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Protokoll: Meine Freundin und die Geschichte ihrer Abtreibung

von

30.000 bis 40.000 Frauen treiben in Österreich pro Jahr ab. Das sind die Zahlen. Unsere Autorin hat vor fast zehn Jahren eine Freundin zu ihrem Schwangerschaftsabbruch begleitet. Das ist eine Geschichte.

Meine Freundin und die Geschichte ihrer Abtreibung

JetztDavinia Stimson(Wienerin)

Wir trinken weißen Spritzer, wie wir es vor fast zehn Jahren getan haben. I. ist inzwischen Mitte 30. Sie hat eine liebevolle, langjährige Beziehung, einen fixen Job und eine Wohnung mit einer Terrasse voller Sonnenblumen. Vor fast zehn Jahren hat sie abgetrieben.


Als ich sie heute frage, ob sie mit mir für einen Artikel nochmal über ihren Schwangerschaftsabbruch sprechen würde, zögert sie keine Sekunde. „Sicher!“, tippt sie in die Messenger-App. „Das ist kein Problem.“ Ich selbst beschwichtige, will Sicherheit schaffen. Aber die braucht I. gar nicht: „Ich finde das nicht unangenehm. Frauen sollen offen über Abtreibungen sprechen können.“

Auf der Toilette ist sie allein

Vor fast zehn Jahren hat I. abgetrieben. Ich habe sie damals in die Klinik begleitet. Diese Schwangerschaft ist passiert – ungeplant, unerwünscht. I. war 25. Ein glücklicher Single, ständig unterwegs, mit einem WG-Zimmer voller schief an die Wand gepickter Bandposter. Der Mann war eine einmalige, betrunkene Bettgeschichte. Sie verbringt eine einzige Nacht mit ihm. Zwei Wochen später bleibt ihre Periode aus. Als nach ein paar bangen Tagen der Wunsch nach Gewissheit die Angst vor der Wahrheit besiegt, macht sie einen Schwangerschaftstest. Wir schreiben bis dahin dutzende SMS, handeln eine endlose Aneinanderreihung von Soll ich?'s und Es wird schon nix sein's ab. Ich bringe ihr schließlich einen Test mit. Sie ist ungeduldig und will nicht bis zum empfohlenen Morgenurin warten. Auf der Toilette ist sie dann allein. „Ich weiß noch, wie ich diesen Schwangerschaftstest angestarrt habe und in meinem Kopf nur Platz für einen Gedanken war: Diese dünne Linie kann jetzt nicht wirklich heißen, dass ich schwanger bin.“ Ich habe draußen gewartet, habe einen gerade absolvierten Schwangerschaftstest inspiziert, habe die Existenz einer gefürchteten Linie bestätigt. Und einen Termin bei der Frauenärztin für sie vereinbart. Wie man das eben tut, als Freundin.

„Es war mir sofort klar, dass ich eine Abtreibung haben werde“, sagt I. heute. Wir haben damals, an diesem Tag, keine hochtrabenden Diskussionen geführt. Wir sind einfach in unserer Lieblingsbar gesessen und haben einen Spritzer getrunken, I. ein bisschen schweigsamer als sonst. Ich erinnere mich vor allem an diesen wilden Beschützerinstinkt; als würde ich jeden, der ihr blöd kommt, ohne Ankündigung in der Luft zerreißen wollen. Einer unserer Freunde kommt vorbei. „Was schaust denn so aufgelöst,“ fragt er. „Bist schwanger?“ Es soll ein Scherz sein, aber I. zuckt nicht zurück. „Ja“, sagt sie mit fester Stimme.

Warum, warum, warum?

