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Affäre Peter Pilz: Das Vermächtnis der "Bad Boys"

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Vor 14 Jahren hat WIENERIN-Autorin Andrea Möchel über Sexismus im Parlament berichtet und damit eine Aufreger-Geschichte geliefert. Sexistische Aufreger gibt es auch 2017 und geändert hat sich scheinbar nix.

Bad Boys, WIENERIN August 2003

JetztKatrin Halbhuber(Wienerin)

Hat sich denn gar nix geändert? Schlagen Frauen sich im Jahr 2017 immer noch mit denselben Themen herum wie vor 20 oder 15 oder zehn Jahren? Mit Gleichberechtigung, Vereinbarkeit, Alltagssexismus?

Dieser Gedanke kam uns nicht nur ein Mal beim Lesen einer WIENERIN-Aufdeckerstory aus dem Jahr 2003: "Bad Boys" von Andrea Möchel brachte ans Licht, wie sexistisch und frauenfeindlich es im Parlament zu geht - vor 14 Jahren.

 

WIENERIN Bad Boys, WIENERIN August 2003

 

Und ja, es scheint sich in Anbetracht der Dinge, die aktuell ans Licht kommen, nicht viel getan zu haben: Die Sager sind die gleichen, obwohl die Grenzen mittlerweile sogar gesetzlich enger gezogen wurden. Und das Problem bei der ganzen Sache scheint in den Augen der Gesellschaft auch immer noch dasselbe zu sein: wie Frauen sich anziehen, geben, warum sie denn nicht "nein" sagen, warum sie sich denn nicht geschmeichelt fühlen. Während vielerorts Frauen Sexismus und Machtmissbrauch aufzeigen und sich eine gemeinsame Stimme aneignen, diskutiert die Gesellschaft noch immer lieber über die Opfer als über die Täter.

 

Die Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen Peter Pilz haben die #metoo-Debatte nun auch ins Parlament gehoben. 2003 hat WIENERIN-Autorin Andrea Möchel mit weiblichen Abgeordneten darüber gesprochen, wie sexistisch das Hohe Haus ist – von systematischen Störaktionen von Politikern, sobald eine Frau das Rednerpult betritt, über betrunkene und gelallte Zwischenrufe bis zu „klassischen“ sexistischen Kommentaren.


Wir haben diese Geschichte auch aus dem Archiv geholt, weil Österreich kurz vor einer schwarz-blauen Regierung steht, wie sie auch im Jahr 2003 im Amt war. Was das für die Frauenpolitik und für die Stimmung Frauen gegenüber im Parlament bedeutet, war ein großes Thema im Artikel von Andrea Möchel. Sieht man sich an, wie frauenpolitische und Frauen betreffende gesellschaftspolitische Themen im Moment hierzulande besprochen werden, erscheint ihr Text aktueller denn je.

 

"Bad Boys", eine Reportage aus der WIENERIN August 2003

Die folgende Reportage der Autorin Andrea Möchel erschien erstmals in der WIENERIN-Ausgabe August 2003. Hier im Original nachlesen.

 

Bad Boys

Vor zehn Jahren erschütterte die "Lutsch-Affäre" das Parlament. In der WIENERIN verraten Politikerinnen, wie sexistisch das Hohe Haus heute ist - und warum es ein Alkoholverbot geben sollte.

 

Brigid Weinzinger wundert sich. Gerade erst hat sie Madeleine Petrovic als grüne Frauensprecherin im Parlament beerbt, und schon befindet sie sich voll im Visier vorlauter Kollegen. Sobald die 42-Jährige zum Rednerpult geht, erntet sie die ersten heftigen Zwischenrufe von ÖVP und FPÖ. Jedes Mal ein akustischer Spießrutenlauf. Weinzinger verblüfft: "Manche schreien sogar: Na, net die schon wieder!"

