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Hawara der Woche: Christian Berger: "Es geht beim Frauen*volksbegehren nicht darum, Männern etwas wegzunehmen"

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Was macht ein Mann bei einem Begehren, das sich für frauenpolitische Agenden einsetzt? Sehr viel, wie wir in einem Gespräch mit Christian Berger, Vorstandsmitglied des Frauen*volksbegehrens, herausgefunden haben.

JetztArnika Zinke(Wienerin)

Männer, die sich aktiv für Frauenrechte und Gleichberechtigung einsetzen, sind in Österreich noch immer eine Rarität. Umso bemerkenswerter ist die Arbeit von Christian Berger, 26, der sich seit einigen Monaten als Vorstandsmitglied beim Frauen*volksbegehren aktiv für Frauen*agenden einsetzt.  

 

Männer, die wir mögen: In unserer Rubrik "Hawara der Woche" stellen wir regelmäßig Männer vor, die sich für Gleichberechtigung und Frauenrechte einsetzen. Heute: Christian Berger, Vorstand des Frauen*volksbegehrens.

 

Anlässlich des Aufrufs der Initiative für 8.401 Unterstützungserklärungen (hier unterschreiben), die am Montag gestartet ist, haben wir uns mit dem 26-jährigen Wiener getroffen und über die Forderungen des Begehrens, "toxische" Männlichkeit und Beyoncé geplaudert und herausgefunden, warum das Frauen*volksbegehren auch für Männer neue Lebensrealitäten ermöglicht. 

 

Es gab ja zum Start der Initiative immer wieder den Vorwurf, die Forderungen des Frauen*volksbegehrens wären zu breit gefächert bzw. würden auf zu spezifische Bereiche abzielen. Inwiefern habt ihr euch dieser Kritik gestellt? 

Christian Berger: Die Forderungen sind sehr breit, weil Frauenpolitik alle Bereiche des Lebens betrifft. Wir hatten, wie viele politische Initiativen, damit zu kämpfen, ein sehr dichtes Programm auf Kernbotschaften herunterzubrechen, die in die Köpfe der Menschen einsickern können. Aber wir haben uns intern darauf geeinigt, dass wir die Ziele verknappen wollen, ohne an Substanz zu verlieren. Es geht um die Gleichwertigkeit von Frauen und Männern und davon haben alle etwas. Alle unsere Forderungen adressieren auch die Lebensrealitäten von Männern, und zwar in Wahrheit ohne ihnen etwas wegzunehmen. Es geht darum, ihnen mehr zu ermöglichen. Das gilt einerseits für Alleinerzieher, andererseits für Männer, die von der Werbung – wie auch Frauen – ein gewisses stereotypes Männerbild vorgehalten bekommen und damit sozialisiert werden und sich nicht frei entwickeln können.

 

Auf welche Forderungen hat sich das Frauen*volksbegehren geeinigt?
Wir haben gemeinsam mit ExpertInnen eine Balance mit 9 Forderungen gefunden, wobei wir nur 3 Forderungen wirklich „aufgegeben“ haben. Entweder weil sie sehr kleinteilig waren oder weil sie, wie zum Beispiel der Mindestlohn, wegen entsprechenden politischen Beschlüssen, nicht mehr notwendig waren.

FVB: Das sind die Forderungen des Frauenvolksbegehrens

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Kritik gab es ja vor allem für die Forderung nach einer 30-Stunden-Arbeitswoche…?

Ja, das Thema Arbeitszeitverkürzung haben wir behalten, aber nochmal genau hingeschaut. Es geht uns ja um die Kernaussage, die darin liegt, dass Arbeit zwischen Frauen und Männern gerechter verteilt werden muss. Und ja, dafür braucht es eine schrittweise Arbeitszeitverkürzung. Es hat davor so gewirkt, als würde das Frauen*volksbegehren fordern, dass von einem Tag auf den anderen die 30-Stunden-Arbeitswoche zur Normarbeitszeit wird, was natürlich in kurzer Zeit nicht realisierbar ist. Das würde auch zu Wettbewerbsnachteilen bei kleinen und mittelständischen Unternehmen führen, und das wollen wir genauso wenig. Nichtsdestotrotz ist uns die Forderung sehr wichtig: vier von fünf neuen Erwerbsarbeitsplätzen in der Eurozone sind Teilzeitarbeits-Verhältnisse. Wenn die Politik die rechtlichen Erwartungen an eine Normerwerbsbiographie nicht bald an diese Arbeitszeitrealitäten anpasst, wird systematisch Armut erzeugt, insbesondere Frauenarmut und Altersarmut. Eine gerechtere Verteilung von Arbeit zwischen Frauen und Männern ist ein Thema an dem wir nicht vorbeikommen.