Es folgten die Warum's, die internen und die externen. Warum hat sie nicht besser aufgepasst, warum hat sie nicht früher reagiert. Warum will sie dieses Kind nicht, das durch ihre eigene Schuld in ihrer Gebärmutter heranwächst. Die Aktion Leben möchte diese Warum's freiwillig zusammen mit einer anonymisierten Schwangerschaftsabbruchstatistik erheben lassen. I. ist pragmatisch, heute genauso wie damals. „Das Kondom ist irgendwie verrutscht, glaube ich. Ich hatte schon während des Sex so ein komisches Gefühl, aber ich habe es nicht weiter beachtet. Das war früher ja auch so kompliziert mit der Pille danach, und ich hab mein Gefühl dann einfach als Spinnerei abgetan. Das war nicht gescheit, aber so war es eben.“ Die Pille danach ist in Österreich erst seit Dezember 2009 rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Davor brauchten Frauen ein Rezept vom Frauenarzt – das war mühsam und konnte viel Zeit in Anspruch nehmen. „So dumm es auch klingt, aber es war mir zu anstrengend und zeitintensiv wegen einer wahrscheinlichen Überreaktion ein Rezept zu besorgen. Und dann war ich schwanger.“ Und I. musste eine Entscheidung treffen.

„Es ist okay, wenn du abtreibst,“ sage ich vor zehn Jahren, wie ich es auch heute sagen würde.
„Ich weiß“, sagt I.
„Sie haben noch fast zwei Monate Zeit“, sagt die Frauenärztin. Wir reden, immer und immer wieder. Wir drehen uns im Kreis, betrachten alles von allen Seiten.
„Es ist okay, wenn du das Kind bekommst,“ sage ich.
„Ich weiß“, sagt I.
„Entweder wir bekommen dieses Kind gemeinsam, oder du treibst es ab“, sagt der Mann.

I. kennt ihn kaum. Er spielt sich auf, bedrängt sie. „Ich liebe dich nicht. Ich will keine Beziehung wegen eines Kindes“, sagt I. An den Kosten der Abtreibung beteiligt sich der Mann nicht. I. hat ihn zweimal darum gebeten, erfolglos. „Ich hatte andere Sachen im Kopf, dann hab ich es eben alleine bezahlt.“ Ein Jahr später schreibt er ihr nochmal, ungezwungen. Er hatte vergessen, wer sie war und was sie durchgemacht hatte. „Ein Idiot“, sagt I. „Aber ich habe ihn nicht gebraucht.“ Wichtiger wären all unsere Gespräche, all diese unvoreingenommene Unterstützung für sie gewesen. „Ich musste mich um nichts kümmern, mich für nichts rechtfertigen. Ich konnte einfach nur ungestört meine Situation überdenken.“

Eine selbstbestimmte Entscheidung

I. hat sich Zeit für die Entscheidung genommen, eine Verbindung zu dem Embryo hat sie nicht aufgebaut. „Ich habe nichts gespürt, keine Muttergefühle, gar nichts. Ich hatte keine Lust und kein Geld. Und dann war alles klar.“ Sie bittet mich, einen Termin für sie zu vereinbaren. Die Frau am Telefon ist freundlich und entgegenkommend. I. und ich sprechen nicht darüber, ob ich sie zu dem Termin begleite. Es ist selbstverständlich.

Der Eingriff selbst ist unkompliziert. I. hatte sich für eine private Abtreibungsklinik entschieden:„Ich wollte nicht ins öffentliche Krankenhaus, ich hab mir vorgestellt, dass ich dort glücklichen, schwangeren Frauen über den Weg laufen müsste. Das wollte ich nicht.“ Der Termin ist früh am Morgen, die Abtreibungsgegner mit ihren Plastikembryos sind noch nicht da. Wir beide wissen nicht mehr viel von diesem Tag. „Ich glaube, wir waren echt lang dort,“ sagt I. Ich kann mich an ein junges Mädchen erinnern, das mit seiner Mutter im Warteraum saß. „Ja," I. nickt. "Sie hat ständig geweint.“ Bei ihr und mir gibt es keinerlei negative Gedanken, alles hat funktioniert, jeder war freundlich und professionell. Am Nachmittag sind wir wieder gegangen. Nicht mehr schwanger. „Da stand dann ein Mann mit Broschüren und einem Schild vor der Tür,“ ruft I. plötzlich. Ich lege den Kopf schief: „Haben wir etwas gesagt?“ I. lacht: „Ich glaube, du hast ganz trocken 'Jetzt ist es schon zu spät' gesagt.“ Das könnte sogar stimmen.