Dem FPÖ-Mann Uwe Scheuch hat es die Neo-Abgeordnete besonders angetan. Für ihn ist die Grüne gar "der lebende Beweis, dass es einen Unterschied zwischen einer emanzipierten Frau und einer Emanze gibt", wie der Kärntner kürzlich - unter Beifall der ÖVP-Frauen - lauthals verkündete. "Vielleicht war das ja gemein", verteidigt der Landwirt gegenüber der WIENERIN seine Frontal-Attacke, "aber die Frau Weinzinger betont in jedem Satz, dass die Frauen gar so arm sind, und das stört mich einfach." Also wird Scheuch von mancher Kollegin bereits in der Tradition des Verbal-Rambos Peter Westenthaler gesehen. So mancher Westi-Sager - "Sie sind eine Lachnummer! Eine abgehalfterte Klubobfrau!" - in Richtung Madeleine Petrovic sorgt bei der Ökopartei bis heute für Ärger.

Daran, dass grüne Frauen besonders oft ins Visier diverser Polit-Machos geraten, hat sich seit Terezija Stoisits und der Lutsch-Affäre von 1993 also nichts geändert. Der Grund? "Im Hohen Haus provoziert feministisches Auftreten halt immer noch extreme Emotionen", glaubt Brigid Weinzinger. "Dagegen kommt der Sexismus im niederösterreichischen Landtag, wo mir ein ÖVP-Abgeordneter jahrelang bestätigt hat, welch wunderschöne Augen ich habe, im Kavalierskleid daher." Ob Verbal- oder Flirt-Attacke, für Weinzinger ist die Politik alles andere als eine sexismusfreie Zone: "Der kommt heute bloß in einem neuen Gewand daher."

Lauter! Männer!

Terezija Stoisits ist mit der Parteifreundin da ganz einer Meinung. "So etwas Plumpes und Blödes wie die Lutsch-Affäre hat es vor allem deshalb nicht mehr gegeben, weil die Sanktionen für den Herrn Burgstaller entsprechend hart waren. Das heißt aber nicht, dass das Parlament jetzt sexismusfrei ist", stellt die Grüne klar.

Denn während der Polit-Macho sich als Solist heute eher zurückhält - weniger aus Einsicht als aus Angst - ist die political correctness schnell vergessen, sobald mehrere "starke" Männer sich finden. "So steigt seit geraumer Zeit der Lärmpegel im Plenarsaal drastisch, sobald eine Frau ans Rednerpult tritt", schildert Heidrun Silhavy, SPÖ, ein eher junges Sexismus-Phänomen: den großen Plausch-Angriff.

Dabei werde geschwätzt, gestört und spazieren gegangen - ganz nach dem Motto: Lassen wir sie halt reden. "So will man uns das Gefühl vermitteln, dass Frauen einfach nicht gleichwertig sind", ärgert sich Silhavy. Ihre Parteikollegin Bettina Stadlbauer stört die geschwätzige Geräuschkulisse bereits mehr als jeder Zwischenruf. "Da weiß man wenigstens, dass einem zugehört wird." Die 36-Jährige hat aber "generell das Gefühl, dass das Klima im Parlament brutaler und frauenfeindlicher wird".

Stammtisch-Stimmung. Worunter jene Frauen besonders leiden, die ob der Hierarchie in den Klubs - die durchwegs männlichen Parteichefs, Klubobmänner und Bereichssprecher dürfen natürlich zuerst ans Mikrofon - weit hinten auf der Rednerliste rangieren. Und so kann es zu später Stunde passieren, dass frau ins sprichwörtlich Blaue reden muss. "Ich hab' mehrmals erlebt, dass in den Abendstunden diverse Kollegen leicht angetrunken, schreiend und gestikulierend im Plenarsaal auf und ab gelaufen sind", schildert SPÖ-Umweltsprecherin Ulli Sima. "Das war total ungut und teilweise echt beängstigend."