 

Bei der FPÖ gehört es fast schon zum guten Ton, dass sie jede progressive frauenpolitische Forderung schlecht findet, da werden wir vielleicht nicht sehr weit kommen. Probieren werden wir es trotzdem!
Christian Berger

 

Vielleicht reden wir nochmal über die Mindestlohn-Forderung... das war ja etwas, was nach der Veröffentlichung eurer Forderungen ebenfalls sehr stark kritisiert wurde. Nun habt ihr es ja, zumindest aus dem Hauptforderungskatalog, herausgenommen. Lag das auch daran, dass ihr dafür so viel Kritik einstecken musstet?

Also für die Arbeitszeitverkürzung haben wir eigentlich noch mehr Kritik bekommen, als die Mindestlohnforderung und an der haben wir ja trotzdem festgehalten (lacht). Nein, wir haben uns vor allem gefragt: Welche Forderungen eignen sich wirklich zur Neuverteilung und -bewertung von Arbeit? Das ist zum einen, und das ist eine ganz klare Forderung, der gleiche Lohn für gleiche Arbeit. Wir fordern, dass die Einkommensberichte als gleichstellungspolitisches Instrument gestärkt werden. Also wenn Entgeltdifferenzen über einen Bericht sichtbar werden, sind diese auf Unternehmensebene abzubauen, sonst gibt es Sanktionen. Das heißt: Ein Unternehmen legt einen Einkommensbericht vor, da sind Differenzen, die nicht erklärbar sind und dann ist das Unternehmen verpflichtet diese auch abzubauen. Gemeinsam mit einer schrittweisen Arbeitszeitverkürzung könnten wir dadurch eine echte Gleichwertigkeit am Arbeitsmarkt schaffen. Dem Mindestlohn wurde deswegen auch viel Wind aus den Segeln genommen, weil er eben mit 1500 Euro schon im Nationalrat beschlossen wurde. Wir haben die Mindestlohnforderung also deshalb aufgegeben, weil sie im politischen Diskurs ohnehin starkt präsent ist. Was wir aber natürlich weiterhin thematisieren, ist die Notwendigkeit eines „existenzsichernden Lohns“.

 

Du hast jetzt immer wieder angesprochen, dass das politische Klima für eure Forderungen entscheidend ist. Nun haben sich alle weiblichen Regierungsmitglieder dafür entschlossen, das Frauen*volksbegehren nicht zu unterschreiben. Was ist von euren Forderungen dann überhaupt realisierbar?

Auch wenn der Nationalrat die Forderungen vielleicht nicht Eins-zu-eins umsetzt, geht es ja vor allem um den Diskurs um die Gleichwertigkeit von Frau und Mann, den wir mit dem Frauen*volksbegehren in die Politik, aber vor allem auch in die Bevölkerung tragen. Und die spannende Frage ist ja auch, was wäre denn ohne dem Frauen*volksbegehren? Welchen Platz hätten diese Debatten ohne uns? Wir zielen natürlich auf diese Regierung ab, und wir werden uns auch nicht vor Gesprächen sträuben, im Gegenteil: wenn es etwa um Kinderbetreuung oder Gewaltschutz geht, werden wir die Parteien beim Wort nehmen und sie daran erinnern, was sie im Regierungsprogramm versprochen haben. Das gilt natürlich für die ÖVP, die sich als Familienpartei positioniert. Bei der FPÖ gehört es fast schon zum guten Ton, dass sie jede progressive frauenpolitische Forderung schlecht findet, da werden wir vielleicht nicht sehr weit kommen. Probieren werden wir es trotzdem! Unsere Idee ist es einen Anker zu werfen, Forderungen und Ideen im politischen Diskurs mittelfristig und perspektivisch am Leben zu erhalten und natürlich zielen wir nicht nur auf die institutionalisierte Politik ab, sondern auch auf die Köpfe und Herzen der Menschen. Wir sind ein Volksbegehren, eine breite Bewegung, keine starre politische Partei.

