< Zur Mobilversion wechseln >

Fußball-EM: Der große Hype um den Frauenfußball

von

Frauenfußball ist in Österreich immer noch ein Randphänomen, das belächelt, nicht gefördert und verdrängt wird. Doch die Situation wird – auch dank der EM – besser.

Jasmin Eder

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

Stellen Sie sich vor, Österreich qualifiziert sich für die Fußball-EM und niemanden interessiert’s. So ungefähr war das dann auch, im September 2016, als sich das Nationalteam der Frauen zum ersten Mal einen Platz beim Großereignis sicherte. Denn: Frauenfußball ist in Österreich immer noch ein Randphänomen, das belächelt, nicht gefördert und verdrängt wird. Doch die Situation wird – auch dank der EM – besser.

 

 

„Zum Glück war es dann doch nicht so schlimm“, sagt Jasmin Eder (24), Spielerin beim österreichischen Fußballnationalteam der Frauen, als wir sie zum Interview treffen. Auch sie merkt: das Interesse am Frauenfußball steigt. Den Satz „Mädchen können nicht Fußball spielen“ hört die Wienerin trotzdem schon, solange sie denken kann. „Ich wurde oft gefragt, ob ich ein Mädchen oder ein Bub bin, weil manche nicht glauben konnten, dass Mädchen einen Ball treffen können.“ Der jungen Frau aber war schon immer klar, dass das Kicken ihre Berufung ist. „Ich habe schon im Kindergarten am liebsten draußen mit den Burschen Fußball gespielt“, sagt sie.

 

So wurde der Fußball zum ultimativen Männersport gemacht

 

Ob im Käfig, im Hof oder auf der Wiese: Jasmin Eder ist immer dem Ball hinterhergejagt. Im Alter von neun Jahren schloss sie sich dem Verein USC Landhaus an, der erfolgreichsten Frauenmannschaft in Wien. Dort blieb sie bis 2009, durchlief die Nachwuchsmannschaften – bis hinauf in die Bundesliga. Mit 15 kam dann ein ganz neuer Abschnitt: Eder wechselte zwei Jahre lang zu Bayern München nach Deutschland. Anschließend war sie ein Jahr bei  BV Cloppenburg und dann beim VfL Sindelfingen. Eine herausfordernde Zeit, aus der die junge Frau aber sehr viel mitgenommen hat. Denn wer Spitzensport betreiben will, muss vor allem eins sein: diszipliniert. „Der Fokus lag immer am Fußball. Ich habe das von klein auf mitbekommen: Wenn man was erreichen will, muss man auch einiges in Kauf nehmen. Und das bereue ich nicht, denn es gehört dazu.“ Heute spielt sie beim Verein FSK St. Pölten-Spratzern.

 

Vor Kurzem war ich mit einer Freundin am Badeschiff im Fußballkäfig. Da waren drei Burschen, die ein Match spielen wollten – sie haben zu uns gesagt: Wenn es zu unfair wird, geht einer von ihnen raus. Wir haben nur geschmunzelt und dann 10:2 gewonnen.
Jasmin Eder, Nationalteam

 

„Fußball ist halt ein Männersport.“ Ein Satz, den nicht nur die Top-Kickerin Jasmin Eder ständig hört, sondern der sich in unserer Gesellschaft etabliert hat. Dabei gibt es keine Unterschiede zwischen Fußball mit Frauen und Fußball mit Männern. Feldgröße, Spieldauer, Regeln, Bälle und Tore – alles ist gleich. Trotzdem veranstaltet der Weltfußballverband FIFA eine Fußball-Weltmeisterschaft, für Männer. Bei den Frauen nennt sich das dann Frauen-Weltmeisterschaft. So als ginge es um die Frauen und nicht um den Sport. Aber warum ist das so?

 

"Das Feld ist nicht kleiner, die Tore nicht größer, die Bälle nicht leichter"

 

Nicole Selmer, stellvertretende Chefredakteurin des Fußballmagazins Ballesterer, kennt die Antwort: „Wer Fußball sagt, meint Männerfußball – aber in der Regel, ohne das zu explizit zu machen. Dabei spielen Frauen nach denselben Regeln, das Feld ist nicht kleiner, die Tore nicht größer, die Bälle nicht leichter. Unterschiede gibt es auch zwischen dem Profifußball der Männer und der Bezirksliga oder gar dem Hobbykicken im Park, dennoch würde niemand auf die Idee kommen, zu sagen ,Ich gehe heute Hobbyfußball spielen'." 

