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Meinung: Liebe Belästiger, natürlich seid ihr verantwortlich für eure Taten

von

Es braucht keine großen Anleitungen und Erzählungen darüber, welche Art der Belästigung nicht okay ist. Man(n) muss einfach einmal zuhören.

Täter sind nicht anonym, sie sind eure Freunde, eure Arbeitskollegen, eure Chefs

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

Seit Wochen ist ein Thema in vielen Medien bestimmend: sexuelle Belästigung. Es ist ein Thema, das immer wichtig bleibt. Und es ist eins, das immer polarisiert. Denn nicht alle Menschen glauben den Frauen – und auch Männern – die unter dem Hashtag #MeToo über ihre Erlebnisse sexueller Belästigung oder Gewalt berichteten und dies auch weiterhin tun.

Dieser Ignoranz-Mechanismus schweift manchmal aus in "Victim-Blaming", das heißt dem Opfer wird die Schuld gegeben, und auch in Täterschutz - der Mann wird bemitleidet, aufgrund der selbstverständlichen Konsequenzen, die sein Handeln hat. Andere Male ist es jedoch pure Realitätsverweigerung. Denn viele Menschen, meist Männer (die noch immer überwiegend Täter sind), wollen sich nicht eingestehen, dass sie Verantwortung in diesem System tragen, das Gewalt ermöglicht, fördert und stützt. Und sie sehen nicht ein, dass nicht die Opfer diejenigen sind, die ihnen angemessenes Verhalten beibringen müssen, sondern dass sie selbst dafür zuständig sind.

 

Erst kürzlich schrieb (der ehemalige Richter!) Thomas Fischer in der "Zeit" sogar: "Wer sich "Opfer" nennen darf, hat gewonnen." Denn die Frauen, die an die Öffentlichkeit gehen, wären nur aufmerksamkeitsgeil. Wieder so eine alte Leier, um einen katastrophalen Ist-Zustand zu legitimieren und die Opfer zum Schweigen zu bringen.

 

Boys will be boys? 

 

„Man darf ja gar nichts mehr“, schreien jetzt ebenso viele. „Was ist denn jetzt nun Belästigung und was nicht?“, fragen sich andere. Das Gesetz liefert dazu eigentlich ganz klare Antworten (siehe Kasten). Wie diese in der Praxis gelebt werden, ist jedoch eine andere Frage. Denn leider wird bereits kleinen Buben beigebracht, dass sie „einfach Buben“ sein dürfen, dass sie also für das, was sie machen, keine Verantwortung tragen müssen. Dass sie aufgrund ihrer angeborenen männlichen „Triebe“ – ein Rollenbild, das seit Jahrtausenden tradiert wird – alles angraben dürfen, was sie möchten. Dass es selbstverständlich ist, dass sie die Gewinner in diesem System sind. Jene, die sich den ganzen Raum nehmen, das Geld, und auch die Körper. 

 

Gleichbehandlungsgesetz

Sexuelle Belästigung liegt vor, wenn ein der sexuellen Sphäre zugehöriges Verhalten gesetzt wird, das die Würde einer Person beeinträchtigt oder dies bezweckt, für die betroffene Person unerwünscht, unangebracht oder anstößig ist und

1. eine einschüchternde, feindselige oder demütigende Arbeitsumwelt für die betroffene Person schafft oder dies bezweckt oder

2. der Umstand, dass die betroffene Person ein der sexuellen Sphäre zugehöriges Verhalten seitens des/der Arbeitgebers/Arbeitgeberin oder von Vorgesetzten oder Kolleg/inn/en zurückweist oder duldet, ausdrücklich oder stillschweigend zur Grundlage einer Entscheidung mit Auswirkungen auf den Zugang dieser Person zur Berufsausbildung, Beschäftigung, Weiterbeschäftigung, Beförderung oder Entlohnung oder zur Grundlage einer anderen Entscheidung in der Arbeitswelt gemacht wird.

(3) Eine Diskriminierung liegt auch bei Anweisung zur sexuellen Belästigung einer Person vor.

(4) Eine Diskriminierung liegt auch vor, wenn eine Person auf Grund ihres Naheverhältnisses zu einer Person wegen deren Geschlechts sexuell belästigt wird.

LINK

 

Doch das ist nicht selbstverständlich. Es ist alles andere als das. Fakt ist: Drei Viertel der Frauen (74,2 %) und ein Viertel der Männer (27,2 %) wurden im Erwachsenenalter schon einmal sexuell belästigt (Quelle: LINK). Da gibt es nichts schönzureden, und daran ist auch nicht zu rütteln. Und die TäterInnen wissen ganz genau, was sie tun. 

 

Immerhin hat sich auf Twitter der Hashtag #IHave formiert - Männer geben (endlich) zu, dass sie sehr wohl übergriffig waren oder dass sie zumindest mehr als einmal weggeschaut haben. Das ist ein Meilenstein. Trotzdem ist der große Aufschrei unter den Herren ausgeblieben. Zuvor formierten sich im Internet unter dem Hashtag #NotMe nämlich auch jene, die Lob und Anerkennung dafür wollen, dass sie noch nie jemanden belästigt haben. Genauso gut könnten wir alle einen Hashtag dafür erfinden, dass wir noch nie jemanden ermordet haben. Was für eine Errungenschaft.

 

Es gibt keine Anleitung für das richtige Verhalten, es sollte selbstverständlich sein

 

Noch nie belästigt zu haben, ist keine Leistung. Es bedarf keines Lobes und auch keiner Schulterklopfer. Es ist ganz selbstverständliches, menschenwürdiges und respektvolles Verhalten. Daher die Bitte: geht einen oder drei Schritte weiter. Überlegt euch, wie sehr ihr in eurem Alltag dagegenhält, wenn die Teenager der Frau in der U-Bahn nachschreien. Überlegt euch, warum ihr bei dem einen Typen aus der Firma, der immer wieder Frauen belästigt, die Augen zudrückt. Und fragt euch, wie sich die Opfer dabei fühlen. Fragt euch, was diesen Menschen, die in diesem Moment zu würdelosen Objekten degradiert werden, gerade durch den Kopf geht. Stellt euch ihre Scham, Wut und ihre Verletzung vor. Fragt euch, welche jahrelangen traumatischen Folgen das für sie hat. Und fragt euch auch, warum ihr so lange zugesehen habt. 

 

Denn es ist selbstverständlich, dass Menschen, die anderen Gewalt zufügen, weil sie die Macht haben, es zu tun, auch die Konsequenzen dafür tragen müssen. Wir leben schließlich nicht bei "Wünsch dir was", sondern in einer Welt, in der (Straf-)Taten auch Konsequenzen haben. Vor allem und in erster Linie leider noch immer für die Opfer. Und wenn ihr ihnen zuhört, dann versteht ihr auch. Doch diese Arbeit können wir euch nicht auch noch abnehmen. 

 

 

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