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#egalgewicht: Andi Zeisler: Warum Body-Positivity nicht immer positiv ist

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Body-Positivity ist leider nicht nur etwas Positives. Und zwar dann, wenn es nur zur Profitmaximierung dient. Ein Interview mit der Autorin Andi Zeisler von Bitch Media.

JetztArnika Zinke(Wienerin)

Andi Zeisler kritisiert ihn schon lange: den Ausverkauf des Feminismus. In ihrem Buch "Wir waren doch mal Feministinnen: Vom Riot Grrrl zum Covergirl - Der Ausverkauf einer politischen Bewegung" schreibt sie darüber, wie aus einer wichtigen Bewegung ein Marketing-Gag wurde. 

Auch zum Thema Body-Positivity hat die Autorin eine sehr kritische Meinung. Der WIENERIN.at hat sie erzählt, warum Body-Positivity-Kampagnen wie jene von H&M, ASOS & Co. nicht nur positiv sind, und worum es bei der Bewegung wirklich gehen sollte.

 

Sehen Sie Ähnlichkeiten zwischen der Aneignung der Body-Positivity-Bewegung, die Produkte verkaufen soll, und der kommerziellen Ausbeutung der feministischen Bewegung?

Andi Zeisler: Ja, definitiv. Das heißt nicht, dass ich nicht froh darüber bin, dass die Sprache, die Body-Positivity und Health at Every Size Aktivistinnen schon seit Jahrzehnten verwenden, jetzt auch im Mainstream angekommen ist. Aber so viel von der Mainstream-Body-Positivity-Bewegung (auf Instagram, zum Beispiel) setzt ein normatives Bild von dicken Körpern in die Welt, und macht das in vielen Fällen, um Produkte zu verkaufen. 

 

Es kann nicht nur um "Alle Körper sind schön, wenn du dich selbst liebst" gehen, wenn dir die Welt jeden Tag das genaue Gegenteil zeigt und einredet.
Andi Zeisler

 

Immer mehr Unternehmen - wie etwa ASOS oder H&M - machen Werbung mit Body-Positivity (so wie Bikiniwerbungen ,ohne' Photoshop). Glauben Sie, dass diese Unternehmen wirklich etwas verändern wollen - also die Falschheit der Fashion-Fotografie zeigen wollen - oder ist das ein reiner Marketing-Gag?

Zeisler: Unternehmen existieren nicht, um soziale Normen wie Sexismus oder Rassismus, oder in diesem Fall tief verankerte Annahmen über Körpergrößen, -formen und -farben zu verändern. Unternehmen machen alles, was ihnen am meisten Geld bringt, mit dem geringsten Aufwand, und sie machen alles, was der Langlebigkeit und dem Status ihrer Marke nützt. Wenn eine höhere kulturelle Akzeptanz von dickeren Körpern ein Nebenprodukt dieser Marketing-Masche ist, dann wäre das wunderbar. Aber das ist nicht der Grund, warum sie da mitmachen. 

 

Auch wenn diese Unternehmen Body-Positivity für ihren eigenen Zweck "missbrauchen" - ist es nicht etwas Gutes, dass wir jetzt endlich "echte" Körper, Dehnungsstreifen und Cellulite sehen? 

Zeisler: Es ist absolut wichtig, dass Body-Positivity-Aktivismus Modeunternehmen dazu gebracht hat, zu realisieren, dass Körper außerhalb der Durchschnittsgröße nicht nur einen nachträglichen Einfall wert sind, und dass es einen echten Markt für gut gemachte, stylische Kleidung für große Größen gibt. Menschen, die in früheren Jahrzehnten aufgewachsen sind, hatten fast nichts, das ihnen gepasst hat, in Sachen Kleidung, und es wurde als peinlich angesehen, zur winzigen Abteilung zu gehen, wo es "richtige" Kleidung gab. Also die Optik davon, dass eine junge, dicke Frau Möglichkeiten hat, dass sie in ihrer Größe einkaufen kann, und Kleidung tragen kann, die ihr passt und gut aussieht und ihren Körper nicht als "falsch" oder beschämend darstellt, ist wichtig. 

 

Schadet die kommerzielle Aneignung von Body Positivity der Bewegung selbst?