10 Jahre nach dem Abbruch

Zehn Jahre sind lang genug, um objektiv zurück zu blicken. Ich kann I. Fragen stellen, die damals in der bedingungslosen Unterstützung nicht möglich gewesen wären. „Glaubst du, du hättest dieses Kind unter anderen Umständen bekommen wollen?“ I. winkt ab. Hypothetisch könne man das nicht sagen. Vielleicht, mit einem anderen Mann. Vielleicht, in stabileren Lebensumständen. „Ich musste erst meine eigenen Dramen bereinigen. Ich war nicht bereit für ein Kind,“ sagt sie und nimmt einen Schluck aus ihrem Spritzerglas. Sie schaut mich an: „Weißt du, was ich damals getan habe? Ich habe mir ausgerechnet, wann der Geburtstermin wäre und ob er mit der Musikfestival-Saison kollidieren würde. Das sind doch keine guten Voraussetzungen für's Mutter-werden.“ Sie schüttelt den Kopf. „Ich wäre jetzt ohne Zweifel eine soviel bessere Mutter als mit 25.“

I. leidet an einer seltenen Störfunktion des Immunsystems – sie kann nur sehr schwer schwanger werden. Sie und ihr Partner wünschen sich ein Baby, seit langer Zeit will es nicht klappen. Ihrer neuen Frauenärztin, die die Diagnose erstellt hat, hat sie von der Abtreibung erzählt. „Sie hat aufgeregt die Hände in die Luft geworfen und mich fast angeschrien“, erzählt I. und lacht. „'Das hat überhaupt nichts damit zu tun!' hat sie gerufen. 'Ich hoffe, Sie wissen das!'" Und I. weiß das. Sie hat keine reuigen Gedanken, keine was wäre wenn's oder Schuldgefühle. „Das ist damals blöd gelaufen“, sagt sie. „Ich bin froh, dass ich die Abtreibung vergleichsweise unkompliziert in Österreich machen lassen konnte. Aber ich wäre notfalls auch ins Ausland gefahren.“

I. war vor zehn Jahren nicht bereit für ein Kind. Sie hat und hatte dafür keine über jeder Kritik stehenden Gründe oder Motive. Ihre Geschichte ist kein Leidensweg, der in einer Entscheidung mündet, die jeder nachvollziehen und absegnen muss. Das ist auch nicht notwendig. Sie hat die selbstbestimmte und vorausschauende Entscheidung getroffen, eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Wie Frauen es überall dürfen sollten.

Kommentare

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2 Kommentare
Gast: Lara Lina
14.10.2017 16:19

Es kann so oder so laufen

Ich bin froh, dass wir Frauen die Möglichkeit zur straffreien Abtreibung haben und froh über jede Frau, die mit ihrer Entscheidung im Reinen ist. Bei mir ist es anders. Ich kann selbst nach 20 Jahren nicht darüber sprechen ohne in Tränen auszubrechen. Schreiben geht, mit jemandem sprechen nicht. Dieses "Kind" verfolgt mich, ich denke jedes Jahr daran wie alt es wäre, aussähe etc. Immerhin denke ich nicht mehr täglich drüber nach, aber dennoch zu oft. Wie man damit umgeht hat vielleicht auch damit zu tun, wie sicher man sich seiner Entscheidung ist. Bei mir war es Unsicherheit und ein Hin und Her bis zum Schluss. Trotzdem denke ich, dass mein Leben so besser ist. Auch in Hinblick auf den möglichen Kindsvater.

Gast: dryga89
12.10.2017 13:56

:/

Jemand der so einen Artikel schreibt, muss große Schuldgefühle haben.
Eine Frage haben Sie und Ihre Freundin vielleicht daran gedacht, dass Kind zur Adoption frei zu geben?!...
Es gibt doch so viele kinderlose Paare oder Homosexuelle Paare die gerne Kinder adoptieren würden, aber nicht können weil die Gesetze es nicht zulassen. Warum schreibt Ihr nicht solche Artikeln oder unterstützt die Paar bzw. Homosexuelle Paare?! Dann gebe es vielleicht weit aus weniger Abtreibungen. 40.000 Abtreibungen jährlich in Österreich sind verdammt viel. Schade!!!