 

 

 

Aber ein Volksbegehren ist ja grundsätzlich ein Instrument, das die FPÖ ja sehr stark befürwortet. Wäre das nicht ein möglicher Anknüpfungspunkt mit den Freiheitlichen?

Dass sie das Instrument gut finden, ist eine Sache... und vielleicht findet sie die ein oder andere Forderung sogar gut – wir haben ja schon mal ein Podium mit einer FPÖ-Vertreterin gehabt und da gibt es auch keine Pauschalabsage gegen den ganzen Inhalt. Aber gegen das Projekt in seiner Gesamtheit schon. Das gilt ja auch leider für die NEOS, die sich zumindest bundesparteilich nicht für uns aussprechen möchten.

 

Wir hätten uns natürlich dafür entscheiden können voll im Nationalratswahlkampf zu intervenieren und viel Aufmerksamkeit zu bekommen, durch riesige Veranstaltungen, große Buchungen und öffentlichkeitswirksame Aktionen. Aber uns war das Risiko, im Windschatten und Fahrwasser der Wahl unterzugehen zu groß.
Christian Berger

 

Lange Zeit schien es, zumindest oberflächlich betrachtet, etwas ruhiger um das Frauen*volksbegehren geworden zu sein. Was ist in den vergangenen Monaten bei der Initiative passiert?

Wir haben im Sommer intern sehr viele Diskussionsprozesse geführt, sowohl was die Inhalte betrifft aber auch über die Kampagnenstrategie. Wir haben ein, durch das Crowdfunding respektables, aber für ein Volksbegehren leider trotzdem sehr begrenztes Budget. Wir hätten uns natürlich dafür entscheiden können voll im Nationalratswahlkampf zu intervenieren und viel Aufmerksamkeit zu bekommen, durch riesige Veranstaltungen, große Buchungen und öffentlichkeitswirksame Aktionen. Aber uns war das Risiko, im Windschatten und Fahrwasser der Wahl unterzugehen und unsere Ressourcen und Energien verschwendet oder falsch platziert zu haben, zu groß. Denn unsere Ressourcen brauchen wir dringender rund um die Sammlung der Unterstützungserklärungen, und dann natürlich vor allem in der Eintragungswoche des Frauen*volksbegehrens.

 

Und wie sieht eure Strategie jetzt bzw für die kommenden Monate aus?

Ab 12. Februar sammeln wir Unterstützungserklärungen und das werden wir, so ist der Plan, bis 12. März machen. Danach ist der Ball beim Innenminister, der den Zeitraum für die Eintragungswoche festlegt. Wir haben in den Bundesländern auch Aktionsgruppen aufgebaut, die in den nächsten Wochen regelmäßig Treffen, Flyerverteilaktionen und Veranstaltungen organisieren. Die finden natürlich in unterschiedlicher Größe und Form statt. Die Wirkung von Wirtshausgsprächen, auch wenn es zehn oder 20 Personen sind, darf man nicht unterschätzen. Ein Volksbegehren baut sich, in einem Land, das ländlich strukturiert ist, nur über viele kleinere Gruppen auf. In Wien haben wir schon viele Veranstaltungen, die zum Teil ein sehr breites Klientel anziehen, es gibt welche da kommen 30-50 Menschen, letztens hatten wir eine mit über 100, wo viele neue Gesichter waren. Wir können natürlich keine Veranstaltungen in der Wiener Stadthalle machen oder Charity-Aktionen mit Beyoncé...

 

… auch, wenn ihr das gerne würdet?

Ja, würden wir … Jederzeit (lacht). Wenn sie es aus Charity-Gründen machen würde, dann wären wir dabei. Aber auch da gilt es natürlich mit dem Budget zu haushalten. Wir werden noch mehrere Werbekampagnen fahren, wir werden den Relaunch der Website größer inszenieren, wir werden Podien organisieren, wir waren in den letzten Wochen öfter im nationalen Fernsehen [bei pro & Contra auf Puls4 oder Talk im Hangar 7 auf ServusTV, Anm. d Red.]. Ich würde sagen, dass unsere Medienöffentlichkeitspräsenz gar nicht so schlecht ist.

