottseidank keine verletzt, zum Zeitpunkt des größten Bebens fand ein Dorffest statt, alle befanden sich im Freien.

Wie Laila erlebte Stefan direkt nach der Nachricht von den Zuständen in Nepal eine große Nachfrage von Freunden und Bekannten, die helfen wollten: „Viele Leute hier haben mich gefragt, ob ich in Nepal noch was mache, und so kamen innerhalb von drei Wochen zehntausend Euro zusammen.“
Stefan, der mittlerweile seine Aktion als Social Entrepreneur führt – „vorher hab ich nicht gewusst, was das ist, jetzt bin ich einer“, erzählt er grinsend -, erhielt zudem große Unterstützung von Lehrern und Schulklassen, denen er im Rahmen von Workshops in den vergangenen Jahren das Thema Sozialprojekte und damit auch sein Projekt im Speziellen näher gebracht hat. Ein Reisebüro sponserte ihm einen Flug nach Nepal, denn: „Mein Grundsatz ist, dass kein Euro für Verwaltungskosten drauf geht, und das hab ich bis jetzt auch immer geschafft.“
Von den gesammelten Spenden wurden gemeinsam mit Freund Dawa vor Ort Dächer für 62 Häuser gebaut, um das Dorf rechtzeitig vor Beginn der Monsoon-Saison wieder bewohnbar zu machen. Außerdem wurde ein neuer Wassertank gebaut, das Guesthouse dient aktuell als eine Art Community Center, in dem Nahrung und Kleidung gelagert werden können. Der Rest wurde zu gleichen Teilen unter den Bewohnern aufgeteilt, Hilfe zur Selbsthilfe.

Stefan Krasa Chipling

Stefan Krasa Chipling

Das Dorf Chipling nach dem Erdbeben 2015


Stefans nächste Reise nach Nepal ist für das Frühjahr 2016 geplant, 1500 Euro hat er für das nächste Ziel, den Wiederaufbau der Schule, bereits zusammen. Ans Aufhören denkt der 32-Jährige, der Kultur- und Sozialanthropologie studiert hat, nämlich genauso wenig wie daran, seine Aktion größer oder professioneller aufzuziehen: „Ich denke mir oft, eigentlich müsste viel mehr gehen, wenn ich das hauptberuflich machen würde. Aber dann würde es für mich den Charakter verlieren. Die Leute sehen jetzt, hey, der macht das in seiner Freizeit und ist mit Herzblut dabei, und geben deshalb gerne etwas. Was Organisationen wie die Caritas im großen Stil mache, ist super und wichtig. Trotzdem ist es schön, seinen eigenen Weg zu gestalten.“


Ich habe selten solche Glücksgefühle erlebt.
Laila Daneshmandi

 

Dankbarkeit für ihre Unterstützung haben sowohl Laila Daneshmandi als auch Stefan Krasa erlebt, wenn auch nicht unbedingt auf die herkömmliche Weise. In Nepal herrscht das Prinzip des Karma, ein spirituelles Konzept, nach dem guten Taten sich positiv auf das nächste Leben auswirken. Ein direktes „Danke“ bleibt da aus, erzählt Stefan: „Derjenige, der schenkt, pflegt sein Karma. Dem Beschenkten kann’s egal sein. Das passt für mich. Ich finde es cool, wenn ich durchs Dorf gehe und die Leute laden mich zu sich ein, auf ein Reisbier oder frische Büffelmilch oder zum Essen. Man redet zwar nichts miteinander, aber das sind sehr schöne Momente.“

Laila hat es anders erlebt: „Bei mir haben sich sehr viele Leute bedankt, von zwei Seiten: Die Österreicher, weil sie endlich mehr tun, anpacken und etwas beitragen konnten, und die Flüchtlinge, denen man eine gewisse Gelöstheit angemerkt hat. Man konnte ihnen ansehen, wie viel an diesem Nachmittag von ihnen abgefallen ist.“ Am dankbarsten ist die 34-jährige aber wohl selbst für die Erfahrung: „Ich bin während des Picknicks kurz einen Schritt raus aus dem Trubel und habe diese riesige Deckenlandschaft beobachtet, diese bunte Mischung, und war einfach nur beseelt. Dass aus einem einzigen Facebook-Ausruf sowas entstehen kann, war schon echt groß für mich. Ich hab selten solche Glücksgefühle erlebt.“

 

#machwas-Picknick

Wann: Sonntag, 26. Juli 2015, 16 bis 20 Uhr

Wo: Jesuitenwiese im Wiener Prater, bei der großen Rutsche am Kinderspielplatz

Mitzubringen: Decken, Essen, Trinken, Spielsachen

Alle Infos und Updates bei Schlechtwetter auf der Facebook-Seite.

 

Hilfe für den Wiederaufbau im nepalesischen Chipling

Alle Infos zu Spenden sowie Updates zu neuen Projekten und Fortschritten beim Aufbau des Dorfes auf folgender Facebook-Seite:

www.facebook.com/NepalhilfeChiplingHelambu

 

 

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