Auch Ulrike Lunacek von den Grünen weiß: "Sobald Alkohol im Spiel ist, heizt sich die Stimmung an, und manche Kollegen finden es dann besonders lustig, zu stören." Und Brigid Weinzinger ortet die Ursache der "Stammtisch-Atmosphäre" darin, dass es "manche Klubs okay finden, wenn Mitglieder mit einem Alkoholpegel im Parlament sitzen, mit dem sie längst nicht mehr Auto fahren dürfen".

Der Ruf nach drastischen Maßnahmen wird daher lauter. Alkoholverbot im Parlament? "Das wäre eine Regelung, die ich mir vorstellen könnte", meint Heidrun Silhavy. Und auch Bettina Stadlbauer findet die Idee "gescheit", erinnert sie sich doch mit Schaudern an den Auftritt eines Abgeordneten, "der bei seiner Rede wirklich gelallt hat". Empörter Nachsatz: "So etwas würde einer Frau nie einfallen!"

ÖVP-Politikerin Silvia Fuhrmann hält zwar nichts von einem Verbot - "Wir sind ja nicht im Kindergarten" - bestätigt aber, dass auch ihr manchmal eine "kleine Fahne" entgegenweht. Was die Herren im Präsidium nicht sonderlich zu stören scheint, ärgert sich Ulrike Lunacek. Denn: "Bisher hat kein Präsident eingegriffen. Wären Frauen im Präsidium vertreten, würde das sicher stärker geahndet."

Frauen. Macht. Solidarität.

Wie sehr sich das Arbeitsklima verändert, sobald Frauen etwas zu sagen haben, schildert Ulli Sima: "Seit Eva Glawischnig den Vorsitz im Umwelt-Ausschuss führt, hat sich die Atmosphäre dort sehr verbessert." Warum? "Weil sich die Männer jetzt einfach weniger trauen." Kein Fehler - waren doch parlamentarische Ausschüsse mehr als einmal ein heißes Pflaster in Sachen Sexismus, und Frauen dort beliebte Mobbing-Opfer. Heidrun Silhavy erinnert sich an einen Sozialausschuss nach der Wende, "in dem ein ÖVP-Mann es besonders lustig fand, sein Mikro immer wieder einzuschalten, wodurch jenes der Rednerin Made-leine Petrovic jedes Mal ausfiel." Die Sozialdemokratin sprang der Kollegin bei und drohte mit einer Sitzungsunterbrechung.

Auch Christine Marek, ÖVP, weiß, wie wichtig Frauensolidarität im Parlamentsalltag sein kann. "Im Budgetausschuss saß mir unlängst eine Kollegin gegenüber, deren geschlitztes Kleid auseinander gefallen war, so dass man den Slip sehen konnte." Marek machte die Abgeordnete auf ihre Blöße aufmerksam, und die war heilfroh. "Weil den Männern fallen da natürlich die Augen heraus."

Der kleine Unterschied.

Hat sich das Klima für Politikerinnen seit der Wende also verschlechtert? Ist der frauenpolitische Backlash nun auch für Politikerinnen spürbar? Ja, behauptet Bettina Stadlbauer: "Diese Regierung negiert die Frauenpolitik und fördert damit auch die sexistische Stimmung im Hohen Haus." Als Beispiel dient einmal mehr FPÖ-Recke Uwe Scheuch. Ausgerechnet in einer Debatte zum Budgetkapitel "Frauen" erklärte er die gesamte Frauenpolitik schlicht für überflüssig. Scheuch dazu unverblümt: "Ich finde besonders engagierte Frauenvertreterinnen nun mal nicht zwingend erforderlich, weil die Frauen meines Erachtens schon mehr als gleichberechtigt sind." Für Heidrun Silhavy ein treffliches Beispiel dafür, wodurch Freiheitliche sich von "Frauenfreunden" anderer Couleur hauptsächlich unterscheiden: "Es gibt dort nicht unbedingt mehr Machos, aber die, die es gibt, machen aus ihrer Einstellung einfach kein Hehl."