 

Ballesterer Cover zur EM

 

Fußball sei nämlich nicht als Männersport zur Welt gekommen. „Der Siegeszug zum sogenannten Volkssport und Nationalsport hat Fußball erst zum Männersport gemacht“, so Selmer.

 

In anderen Ländern wie England und Spanien ist in den letzten vier, fünf Jahren viel geschehen. Und in Italien zum Beispiel hat es schon eine Liga gegeben, als der DFB den Fußball für Frauen in Deutschland noch verboten hat. Seitdem hat das deutsche Team achtmal die EM gewonnen.
Nicole Selmer

 

Die Soziologin Marion Müller sagt in ihrem Buch „Fußball als Paradoxon der Moderne“ auch klar: Frauen wurden nicht immer schon aus dem Fußball ausgeschlossen, es ist eine Entwicklung der modernen Zeit. So hat im Jahr 1902 die englische Football Association eine Weisung ausgegeben, dass das Spielen mit und gegen „Lady Teams“ in Zukunft nicht mehr erlaubt sei. Das heißt: Davor gab es sehr wohl Wettbewerbe, bei denen Frauen gegen Männer antraten. Doch die Weisung wurde schließlich zum Gesetz – und 1921 war es Frauen verboten, vereinseigene Plätze zu benutzen.

 

"Frauenfußball in Österreich wird von Männern dominiert und kontrolliert"

 

Im Buch „Frauenfußball und Maskulinität“ des Sporthistorikers Matthias Marschik werden ähnliche Thesen aufgestellt.  Der Fußball in Österreich sei, so Marschik, ein „Refugium von Maskulinität, als massenkulturelle Inszenierung männlicher Werte“. Er stellt sogar fest: „Wie fast nirgendwo sonst wird der Frauenfußball in Österreich von Männern dominiert und kontrolliert.“ Im Gegensatz zum alpinen Skilauf gebe es beim Fußball bisher nur männliche Vorbilder.

 

Die Entwicklung hin zum männlich codierten Sport hätte sich sehr schnell vollzogen, sagt Marschik gegenüber der WIENERIN.at: „Um 1910 finden sich keinerlei Hinweise, dass Frauen unfähig sind, dem Spiel zu folgen. Um 1930 gibt es schon die ewigen Witze, keine Frau wäre imstande, etwa die Abseitsregel zu verstehen.“

 

Es gibt Hinweise auf erste Frauenspiele in Wien schon vor dem ersten Weltkrieg. Sicher hat es Frauenspiele um 1923/24 gegeben. Und 1935-1938 gab es in Wien die weltweit einzige Frauenfußball-Liga mit 10 bzw. später neun Klubs, einem eigenen Verband, einem Cupbewerb und mit Auslandsspielen etwa in der Tschechoslowakei.
Matthias Marschik, Sporthistoriker

 

 

In die Populärkultur geschafft hat es Frauenfußball bisher dennoch vor allem in den USA. Der Grund: ein Gesetz. „Title IX“, § 9 des United States Education Amendments of 1972 hat einen wichtigen Aufschwung für den amerikanischen Frauensport bewirkt. Demnach darf keine Person aufgrund ihres Geschlechts von der Teilnahme an Erziehungsprogrammen ausgeschlossen werden. Besonders der Collegefußball hat sich dadurch als Talenteschmiede für junge Frauen etabliert.

 

Julie Foudy, eine der erfolgreichsten Ex-Fußballspielerinnen der USA, hat in Interviews immer wieder darauf hingewiesen, wie wichtig dieses Gesetz ist: „Wenn ich ins Ausland reise und Frauen treffe, die Fußball oder Softball spielen wollen, dann haben sie die Möglichkeiten dazu nicht – und auch keine Kultur oder Gesellschaft, die sie dazu ermutigt.“   

 

Klischees über Frauen und Fußball gibt es bereits seit über 100 Jahren

 

Doch die Klischees machen nicht nur vor den Spielerinnen halt. Auch Fußball-Zuseherinnen werden immer wieder, und auch heute noch, mit sexistischen Sagern konfrontiert. Der Kulturwissenschafter Marschik schreibt dazu, dass Frauen die Rolle "der unbedarften Staunenden und Bewundernden" zugesprochen wurde. 