Zeisler: Es gibt immer eine Gefahr, wenn eine soziale Bewegung, die einen breiten gesellschaftlichen Wandel zum Ziel hat, zweckentfremdet wird. Bei der Mainstream-Body-Positivity-Bewegung und auch dem Mainstream-Feminismus, liegt der Fokus so sehr darauf, eine Auswahl beim Einkaufen und beim Konsum zu haben, dass die politische Dimension der Bewegungen schnell überschattet werden kann. Wenn dicke Menschen noch immer attackiert und bedroht werden, nur weil sie es wagen, zu existieren - aus Flugzeugen geschmissen werden, auch wenn sie für zwei Sitze bezahlt haben, gesundheitliche Probleme haben, die von ÄrztInnen ignoriert werden, weil sie nur ihr Gewicht in Betracht ziehen - dann muss das zum Mittelpunkt werden. 

Hinzu kommt auch ein ethnischer Aspekt, der von Body-Positive-Aktivistinnen bereits dressiert wurde: weiße Frauen werden immer stärker zum homogenen Gesicht der Bewegung, und es gibt eine riesige Ungleichheit zwischen dicken weißen Frauen und dicken Schwarzen Frauen und dem Umgang mit ihnen auf Social-Media-Plattformen.   

  

Body-Positive: So sieht eine Bikini-Kampagne ohne Photoshop aus

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Glauben Sie, dass es einen Einfluss auf junge Frauen hat, wenn große Marken damit aufhören, falsche Schönheitsideale in der Werbung zu verwenden? Werden Photoshop-Körper in der Modeindustrie bald unpopulär sein?

Zeisler: Die Fashion-Industrie, vor allem die High-Fashion-Branche, wird wahrscheinlich nie Interesse an der Body-Positivity-Bewegung zeigen - außer als Kunstgriff - etwa alle paar Jahre mal ein Plus-Size-Model über den Laufsteg zu schicken. Die Assoziation von High Fashion mit Reichtum, Status, Exklusivität, und Streben wird sich in dieser Art nicht verändern. 

 

Aus einer feministischen Perspektive: Ist es okay, bei H&M einzukaufen, weil sie (jetzt) für Body-Positivity stehen, auch wenn sie ihre Kleidung weiterhin in Ausbeuterbetrieben produzieren?

Zeisler: Ich denke, es ist das Gleiche wie bei jeder anderen Fast-Fashion-Kette, deren Kleidung in Ausbeuterbetrieben hergestellt wird, von unterbezahlten, meistens weiblichen Arbeitskräften. Bei Marken gibt es so einen großen Unterschied zwischen dem, was sie nach außen zeigen (Werbungen, Plakate etc.) und dem, was versteckt ist (Ausbeutung von Arbeitskräften, gefährliche Arbeitsbedingungen, Umweltverschmutzung). Es geht also nicht wirklich darum, was "okay" ist. Es ist schön, dass sie ihre Bandbreite an Frauenkörpern erweitern, aber es wird nichts daran ändern, wie sie Geschäfte machen. 

 

Der Glaube, dass es nur einen "richtigen" Körper gibt, ist die Wurzel von so vielen sozialen Krankheiten.
Andi Zeisler

 

Glauben Sie, dass Frauen die Body-Positive-Bewegung brauchen?

Zeisler: Frauen, Männer, gender-nichtkonforme Menschen, etc. Der Glaube, dass es nur einen "richtigen" Körper gibt, ist die Wurzel von so vielen sozialen Krankheiten - von Mobbing in der Kindheit bis hin zu Essstörungen im Erwachsenenalter, und auch schädlichen öffentlichen Richtlinien. Hier den Rahmen zu ändern - auch nur ein bisschen - ist entscheidend, um Menschen glücklicher und gesünder zu machen (sowohl körperlich als auch emotional), und damit sie etwas zur Gemeinschaft beitragen.

   

Manche sagen, dass die Body-Positive-Bewegung einen ungesunden Lebensstil propagiert, weil sie übergewichtige Körper zeigt. Was denken Sie darüber?

Zeisler: Das ist lächerlich. Die Idee, dass Menschen, die nicht dick oder fettleibig sind, wegen der Body-Positive-Bewegung dick werden wollen, widerspricht allem, was uns jemals heransozialisiert wurde. Werden sich Menschen in ihren existierenden Körpern wohler fühlen? Ja. Werden Menschen einem übergewichtigen Ideal nacheifern und damit anfangen, zu viel zu essen? Sehr unwahrscheinlich. Der Hass gegenüber übergewichtigen Menschen, sowohl innerlich als auch äußerlich, ist eines der am längsten existierenden und tiefliegendsten Vorurteile der Menschheit. Body Positivity kann das hoffentlich ändern. 

 

 

Video: Body-Positivity im Gänsehäufel

 

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