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Gender Studies: Sind Gender Studies die "moderne Hysterie"?

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StudentInnen der Universität Wien haben analysiert, wie und warum über Gender Studies in Online-Kommentaren zu einem Standard-Artikel geschimpft wird.

Gender Studies sind unnötig, schimpfen Forenuser

Jetztred.(Wienerin)

Es ist an sich nichts Böses oder Verwerfliches - nichts, das die Gemüter erregen sollte: Der Begriff "Gender" meint einfach das soziale, im Gegensatz zum biologischen Geschlecht. Die Gender Studies oder Genderforschung ist eine interdisziplinäre Forschungsrichtung, die die Bedeutung des Geschlechts für Kultur, Gesellschaft und Wissenschaften fragt. Und das sorgt, zumindest in Internetforen, stets für Aufruhr.

Wie im Online-Forum des "Standard". Dort erschien im April 2017 ein Interview mit Sabine Grenz, die gerade ihre Professur für Gender-Studies an der Universität Wien angetreten hatte. In den Kommentaren zu dem Artikel entwickelte sich rasch eine extrem ablehnende und feindselige Haltung gegenüber der Disziplin.

 

Die Wissenschafterin nahm diese Abwehr zum Anlass, um gemeinsam mit ihren StudentInnen eine quantitaive Diskursanalyse der ersten knapp 600 Postings durchzuführen.

Studierende haben die Kommentare analysiert und nach Antworten auf folgende Fragen gesucht: Wo liegen die Hauptangriffspunkte? Welchem Wissenschaftsverständnis liegt die Kritik zugrunde und welche Ressentiments werden offen vorgetragen, welche versteckt?

 

Wenige Poster sagen viel

Eine paar Poster schreien besonders laut: Die StudentInnen konnten beobachten, dass die Diskussion von wenigen HauptakteurInnen getragen wurde. Von den 598 ausgewerteten Postings stammt etwa die Hälfte von UserInnen, die nur einmal kommentiert haben. Die andere Hälfte verteilt sich auf Menschen, die mindestens fünf Mal ihre Meinung kundtaten. Sieben Personen haben 20-mal oder noch öfter gepostet und damit insgesamt 169 Kommentare generiert. Das sind immerhin fast 30 Prozent des gesamten Contents.

Die bei solchen Analysen übliche Einteilung in Geschlecht oder Herkunft funktioniert wegen der anonymen Usernamen freilich so nicht. Aus den Inhalten konnten die StudentInnen aber ableiten, dass es sich bei den PosterInnen überwiegend um Männer handelte - etwa, weil sie männliche Usernamen oder Formulierungen verwenden, die einen Rückschluss auf das Geschlecht erlauben.

 

Poster glauben nicht an Gender Studies

Der Grundtenor der Postings ist einfach: Frauen werden in Wahrheit nicht diskriminiert und die Geschlechter sind nun mal verschieden. Mit diesen Behauptungen entziehen die PosterInnen den Gender Studies von vornherein die Daseinsberechtigung. Dem "Standard" gegenüber beschreibt Grenz das "als Grundannahme gegen die Genderforschung, die sämtliche Problemlagen 'erfinden würde'." Die PosterInnen stützen sich dabei auf Erfahrungen aus ihrem persönlichen Lebensbereich.

UserInnen schreiben in ihren Kommentaren etwa "Wo wird eigentlich so vehement gegen die Nachteile des Mannes vorgegangen wie gegen die des Frauenseins – nur weil es grad so gut zur Scheinheiligkeit passt." oder "Gender wird von den Menschen abgelehnt, weil es eine Ideologie und keine Wissenschaft ist und weil sie der Realität widerspricht."

 

Zwar würden sich die UserInnen "davor hüten, Frauen bestimmte kognitive Fähigkeiten abzusprechen", sagt Grenz. Genau das passiere aber versteckt - etwa in dem behauptet wird, dass Gender Studies ein unwissenschaftliches Studium sei, das aber einen Frauenanteil von über 90 Prozent habe. Ein Kommentar lautet etwa: "Wie viele männliche Professoren gibt es im Bereich der Gender-Studies weltweit? Mehr oder weniger, als eine Hand Finger hat?"

 

Kaum jemand weiß über Gender Studies Bescheid

Die Diskussionen werden fast gänzlich in einer wissenschaftlichen Sprache geführt, besonders oft werden Worte wie "objektiv", "wissenschaftlich" oder "falsifizierbar" verwendet - im Gegensatz dazu werden die Gender Studies als "Ideologie" bezeichnet. Dass die Wissenschaft, wie jede andere Sozialwissenschaft, mit empirischen Daten arbeitet, beachten die UserInnen aber nicht.

Die Kritik lässt darauf schließen, dass allgemein wenig über den tatsächlichen Forschungsbereich der Gender Studies bekannt ist. Grenz betreut gerade etwa Arbeiten zu den Risiken des Geschäfts mit Leihmutterschaft in Indien, eine zur Gewalt in Beziehungen im modernen Russland oder eine Arbeit zur Frage, inwieweit sich die Möglichkeiten hormoneller Verhütung zwischen Optimierung und Emanzipation bewegen.

 

Gender Studies sind die neue "Hysterie"

Grenz erinnert das an das Bild der Hysterikerin aus dem 19. Jahrhundert. Das längst nicht mehr anerkannte Krankheitsbild der Hysterie, dessen Name vom altgriechischen Wort für Gebärmutter abgeleitet ist, beschrieb eine neurologische Störung von Frauen, die sich ihre Symptome nur einbildeten. "Eine Frau, die sich völlig ohne Grund aufregt, eine Lügnerin", wie Grenz sagt. Ähnlich sehen manche Kommentare die Gender Studies, wenn auch in abgeschwächter Form: "Genderwissenschaften sind eher etwas für gefrustete Frauen höheren Alters mit zu viel Zeit", heißt es etwa in einem Posting.

Freundliche Worte gab es nur wenige - und wenn, dann als Gegendarstellung zu negativen Postings. Nur eine einzige Person verfasste ein für sich stehendes, positives Posting.

 

 

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