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Meinung: Warum jeder in Österreich diesen Brief unterschreiben sollte

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Am 7. Dezember wird am Wiener Heldenplatz ein von mehr als 70 frauenpolitischen Organisationen unterzeichneter Offener Brief an die kommende österreichische Bundesregierung verlesen. Wer dabei an übertriebene Forderungen denkt, weil wir eh schon alle gleichberechtigt sind, der irrt.

Offener Brief der Frauen

JetztKatrin Halbhuber(Wienerin)

Am 7. Dezember wird am Wiener Heldenplatz ein von mehr als 70 frauenpolitischen Organisationen unterzeichneter "Offener Brief der Frauen" an die kommende österreichische Bundesregierung verlesen. Und es gibt keinen Grund, warum nicht jede Österreicherin und jeder Österreicher seine Unterschrift unter diesen Brief setzen sollte.

Zu weit weg vom echten Leben?

„Bist du dafür oder du dagegen?“ Egal, ob es um #metoo oder das Frauenvolksbegehren 2018 geht, es scheint nur die einen oder die anderen zu geben. Entweder brennst du dafür oder du findest es übertrieben. Dazwischen fand zu beiden Themen hier und da der Versuch einer inhaltlichen Auseinandersetzung statt – interessieren tut das aber nur ein paar wenige, die abseits von polarisierenden Postings und Klicks noch Lust auf und an differenzierten Sichtweisen haben.

Als ausgehend von den USA die #metoo-Debatte auch nach Österreich schwappte, wurde weniger über den Umgang mit Opfern als über die Angst vor dem Verlust der "Alltagsromantik" gesprochen. Überhaupt sei das alles viel zu weit weg von der tatsächlichen Lebensrealität der Österreicherinnen.

Als das ein Team von Frauen im vergangenen Frühjahr eine Neuauflage des Frauenvolksbegehrens für 2018 verkündete, schlugen ihnen und ihren Forderungen viel Skepsis und inhaltliche Kritik entgegen: von „Warum brauchen wir das? Wir sind doch schon gleichberechtigt!“ bis „Wer soll einen Mindestlohn von 1.750 Euro finanzieren?!“. Überhaupt sei das alles viel zu weit weg von den tatsächlichen Problemen der Österreicherinnen.

Die Forderungen im Offenen Brief der Frauen

Im Offenen Brief der Frauen, den der Verein Frauen*Volksbegehren neben über 70 weiteren Organisationen wie dem Österreichischen Frauenring oder der Allianz Gewaltfrei Leben initiiert hat, geht es weder um kostenlose Verhütungsmittel noch um den erwähnten Mindestlohn oder patriarchale Machtstrukturen.
In diesem Brief werden Forderungen formuliert, gegen deren Erfüllung es keine fundierte Argumentation gibt. Das ist keine subjektive Meinung, sondern eine statistische Wahrheit. Es geht: um die tatsächliche Lebensrealität der Österreicherinnen.

Forderung 1: „Keine Alleinerziehende sollte fürchten müssen, morgen kein Essen kaufen zu können, keine Pensionistin Angst davor haben, ihr Dach über dem Kopf zu verlieren."

Fakt ist: Armut ist weiblich. Frauen sind überdurchschnittlich armuts- oder ausgrenzungsgefährdet,  alleinerziehende Mütter – und damit auch deren Kinder – haben ein besonders hohes Risiko, weil auf Grund von Betreuungspflichten die Verdienstchancen oft sehr gering sind (Quelle: EU-SILC 2016, Statistik Austria).

Ist jemand dagegen, das zu ändern?

 

Forderung 2: "Es darf nicht sein, dass jeden Monat zwei Frauen in Österreich an den Folgen von häuslicher Gewalt sterben."

Im Jahr 2015 wurden 17.261 Opfer familiärer Gewalt von Gewaltschutzzentren oder Interventionsstellen betreut. Knapp 86 Prozent der Opfer waren weiblich. (Quelle: Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, Tätigkeitsbericht 2015)

Ist jemand dagegen, das zu ändern?

 

Forderung 3: "Gewalt, Sexismus, Frauenarmut, Lohnschere und die gläserne Decke gehören auf die tägliche politische Agenda."

Der geschlechtsspezifische Lohnunterschied liegt in Österreich bei 38,4 Prozent. Berücksichtigt man die Unterschiede im Beschäftigungsausmaß (Teilzeit) und beschränkt den Vergleich auf ganzjährig Vollzeitbeschäftigte, liegt das Bruttojahreseinkommen der Frauen immer noch um 17,3 Prozent unter jenem der Männer. Innerhalb von zehn Jahren hat sich der Gender Pay Gap hierzulande um geringe 4,7 Prozent verringert – in diesem Tempo braucht es also noch knapp 40 Jahre, bis Frauen für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn erhalten. (Quelle: Statistik Austria, Eurostat)

Ist jemand dagegen, das zu ändern?

 

Es gibt keinen Grund, nicht dafür zu sein

Egal, ob man etwas mit dem Begriff Feminismus anfangen kann oder nicht, ob man die Neuauflage des Frauenvolksbegehrens für sinnvoll, richtig auf- oder umgesetzt hält, die SprecherInnen sympathisch oder hübsch findet, egal, welche Partei man bei der vergangenen Nationalratswahl gewählt hat, ob man "Hausfrau" oder "Karrierefrau" ist: Beim "Offenen Brief der Frauen" geht es um einfach verständliche Zahlen, die eine Ungerechtigkeit aufzeigen, für die es keinen Grund gibt. Genausowenig, wie es keinen Grund dafür gibt, diesen Brief nicht zu unterschreiben.

 

Offener Brief der Frauen

Am Donnerstag, dem 7. Dezember 2017 wird Schauspielerin Maxi Blaha den Offenen Brief am Wiener Heldenplatz verlesen, danach wird er symbolisch an die zukünftige Bundesregierung verschickt.

Zum Unterschreiben des Appells auf www.aufstehn.at.

Zur Facebook-Veranstaltung „Wir sind mehr – Offener Brief der Frauen“.

 

 

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