< Zur Mobilversion wechseln >

Nachgefragt: Kann Islam auch frauenfreundlich?

von

Das größte Matriarchat der Welt ist muslimisch - drei Millionen Menschen in Indonesien gehorchen den Gesetzen von Frauen. Wie das zusammenpasst, haben wir Islamexpertin Lise Abid gefragt.

Kann Islam auch frauenfeindlich?

Jetztred.(Wienerin)

Ein Islam, in dem die Frauen das Sagen haben - das ist eigentlich unvorstellbar. Vielleicht ähnlich unvorstellbar, als würden in der katholischen Kirche die Frauen das Sagen haben. Religionsstrukturen sind nämlich weltweit patriarchal. Umso erstaunlicher ist es, einmal ein Matriarchat kennenzulernen.

Wie dieses funktioniert und wie sich Rollenbilder im Islam - global und auch bei uns in Österreich -verändern, hat uns Islamexpertin Lise Abid erzählt.

 

Drei Millionen MuslimInnen leben im weltweit größten Matriarchat. Das klingt absurd, denn gerade der Islam gilt ja als extrem patriarchal. Täuscht dieses Gefühl?

Lise Abid: Ich denke, zuerst einmal muss man sagen, dass der Islam genauso patriarchal oder nicht patriarchal ist wie andere Religionen auch. Man muss hier aber sehen, dass Indonesien immer schon sehr multikulturell war. Es gibt dort auch indigene Religionen, die bis heute existieren, und dadurch ist der Islam sehr stark vermischt mit Riten und Vorstellungen von Geisterglauben. Das hat mit der Lebensrealität der Menschen dort zu tun. Die Minangkabau haben jedenfalls eine Wechselwirkung mit der modernen Umgebung: Es gibt dort viele Frauen, die studieren, aber auch junge Männer, die in die Stadt gehen; viele Frauen bleiben auch und bauen Reis an. Es wäre etwa unvorstellbar, dass Männer den Reis anbauen.

 

Weil Frauen den Grund und Boden besitzen?

Ja, und die Matriarchin achtet darauf, dass ihre Schwiegersöhne tatsächlich Geld nach Hause bringen.

 

Im Zuge der Reportage haben wir eine interessante Aussage von einer Frau gehört: "Es ist die arabische Tradition, die die Frauen unterdrückt, nicht der Islam." Stimmen Sie dem zu?

Ich würde dem nicht eins zu eins zustimmen. Man muss sehen, dass es in Indonesien einen arabischen Einfluss gibt. Dieser Einfluss, etwa jener Saudi-Arabiens, ist spürbar, und nicht alle sind glücklich damit, weil sie das Gefühl haben, ihre Kultur würde verändert. Hier haben die Leute vielleicht ein bisschen Angst, dass ihnen ein extrem konservativer Islam als "authentisch" verkauft wird.

 

Mittlerweile werden gerade in der jungen Community viel mehr partnerschaftliche Paarbeziehungen gelebt. Es gibt viele Videos auf YouTube, in denen junge Leute genau darüber erzählen und andere auch für diese Art zu leben begeistern wollen.
Lise Abid

 

Wie lassen sich denn ganz grundsätzlich islamische Regeln mit säkularen und rechtsstaatlichen Gesetzen vereinbaren?

Hier gibt es Initiativen, den Islam zu reformieren. Gerade wird etwa in Tunesien versucht, das Erbrecht dahin gehend zu ändern, dass künftig Frauen und Männern derselbe Erbanteil zusteht. Bis jetzt ist es ja so, dass Töchter nach islamischem Erbrecht nur die Hälfte des männlichen Anteils bekommen; das ist im Koran verankert. Dafür haben die Frauen bei der Heirat Anrecht auf ein Brautgeld und als Ehefrauen auf vollen Unterhalt. Kein muslimisches Land -mit Ausnahme der Türkei - hat bis jetzt dieses Erbrecht geändert. In Tunesien wird das nun getan, weil sich die sozialen Verhältnisse ändern. Indonesien aber ist in diesem Zusammenhang sowieso ein sehr säkularer Staat, dort kann man zwischen unterschiedlichen Erbgesetzen wählen. Man kann jede Kleidung tragen, die man will, und die staatlichen Gesetze stehen über jenen der Religionen.

 

Inwieweit haben sich denn die Rollenbilder im Islam in den letzten Jahren oder Jahrzehnten verändert?

Sehr stark. Und zwar in allen mehrheitlich muslimischen Ländern und bei allen muslimischen MigrantInnen, die bei uns leben. Zum einen dadurch, dass Frauen oft berufstätig sind und auch zunehmend bessere Bildung haben -das bringt Empowerment und einen gewissen Status in der Familie. Mittlerweile werden gerade in der jungen Community viel mehr partnerschaftliche Paarbeziehungen gelebt. Es gibt viele Videos auf YouTube, in denen junge Leute genau darüber erzählen und andere auch für diese Art zu leben begeistern wollen. Eine Beobachtung dazu aus Wien: Noch vor 20 Jahren sah man in Gegenden, wo viele Muslime wohnen, entweder alle Frauen einer Familie mit Kopftuch oder alle Frauen ohne -das ist heute sehr durchmischt, auch innerhalb einer Familie.

 

Im Fokus des öffentlichen Diskurses steht vielfach der radikalisierte und politische Islam, auch bei uns. Aber hat sich der Islam nicht als Ganzes in den letzten Jahren geöffnet?

Die Globalisierung wirkt auch auf den Islam; darauf, wie er verstanden und gelebt wird. Sieht man sich die Frauenbewegung an, dann zeigt sich, dass das muslimische Engagement etwa gleichzeitig mit der Bewegung in Europa gekommen ist. In Ägypten oder der Türkei reicht das zurück bis ins 19. Jahrhundert oder zum Anfang des 20. Jahrhunderts -die Frauen orientierten sich zunächst an den Frauenrechtlerinnen aus Europa. Dann kam eine Gegenströmung, bei der man sich gegen "Verwestlichung" gewehrt hat. Angesichts feministischer Strömungen haben Musliminnen aus religiösen Kreisen begonnen, nach frauenfreundlichen Überlieferungen und Lesarten des Islam zu suchen. Es gibt bis heute beide Pole, aber neben den Gegensätzen auch Diskurse und Kooperationen zwischen religiösen und säkularen Feministinnen.

 

Wir diskutieren in Österreich gerade recht emotional über ein Kopftuchverbot bei Kindern in Volksschulen. Wie sehen Sie das?

Mich stören religiöse Symbole ganz generell nicht. Ob da jetzt ein Kreuz in der Klasse hängt oder Mädchen mit Kopftuch dasitzen -das gehört für mich zur Vielfalt. Aber eines muss man klar sagen: Für Mädchen im Volksschulalter ist im Islam kein Kopftuch vorgesehen. Das ist ein klarer Fall - eines Verbotes sollte es dazu eigentlich nicht bedürfen.

 

Privat Lise Abid

Zur Person

MAG. DR. LISE ABID lehrt Gender Studies zur islamischen Welt an der Uni Wien und ist freie Autorin.

Kommentare

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen