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Meinung : Abtreibung - ein Tabu für die WIENERIN?

von

Wollen Frauen ein ungeborenes Kind einfach abtreiben? Sicher nicht. Aber was Frauen wollen, ist eine Gesellschaft, die das Recht auf Abtreibung unwidersprochen anerkennt. Über eine WIENERIN-Story und was wir daraus gelernt haben.

Barbara Haas

JetztBarbara Haas (Wienerin)

Ihre kleine Tochter war ein Jahr alt, da wurde sie wieder schwanger. Sie hat sich gefreut, ein paar Sekunden lang. Dann spürte sie, wie die Spirale der Angst sie packte. Ihr Freund wollte das erste Kind schon nicht, ein zweites war der Super-Gau. Was folgte, waren Stunden voller Tränen, Geschrei und Vorwürfe - am Ende kam es auch zum Ende einer ohnehin ungesunden Beziehung. Sie kam zu mir und war verzweifelt, denn ihre Tochter und ein autonomes Leben für die beiden war alles, was jetzt im Fokus stand. Ich hab sie bestärkt, bin mit ihr in die Klinik gefahren, ihre kleine Tochter war bei der Oma. Als es vorbei war, weinten wir beide.

Über den Verlust und über die große Verantwortung, die sie als junge Frau scheinbar alleine hatte nehmen müssen. Heute hat sie zwei Kinder, ist glücklich. Wird sie je vergessen, dass sie abgetrieben hat? Nein. War der Schritt notwendig? Ja. Weil sie ein Recht auf Selbstbestimmung ihres eigenen Körpers hat. Schlimm genug, dass es für den Vater damals so klar war, dass ihn gar nichts davon betreffe. Und dass sie dafür nicht ihre Gesundheit durch einen illegalen Abbruch aufs Spiel setzen musste, ist in Österreich seit 1. Jänner 1975 im Gesetz verankert.

Das Tabu pickt nur auf den Frauen

Doch auch wenn wir heute über Abtreibung reden, reden wir über ein Tabu. Denn unsere Gesellschaft verurteilt Frauen, die abgetrieben haben, nach wie vor. Das machen Freunde, die Familie und auch die Politik. Je konservativer die Regierung, desto mehr stellen sich PolitikerInnen auf die Seite des ungeborenen Kindes. Aber es ist ein Schattengefecht, denn natürlich war und ist es auch ein Ausdruck von Kontrolle. Über Frauen, deren Körper und über die Möglichkeiten, die sie in ihrem Leben haben. Dass man hier also vorsichtig mit konservativen Regierungen sein muss, hat uns Donald Trump gezeigt, der wenige Tage nach seinem Amtsantritt die Gelder für Abtreibungsberatung gestrichen hat, zeigten uns politische Kräfte in Polen, die Abtreibung erst letztes Jahr generell verbieten wollten und immer wieder - auch im so liberalen Europa - scheint es, als müsse dieses mühsam erstrittene Recht auf Selbstbestimmung neu definiert, neu bestätigt werden.

WIENERIN und die Kritik am Umgang mit der Story

Hier auf Seite der Frauen zu sein, war und ist Teil der DNA der WIENERIN. Und zwar unabhängig, von welcher Seite eine andere Argumentation kommt. Als die "Aktion Leben" in den letzten Wochen die Parteien befragte, wie sie denn unter dem Generalmotto "Lebensschutz" zu einer anonymisierten Abtreibungsstatistik stehen würden, hat - die von mir vor allem für ihre kritischen Sichtweisen geschätzte - WIENERIN-Redakteurin Jelena Gučanin die Aussagen der politischen Parteien dazu kommentiert.

Wir haben allerdings rasch bemerkt, dass ein Kommentar alleine dem tabuisierten und emotional so aufgeladenen Thema nicht gerecht wird. Daher haben wir uns entschlossen, das Thema "Abtreibung in Österreich - was heißt das eigentlich 2017?" auf einer breiten Basis von möglichst vielen Seiten zu beleuchten. Und auch das ausschlaggebende Thema einer anonymisierten Statistik, angestoßen von der "Aktion Leben", noch einmal zu diskutieren. Um dieses Dossier - das Stück für Stück in den kommenden Tagen online gehen wird - vorzubereiten, hielten wir es für richtig, den ursprünglichen Kommentar offline zu nehmen.

Hätten wir auch gleichzeitig die als Leserbrief formulierte Stellungnahme der "Aktion Leben" offline nehmen sollen? Ja. War es also ein Fehler, dass - wie kritisch angemerkt wurde - die Stellungnahme eine Zeitlang alleine im Netz stand? Ja. Ist das aber gleich ein Grund, die journalistische Unabhängigkeit der WIENERIN in Frage zu stellen? Nein.

Wer die WIENERIN kennt, weiß, dass wir uns seit mehr als 30 Jahren für Frauenrechte stark machen, dass wir gerade über das Thema Selbstbestimmung auch im Sinne von Abtreibungsgesetzen immer wieder berichten und in Kommentaren sehr klar Stellung beziehen. Und nein, wir sind keine Abtreibungs-Fans, keine Frau, die klar bei Sinnen ist, könnte das sein. Wir haben die US-amerikanische Vorzeige-Feministin Lena Dunham (die wir eigentlich lieben) für ihren mehr als verzichtbaren Abtreibungssager "Ich wünschte, ich hätte eine Abtreibung gehabt" natürlich kritisiert. Aber wenn die FPÖ meint, dass die Gebärmutter der "Ort mit der höchsten Sterbewahrscheinlichkeit in unserem Land" sei, dann schreiben wir dagegen an. Denn so eine Haltung ist brandgefährlich. Sie stigmatisiert Frauen. Und zwar nur Frauen.

Was wir uns wünschen, ist eine offene Debatte über Abtreibung, die Ursachen dafür und mögliche Präventionsansätze. Aber auch einen Diskurs zum Thema kostenlose Verhütung und Abtreibung oder zumindest vergleichbare Kosten dafür und - besonders wichtig und noch immer ganz unerwartet neu: die Rolle von Männern dabei. Denn sie haben an jeder Abtreibung ihren Anteil. Und zwar zu 50 Prozent.

 

Zum Artikel: Die umstrittene Idee einer Abtreibungsstatistik: Was sie bringt und wem sie nützt

 

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