Wie FP-Mann Max Walch, der auf eine Zwischenruferin mit den Worten reagierte: "Mich stört, wenn ein männliches Geschlecht dreinredet, aber noch mehr, wenn es Frauen so machen." Die Empörung war entsprechend, hatte so manche weibliche Abgeordnete doch gehofft, dass die Dezimierung des FPÖ-Klubs nach der letzten Wahlniederlage automatisch zur Klimaverbesserung beitragen würde. "Für mich persönlich war das Ausscheiden von Peter Westenthaler wirklich eine Erleichterung", meint etwa Ulli Sima. Zu früh gefreut? Wer weiß.

Weltbilder.

Die Wahrnehmung Frauen verachtender Attitüden ist offenbar eine Frage des politischen Standorts. Denn während die rot-grüne Damenriege keine grundlegende Verbesserung in Sachen Sexismus ortet, sehen Politikerinnen der Regierungsparteien das ganz anders. Frauenfeindliche Zwischenrufe? Sexistische Beleidigungen? "Ist mir weder persönlich noch bei anderen bekannt", beteuert ÖVP-Jungabgeordnete Silvia Fuhrmann. Auch ihre Fraktionskollegin Christine Marek kann sich persönlich "überhaupt nicht beschweren". Was sich Weinzinger damit erklärt, "dass konservative Frauen merkwürdige Komplimente, die ich bereits als Untergriffe erlebe, entweder ausblenden oder gar als angenehm empfinden". Alles eine Frage des Weltbildes. Und trotzdem hat Christine Marek den Kollegen Scheuch nach seinem "Emanzen"-Sager ins Gebet genommen. "Ich hab' ihm erklärt, dass das nicht okay war."

Was Barbara Rosenkranz, Neo-Chefin der niederösterreichischen FPÖ, naturgemäß anders sieht. Scheuch habe nur festgestellt, dass er bei Weinzinger "Elemente des politischen Feminismus erkennt, die er eben nicht will". Sexismus kann die zehnfache Mutter dabei nicht erkennen.

Polit-Pin-Ups

Für Rosenkranz ist aber auch das maskuline Musterungs-Ritual kein Problem, bei dem besonders junge Kolleginnen ausgiebig von Kopf bis Fuß taxiert werden. Da wird der Weg zum Rednerpult schnell zum Laufsteg. "Dass ein Mann eine Frau anziehend findet und sein Auge etwas länger auf sie wirft als auf einen alten Mann, ist nicht verwerflich", meint die 45-Jährige lapidar. Das sei eine Frage der "allgemeinen öffentlichen Sitten". Wie im richtigen Leben bleibt eben auch bei Politikerinnen nichts unbeobachtet: vom Outfit über die Frisur bis zum aktuellen Gewicht.

"Abgeordnete, die unter die Kategorie jung und fesch fallen, sind diesem alltäglichen Sexismus natürlich viel direkter ausgesetzt als wir Älteren", ist Terezija Stoisits überzeugt. Was Silvia Fuhrmann entschieden zurückweist. Nicht wie Männer die Frauen "ausrichten" sei schlimm, sondern wie Frauen sich gegenseitig ausrichten, klagt die 22-Jährige. Und: "Manche Abgeordnete kommen sehr freizügig ins Parlament, tiefes Dekolleté und transparente Hosen, da denk' ich mir manchmal, das ist ein bissl provokant", meint die ÖVP-Frau.

Uwe Scheuch leugnet dagegen nicht, dass Männer glotzen. "Aber", so der 34-Jährige, "auch nicht mehr als umgekehrt." Das wisse er aus eigener Erfahrung. "Wenn Frauen zusammen stehen, reden die auch darüber, ob der Herr gut oder schlecht angezogen ist oder einen knackigen Hintern hat." Treuherziger Nachsatz: "Ich hab' damit kein Problem."

 

 

 

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