 

Trotzdem hatte Österreich auch Lichtblicke in der Geschichte in der Frauenfußballs, denn „im Herbst 1935 wurde die Damenfußball-Union gegründet, von Mai bis Juli 1936 fand eine erste Meisterschaft statt – einzigartig zum damaligen Zeitpunkt“, schreibt die Journalistin Nicole Selmer in der 6. Ausgabe von Frauen.Wissen.Wien

 

Hans Krankl: "Wenn die Mädls Spaß haben, sollen sie spielen"

 

Doch einfach wurde es den Frauen nicht gemacht. Helge Faller, Journalist bei Ballesterer, stellt eine erschreckende historische Bilanz auf: „Der ÖFB schikanierte sie nach Kräften, Spieler und Funktionäre übten sich im Chauvinismus und die Presse ätzte.“ Immer wieder wurde Frauen vom ÖFB und deren Funktionären ein Spielverbot auf Verbandsplätzen erteilt. „Der ÖFB beschäftigte sich vor allem mit der Frage, wie den Frauen der Fußball verunmöglicht werden könnte.“

 

Austria-Präsident Emanuel Schwarz wurde am 3. Februar 1936 im Montag sogar mit dem Satz zitiert: „Eine Frau als Fußballerin wirkt entschieden unästhetisch. Außerdem ist Fußball für Frauen ungesund und viel gefährlicher als für Männer, da sie viel empfindlichere Organe haben.“ Und bereits lange vorher, im Jahr 1911, wurde Damenfußball vom Illustrierten Sportblatt als „Karnevalsscherz“ bezeichnet. Hans Krankl, ehemaliger österreichischer Fußballspieler und Popsänger, schrieb kürzlich in der Boulevardzeitung Österreich: "Ich finde, wenn die Mädls Spaß haben, dann sollen sie auch spielen." Frauenfußball könne man sich heute sogar schon anschauen, schrieb er außerdem. Im Netz wurde er für diese herabwürdigende Aussage kritisiert.

 

Factbox

Das Turnier in den Niederlanden ist die 12. Fußball-Euro der Frauen. Erstmals wurde sie 1984 ausgetragen. Neben Österreich nehmen auch die Schweiz, Belgien, Schottland und Portugal erstmals am Turnier teil.

Zu Besuch beim erfolgreichsten Frauenfußballverein Österreichs

 

Die Diskriminierung setzte und setzt sich aber nicht nur in der Sprache fest. Frauenfußball wurde in Österreich bis 1971 vom ÖFB verhindert, Frauenteams durften auf Verbandsplätzen nicht spielen. Der erste Verein, der einen organisierten Neubeginn wagte, war die USC Landhaus mit einer Frauensektion. Gerhard Traxler ist der Obmann und ein Urgestein im österreichischen Frauenfußball-Geschehen. Der 78-Jährige hat im Jahr 1968 die Damenmannschaft des USC Landhaus Wien gegründet. Frauenfußball war zur damaligen Zeit in Österreich praktisch inexistent. Im Jahr 1971 wurde der Verein als erster Frauenfußballverein in den Wiener Fußballverband aufgenommen. Vor 17 Jahren ist dann auch der „Herrenverein“ weggefallen, wie Traxler sagt. „Seitdem sind wir eine komplett eigenständige Frauenmannschaft.“

 

Wienerin Gerhard Traxler 

 

Seine Begeisterung für den Fußball hat Traxler in all den Jahren nie verloren. Und seinen Stolz für die USC Landhaus sowieso nicht. Wenn er über den Verein spricht, dann strahlt er. Zu Recht – denn die Kampfmannschaft der USC Landhaus ist seit Beginn der Bundesliga 1972/73 noch nie von der höchsten Spielklasse abgestiegen.

 

USC Landhaus: SponsorInnen dringend gesucht

 

Doch selbst die hierzulande erfolgreichste Kaderschmiede für kickende Frauen hat mit Problemen zu kämpfen, vor allem finanzieller Natur. „Wenn wir mehr Geld hätten, wär natürlich alles besser“, sagt Traxler. Die Erhaltung des Vereins sowie des Sportplatzes in Floridsdorf funktioniere nur wegen der Hilfe vieler ehrenamtlicher MitarbeiterInnen. 

 

Er hofft, dass sich der EM-Boom auch auf die Vereine umschlägt. „Im Endeffekt lebt das Nationalteam von den Vereinen. Und wenn die Vereine von der Hand im Mund leben, dann wird das auch keine Zukunft haben, auf gut Deutsch g’sagt. Ohne die Breite gibt’s ja auch keine Spitze.“

 

Wienerin USC Landhaus

 

Zumindest in einer Hinsicht habe sich die Situation aber verbessert, meint Traxler: es gebe weniger Vorurteile gegenüber dem Frauenfußball. Er sei nur noch vereinzelt damit konfrontiert. „Machos gibt’s natürlich überall. Die wollen nicht, dass eine Frau Fußball spielt. Vielleicht aus Neid. Ich versteh’s nämlich ned. Was spricht denn gegen Fußball, den eine Frau spielt? Das muss mir mal wer erklären.“ 

