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Porträt: Nicht zum Schweigen gebracht: "Frauen sind die Kraft hinter dem Widerstand in der Türkei"

von

Widerständig: Die türkische Journalistin Banu Güven lässt sich nicht mundtot machen. Trotz Repressionen und Drohungen bleibt sie in der Türkei, berichtet weiter und will für ein Land der Freiheit aufbegehren.

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

Ihr Blick ist durchdringend, ihre Stimme klar und ihre Haltung unumstößlich: Wenn man der türkischen Journalistin Banu Güven gegenübersitzt, wird sofort klar, dass sich diese Frau nichts vormachen lässt. "Ich war schon immer sehr stur", sagt sie bestimmt. Auch damals, als sie im Gymnasium beschloss, Journalistin zu werden. "Genau das bin ich dann auch geworden", so die 48-Jährige. Ohne Kompromisse und ohne einen Plan B. 

Diese Sturheit begleitet sie bis heute. Und nur wegen ihr kann Güven ihren Job in einem Land, in dem mehr als 100 JournalistInnen in Haft sind und Pressefreiheit ein schönes Wort aus der Vergangenheit ist, so ausüben. Am Höhepunkt ihrer Karriere wurde sie entlassen, weil sie "zu kritisch, zu ungehorsam, zu viel" war, wie sie sagt. Ab 2014 arbeitete sie dann beim unabhängigen TV-Sender İMC TV, der schließlich geschlossen wurde. Wegen angeblicher "Gefährdung der nationalen Sicherheit". Heute ist sie Freelancerin und hauptsächlich für ausländische Medien tätig. Aufgeben wird Güven trotzdem nicht. Im April 2017 wurde sie für ihr journalistisches Engagement mit dem Henri-Nannen-Sonderpreis ausgezeichnet. Doch von Selbstlob hält sie nicht viel. "Ich mache nur das, was ich als Journalistin machen sollte: die Wirklichkeit suchen und mitteilen. Das ist unsere Grundaufgabe."

 

"Ich bin eine Journalistin, die die Sprache des Friedens benutzen will"

 

Journalistin zu sein, bedeutet für sie aber auch, politisch zu sein. "Wir sind alle politisch und wir müssen unsere Fragen stellen dürfen. Dabei sollten wir aber immer sachlich bleiben." Ihre Perspektive ist eine der Menschenrechte, wie sie immer wieder betont. "Ich bin eine Journalistin, die die Sprache des Friedens benutzen will und das immer so gemacht hat, und deswegen auch von denjenigen, die die Sprache des Kriegs und des Konflikts benutzen, ins Visier genommen wird."

 

 

Die Türkei gehört laut Reporter ohne Grenzen zu den Ländern mit den meisten inhaftierten JournalistInnen weltweit. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden weit über 100 JournalistInnen verhaftet, rund 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert. Kritische JournalistInnen stehen unter Generalverdacht, so Reporter ohne Grenzen. Die wenigen noch verbliebenen arbeiten in ständiger Angst. So auch Banu Güven. Dass Einschüchterungsversuche und Hasskommentare ganz spurlos an ihr vorübergehen, kann sie zwar nicht behaupten, doch sie lässt sich nicht unterkriegen und will der Türkei, aber auch der Welt zeigen:"Wir sind stark. Und wir sind viele."

 

Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie zum ersten Mal bemerkten, dass Sie unter Druck gesetzt werden?

Banu Güven: Das ist schwer zu sagen, weil es in der Türkei mit der Demokratie immer Probleme gab. Damals war es die prokemalistische nationalistische Macht zusammen mit dem Militär, die sagte, wie man schreiben sollte. Heute ist es ein Vorsitzender einer Partei, der sich alles nach seinem Willen eingerichtet hat: die Justiz, das Militär, die Universitäten, die Medien. Der letztlich freigelassene Kolumnist Kadri Gürsel hat einmal geschrieben: "Erdoğan will unser Vater sein." Das stimmt, er benimmt sich wie ein autoritärer Vater, vor dem sich die ganze Familie beugen muss.

 

Wie sieht Ihr momentaner Arbeitsalltag in der Türkei aus?

Als freie Journalistin kann ich jetzt fast nur in Solidarität mit meinen Kollegen und Kolleginnen im Ausland arbeiten. Man braucht derzeit keine wirklichen Beweise, um JournalistInnen einen Terrorvorwurf zu machen. Den Rechtsstaat haben wir in der Türkei schon längst verloren. Deswegen fühlt sich kein Journalist, keine Journalistin sicher. Jeden Tag könnte etwas passieren.

 

Welche Rolle spielen Frauen im Widerstand?

Am 8. März sah die ganze Welt zu, als wir durch Istanbul marschiert sind, Tausende Frauen waren auf der Straße. Die feministische Bewegung in der Türkei ist stark. Wir Frauen sind stur und wir fordern unsere Rechte ein. Wir sind die Kraft hinter dem Widerstand. Was wir einmal gekriegt haben, das geben wir nicht wieder her. Deswegen wollen die Politiker vielleicht auch nicht, dass Frauen stärker und unabhängiger werden.

 

Werden Sie als Frau stärker attackiert?

Wenn man Journalistin ist, bekommt man mehr Hass zu spüren. Einmal habe ich über 200 Tweets an einem Tag gemeldet.

 

Was ist Ihre Motivation, weiterzumachen?

Ich lasse es nicht zu, dass sich jemand in mein Leben einmischt. Ich lasse auch nicht zu, dass sich jemand in das Leben meiner Tochter einmischt. Sie ist jetzt 16 Jahre alt, und ich werde alles tun, damit sie ein freies und besseres Leben in der Türkei führen kann. So denken viele Eltern. Und viele verlassen das Land. Ich aber bleibe, weil ich das Recht habe, hier zu sein. Ich brauche keine TV-Paläste, um weiter zu berichten. Alles, was ich brauche, ist Ehrlichkeit und ein Telefon. Manchmal ist es sehr anstrengend, aber wir müssen Wege finden, wie wir uns erholen oder wie wir uns gegenseitig bestärken.

 

Was machen Sie, wenn alles zu viel wird?

Mehr Zeit mit der Familie verbringen. Schwimmen. Das Wasser hilft mir sehr. Es braucht aber eine bestimmte Zeit, bis man wieder lockerer wird. Dieses Gefühl, diese Bedrohung der Verfolgung und Unterdrückung -auch, wenn man stark dagegenhält - kommt irgendwie doch raus. Doch wir stehen zusammen, und das gibt mir Hoffnung und Kraft.

 

Banu Güven eröffnete den 19. Journalistinnenkongress in Wien, der sich thematisch der Pressefreiheit und der Verteidigung demokratischer Werte widmete. Internationale Speakerinnen trafen hier in Panels und Workshops auf Top-Medienfrauen aus Österreich und interessierte Gäste.

Link: www.journalistinnenkongress.at  

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