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Ehe für alle: Kann Liebe falsch sein?

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Der Verfassungsgericht öffnet die Ehe für Homosexuelle ab 2019. Der Rechtsanwalt Helmut Graupner setzt sich seit Jahren für eine Aufhebung dieses diskriminierenden Eheverbots ein und erklärt im Interview, wie homophobe Menschen ticken.

Ehe für alle

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

Die Ehe besteht aus Mann und Frau. Oder Mann und Mann. Oder Frau und Frau. Wer mit wem verheiratet ist, das sollte nämlich egal sein. Ist es aber nicht, weiß der Rechtsanwalt Helmut Graupner, Gründer der Initiative Ehe Gleich!. Diese fordert eine Aufhebung des Eheverbots für gleichgeschlechtliche Paare in Österreich.

Ehe zweiter Klasse

WIENERIN: 15 Jahre ist es nun her, dass Homosexualität in Österreich nicht mehr im Strafgesetzbuch steht. Eigentlich eine sehr kurze Zeit, oder?

Helmut Graupner: Das war sehr spät und ist kein Ruhmesblatt für Österreich. Politiker und Politikerinnen haben leider in dem Bereich nicht wirklich ihren Job gemacht. Es mussten erst Gerichte tätig werden, um Menschenrechte durchzusetzen. Das Totalverbot - dass Menschen für homosexuelle Kontakte ins Gefängnis gegangen sind - ist 46 Jahre her. Das ist noch kein halbes Jahrhundert. Das Werbeverbot, das "Werbung für Unzucht mit Personen des gleichen Geschlechts" bestrafte, hatten wir bis 1997 - in einer schärferen Form, als es heute etwa in Russland existiert. LGBT-Organisationen waren deswegen immer mit einem Fuß im Gefängnis.

Hinkt die österreichische Politik in diesem Bereich hinterher?

Jener Teil der Abgeordneten, der bis heute die Gleichstellung von Homosexuellen blockiert, hinkt der gesellschaftlichen Entwicklung weit hinterher. Denn die österreichische Bevölkerung ist nicht das Problem. Sie gehört europaweit zu den aufgeschlossensten in diesem Bereich.

Für die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung ist Homosexualität also kein Tabuthema mehr?

Es gibt natürlich Bevölkerungsgruppen, in denen das nicht so ist, aber bei der Mehrheit hat sich sehr viel getan in den letzten 20 bis 30 Jahren.

Befürworten die ÖsterreicherInnen auch eine Ehe-Gleichstellung?

Ja. Drei von vier ÖsterreicherInnen wollen, dass zwei Männer bzw. zwei Frauen genauso heiraten dürfen wie ein Mann und eine Frau -erst recht, wo sie eine Familie gründen dürfen. Österreich ist das einzige Land weltweit, in dem Homosexuelle bei der Familiengründung völlig gleichgestellt sind, aber nicht heiraten können. Wieso sollten diese Kinder nicht genauso eheliche Kinder sein dürfen wie die Kinder, die mit einem Vater und einer Mutter zusammenleben?

Warum herrscht diese Vorstellung, dass das zwei unterschiedliche Ehen sind?

Letztlich ist das bewusste oder unbewusste Motiv dahinter, dass es eine Partnerschaft erster Klasse und eine Partnerschaft zweiter Klasse gibt. Selbst wenn diese Unterschiede beseitigt würden, hätten wir noch immer getrenntes Recht statt ein Recht für alle. Mittlerweile hat auch Deutschland die gleichgeschlechtliche Ehe eingeführt, sogar das tiefkatholische Malta. Warum warten wir noch?

Geringere Scheidungsrate bei homosexuellen Paaren

Woher rührt Homophobie bei Menschen?

Es ist immer wieder das "Andersartige", vor dem die Menschen Angst haben. Es wird mit allen möglichen Vorurteilen und Mythen besetzt. Sichtbarkeit ist sehr wichtig - dass man homosexuelle Menschen kennt, genau so, wie sie sind: Es gibt sympathische und unsympathische. Sie sind genauso wie alle anderen. Andererseits weiß man auch aus Untersuchungen, dass die homophobsten Menschen die sind, die selbst homosexuelle Anteile haben, die sie unterdrücken.

Die Scheidungsrate ist bei homosexuellen Paaren geringer als bei heterosexuellen Paaren. Warum?

Im Moment gibt es einfach einen Nachholeffekt in Ländern, wo die Ehe möglich ist. Das heißt: Am Anfang heiraten sehr viele, die schon jahrzehntelang und jahrelang darauf gewartet haben und sich sehr sicher sind in dem, was sie tun. Wenn man sich zu einer homosexuellen Beziehung bekennt, ist das eine viel bewusstere Entscheidung als eine verschiedengeschlechtliche Beziehung. Viele Heterosexuelle heiraten, weil es sich gehört, weil es üblich ist oder weil es die Familie erwartet. Das ist bei Homosexuellen nicht so.

Welche Vorteile hat eine Gleichstellung bezüglich der Ehe für Homosexuelle für die Gesellschaft?

In Ländern, in denen die eingetragene Partnerschaft oder die Ehe-Gleichstellung verwirklicht wurde, sind die Zahlen bei der Geburtenrate und den Eheschließungen gestiegen. Den Zusammenhang dazwischen müsste man untersuchen. Es könnte sein, dass das Ehekonzept durch die Gleichstellung vom Flair des Altmodischen befreit und damit wieder attraktiver wird. In jenen Staaten, die die Ehe-Gleichheit eingeführt haben, ist aber auch die Selbstmordrate unter homosexuellen Jugendlichen signifikant gesunken. Für die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden einer Gesellschaft ist es wichtig, Menschen die gleichen Rechte zu geben.

 

Nachgefragt bei

Helmut Graupner, Rechtsanwalt und Präsident des Vereins Rechtskomitee Lambda sowie Aktivist für LGBTQ-Rechte.

 

VIDEO: Wir alle haben unser "Egalgewicht"

 

 

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