 

Viele Spielerinnen gehen ins Ausland, weil sie hier kein Geld verdienen

 

Denn während Männer seit vielen Jahrzehnten Profi-Fußball betreiben, ist die Geschichte des Frauenfußballs von Unterbrechungen, Verboten, Schikanen und Problemen geprägt. Die Spielerinnen der USC Landhaus trainieren dreimal die Woche, gehen aber alle nebenbei arbeiten oder studieren. Denn vom Fußball leben kann keine. Die Spielerinnen im Land zu halten, ist deshalb schwierig. Auch 14 von 23 Nationalteam-Spielerinnen sind derzeit bei deutschen Vereinen aktiv. "Man muss sich als junge Spielerin bewusst sein, dass man sich ein zweites Standbein aufbauen muss und dass man sich nicht nur drauf verlassen kann, dass das mit dem Fußball funktioniert", weiß die Nationalspielerin Jasmin Eder

 

Stephanie Bloch vom Verein Fc Altera Porta sagt: „Unsere Spielerinnen studieren, machen eine Ausbildung oder arbeiten in den unterschiedlichsten Berufen, z.B. als Pädagogin oder Physiotherapeutin. Sie sind keine Profis und absolvieren die Trainingseinheiten in den Abendstunden. Diese Doppelbelastung ist kein Einzelfall und sicherlich auch ein Grund, warum die besten Talente und Nationalspielerinnen überwiegend im Ausland tätig sind und bislang nicht langfristig in Österreich bleiben."

 

EM-Quartier

Das WUK überträgt alle Spiele der Women’s Euro 2017 vom 16. Juli bis 6. August im Innenhof.

Alle Spiele der Women’s Euro 2017 werden auf 6 HD-Flatscreens bei freiem Eintritt übertragen – wettersicher dank Ausweichmöglichkeiten ins WUK Foyer und ins Statt-Beisl. Weitere Infos: http://www.wuk.at/event/id/18900 

 

Kurz gesagt: Auch heute noch kämpft der Frauenfußball mit finanziellen Problemen und wenig Anerkennung. „Unästhetisch, ungesund, unweiblich“ – so werde noch immer gegen den Frauenfußball geschossen, schreibt die Sportjournalistin Selmer. „Frauen, die Fußball spielen, betreiben einen anderen Sport. Es ist, um es mit einem beliebten Vergleich zu formulieren, ,Pferderennen mit Eseln‘“, so Selmer. 

 

Der Historiker Marschik stellt eine ebenso ernüchternde Bilanz auf: „Es gibt eine ganze Menge von Diskriminierungen: In den Verbänden selbst, in den Vereinen, aber natürlich auch in den Medien.“ Es gibt weniger Geld, schlechtere Trainingsmöglichkeiten, kaum SponsorInnenen, wenig Medienpräsenz. „Wenn Frauen sich ihren Fußballsport selbst organisieren, wie in den 1950er und 1960er Jahren in Österreich, dann werden sie wenig wahrgenommen. Wenn sie sich aber, wie in Österreich seit 1973, dem ÖFB eingliedern, dann werden sie von den Männern im Verband benachteiligt und ausgegrenzt. Man muss sich also fragen, welche der beiden Möglichkeiten die noch schlechtere ist.“

 

 

"Cool, ich will auch Fußball spielen"

 

Bei der EM zeigen die Frauen aber, dass sie verdammt viel draufhaben. „Wir sind technisch, taktisch um nichts mehr nach – die physischen Unterschiede werden immer da sein. Das ist einfach so. Aber ich glaube, dass sich in den letzten Jahren extrem viel getan hat und dass Frauenfußball sehr ansehnlich geworden ist“, sagt Nationalteam-Spielerin Jasmin Eder. Und das schlägt sich auch in den Erfolgen nieder. Nach zwei EM-Spielen haben sie bereits doppelt so viele Punkte gesammelt wie die Männermannschaft nach sechs. Doch mit den Männern will sich das Frauenteam nicht vergleichen - das sei in anderen Sportarten auch nicht üblich, so Eder.

 

Ihr Wunsch ist ein anderer: „Ich hoffe, dass wir den Schwung mitnehmen können, bei der EM positiv auffallen und dass vielleicht auch mehr Mädls zuschauen und sich denken: ,Hey cool, ich will auch Fußball spielen'.“

 

Termin: Das Frauen-Nationalteam spielt am Mittwoch gegen Island - ein Punkt reicht zum Aufstieg. 20:45 Uhr, ORF1.

 

Video: Zu Besuch beim Frauenfußballverein USC Landhaus

 

 

Kommentare

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen


Wienerin ABO