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Meinung : Kinder an die Leine! Ist das die Alternative zur Kindergarten-Klage?

von

Kinder an die Leine. Das wär auch eine Möglichkeit statt Kinder mit Verletzungen im Kindergarten. Wenn es üblich wird, dass Eltern die Kindergärten verklagen, wär das eine sichere Option. Schräg, oder?

JetztBarbara Haas(Wienerin)

Das Telefon klingelte, als ich noch nicht einmal alle alten Arbeitskolleginnen begrüßt hatte. Noch längst nicht waren all die "Hast dich schon wieder aufs Arbeiten gefreut?"-Smalltaks geführt, als ich endlich den 1. Redaktionstag nach meiner Karenz beginnen wollte. Am Handy war die etwas aufgeregte  Kindergartenpädagogin und sagte. "Ihre Tochter ist verunfallt, könnten Sie vielleicht kommen?".

 

So eine vertrottelte Pädagogin

Die Worte werde ich nie vergessen und bis heute könnte ich der lieben Pädagogin eine reinwampsen, dass sie so ein trottelhaftes Wort wie "verunfallen" benutzen musste. Ich jedenfalls sprang auf, erklärte, dass mein angekündigter Ehrgeiz, mich sofort wieder voll in die Tageszeitung und ihre Gesetzmäßigkeiten einfügen zu wollen, für heute Pause machen musste und eilte zum Kindergarten. Dort lag dann das Kind. Im Kinderwagen. Die Augen zu. Ich dachte, es ist bewusstlos. Es stellte sich heraus, dass es ziemlich hart auf den Kopf gefallen war, geweint hatte und jetzt - wie es in dem Alter üblich war - das vorgezogene Mittagsschläfchen absolvierte. Fazit: Ein blauer Fleck, ein großer Schreck. Ich vereinbarte mit der Kindergartenpädagogin, dass man mich (und meinen Mann) erst dann wieder anrufen sollte, wenn viel Blut fließe oder ein Krankenwagen notwendig sei. Bitte, danke.

 

 

 

Sündenbock und schlechtes Gewissen

 

Und genau um diesen ersten Schock geht es hier, um die Mischung aus eigenem schlechten Gewissen (wär das Kind bei mir gewesen, wär das nicht passiert) und Sündenbock-Sucherei - genau da befindet sich diese seltsame Debatte, die ein Fall aus der Steiermark ausgelöst hat. Das Kind dort hat sich im Bewegungsraum den Arm gebrochen . Tja, das ist wirklich blöd. Der Arm tut weh, man muss ihn gipsen, das alles ist unangenehm und so ein kleines Kind äußert seinen Unmut und seine Schmerzen ja noch recht ungefiltert. Wenn wir aber jetzt beginnen, jede Verletzung als Klagsgrundlage für Schadenersatz zu sehen und auch noch versuchen, eine Verletzung der Aufsichtspflicht draus zu machen, werden wir bald noch dickere Kinder in unseren Kindergärten, Schulen und in unserer Gesellschaft haben.

 

Wenn wir aber jetzt beginnen, jede Verletzung als Klagsgrundlage für Schadenersatz zu sehen und auch noch versuchen, eine Verletzung der Aufsichtspflicht draus zu machen, werden wir bald noch dickere Kinder in unseren Kindergärten, Schulen und in unserer Gesellschaft haben.
Barbara Haas

 

Dick und frustriert - ist das besser?

 

Und wir werden frustrierte Kinder, frustrierte KindergartenpädagogInnen und LehrerInnen haben. Denn: Kinder bewegen sich gerne und natürlich. Kinder laufen statt zu gehen und sie entwickeln sich. Soll heißen: So wie sie nicht mit zwei Jahren das Alphabet aufsagen können, so müssen sie auch ihren Körper und die Entwicklung desselben erforschen. Müssen sich (zu ambitionierte) Ziele setzen, sie erreichen und sie auch verfehlen. Genau so funktioniert menschliche Entwicklung. Ein Kind (und im übrigen auch ein Erwachsener) muss die Möglichkeit haben, sich über seinen Körper zu spüren, muss Grenzen erleben und Grenzen überwinden. Das löst Erfolgsgefühle und Euphorie aus. Und auf der anderen Seite ermöglicht es, mit dem Scheitern umzugehen.

 

Natürlich klingt das jetzt sehr abgeklärt und es ist überhaupt nicht leicht, das - vor allem beim ersten Kind - auch für sich selbst so zu sehen. Aber es ändert nichts daran, dass es stimmt. Und auch, wenn man gerne das eigene Kind von allem Unglück und jedem Schmerz beschützen würde, es funktioniert nicht. Und ist auch nicht gesund.

 

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Jeder dritte Bub zu dick

 

In mehrfacher Hinsicht. Weder psychologisch, denn wie soll denn Selbstbewusstsein entstehen, wenn Misserfolg und Erfolg nicht erlebt werden dürfen und auch körperlich. Gerade war der Tag des Kindes (20. September) und anlässlich dieses Kinderfeiertages veröffentlichte die Österreichische Gesellschaft für Kinder und Jugendliche eine Studie, wonach jeder dritte Bub in den heimischen Volksschulen zu dick sei. Die Hälfte dieser Kinder entwickeln im späteren Leben sogar eine Fettleber (ein Befund, den man sonst nur von AlkoholikerInnen kennt). Na bravo. Es ist also für unsere Kinder in der bewegungsfeindlichen Smartphone- und SUV-Welt eh schon schwer genug, halbwegs normal aufzuwachsen. Wir sollten ihnen den Gefallen tun, und sie nicht auch noch zu einer Aktenzahl in langwierigen Gerichtsverfahren machen.

 

Aber fürs Protokoll: Sicher gibt es auch Momente, in denen die Aufsichtspflicht in Kindergärten, Horten, Schulen, wo auch immer, tatsächlich verletzt wird, aber die sind - wenn wir ehrlich in Österreich draufschauen - doch echt luxuriös gering.

 

Und by the way: Kinder tun sich weh. Ständig, ihre ganze Kindheit lang. Völlig wurscht, ob Eltern dabei zusehen oder nicht.

 

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