 

Was ist deine Motivation, auch als Mann, dich so für ein frauenpolitisches Thema zu engagieren?

Ich hab ja schon vorhin gesagt, dass das Frauen*volksbegehren und die Forderungsstruktur so aufgebaut ist, mehr Lebenschancen für alle Menschen, zu bieten, um sich entfalten zu können. Und ich will mehr. Ich will mehr für alle. Außer für die paar wenigen Männer, die einem Bild toxischer Männer gerecht werden... Irgendwelche Kriegerfiguren wie Trump, Putin oder Erdogan, Manager, das sind aber keine Rollen, die die meisten Männer erreichen können und das sollen sie auch nicht müssen. Wenn man sich die Geschlechterordnung anschaut, dann blickt man auf eine steile Hierarchie, an deren Spitze sich nur ganz wenige Männer tummeln. Das ist kein schöner Anblick. Ich finde tatsächlich, dass das Frauen*volksbegehren eine Chance ist, die Gesellschaft insgesamt freier und gleicher zu gestalten. Nicht nur für Frauen, sondern für alle Menschen, auf allen Ebenen. Es geht um Gleichstellung, Antidiskriminierung und Repräsentation, kurzum: die umfassende Anerkennung der Gleichwertigkeit der Geschlechter – und das kommt allen zu Gute. Und ich habe jetzt die biographische Chance gesehen mich aktiv einzubringen und wenn es in 20 Jahren wieder so eine Initiative braucht – und das ist zu befürchten- werde ich mich wohl nicht mit den gleichen Möglichkeiten einbringen können.

 

Gibt es für dich auch Momente in deiner Arbeit für das Frauen*volksbegehren, wo du das Gefühl hast "gegen Windmühlen zu arbeiten"?

Ja, die gibt es – und zwar täglich. Das sind aber meistens Trugschlüsse; es wäre falsch zu glauben, dass nichts voranginge, etwa angesichts vieler kleiner technischer Schwierigkeiten in der Finalisierung der Website oder bei Verzögerungen in der Produktion von Drucksorten. Es passiert furchtbar viel gleichzeitig, und vieles, an dem wir arbeiten, trägt einfach nicht sofort Früchte. Und das ist auch gut so, denn das Frauen*Volksbegehren ist eine politische Initiative, die auf über ein Jahr angelegt ist und perspektivisch wirken soll – damit muss man sich aber erst einmal abfinden. Zu den wirklichen Windmühlen, gegen die man kämpft, gehören eher die politischen Verhältnisse, die nicht gerade optimistisch und enthusiastisch stimmen. Davon darf man sich aber nicht unterkriegen lassen, ganz im Gegenteil. Angesichts des rechten und reaktionären Populismus' braucht es feministischen Populismus. Und Teil einer Initiative zu sein, die sich aus so vielen, so engagierten, großartigen, klugen und liebevollen Menschen zusammensetzt, macht Mut. Im Übrigen hat sich schon Don Quijote vertan, als er meinte, gegen unbezwingbare Ungeheuer zu kämpfen – es waren eben nur Windmühlen.

 

Wann wäre das Projekt Frauen*volksbegehren für dich "beendet", was müsste dafür erreicht werden?

Um dies zu beantworten, würde ich gerne aus unseren Vereinsstatuten zitieren: „Frauenpolitische Themen sollen nach diesem Frauen*volksbegehren keine Randthemen mehr sein, sondern fest in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs eingebettet sein. Nach dem erfolgreichen Frauen*volksbegehren sind Frauen bei allen politischen Entscheidungen mit dabei statt mitgemeint und die formal von der Verfassung garantierten Rechte von Frauen werden tatsächlich von allen umgesetzt.“ Wenn das erreicht wäre, wäre das Frauen*Volksbegehren erfolgreich und wir würden uns leichttun, es zu beenden. Wir haben uns statutarisch darauf geeinigt, dass nach erfolgreicher Durchführung eine Generalversammlung darüber zu entscheiden hat, worauf sich der gemeinnützige Vereinszweck nach der Kampagne richten soll; sollte keine Einigung erzielt werden, werden wir das übrige Vereinsvermögen einer gemeinnützigen Institution zukommen lassen, die gleiche oder ähnliche Zwecke wie das Frauen*Volksbegehren verfolgt.

 

 

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