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Armut: Diese Alleinerzieherin hat am Muttertag endlich einen Grund zum Feiern

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Der Muttertag ist nicht für alle ein entspannter Tag im Kreis der Familie. Für Alleinerzieherinnen ist er meist ein Tag wie jeder andere.

JetztJelena Gucanin(Wienerin)

„Es gibt Tage, wo man sich wirklich ausruhen möchte und es ist leider nicht möglich.“ Stela Öztürk ist Alleinerzieherin. Ihre Kinder sind zwei und sechs Jahre alt. Einmal im Jahr, zum Muttertag, werden Mütter gefeiert, beschenkt und umsorgt. Vom Muttertag hat Frau Öztürk jedoch bisher wenig mitbekommen. Sie hat in den letzten Monaten nämlich ums Überleben gekämpft.

Nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, begab sie sich auf Wohnungssuche. Für eine alleinerziehende Mutter ist der Wiener Wohnungsmarkt jedoch unleistbar. Und für eine geförderte Wohnung kommt sie aufgrund strenger Vergabekriterien nicht infrage. Vom Staat ist sie enttäuscht. Bei der Wohnsituation fühlt sie sich komplett alleingelassen. „Eine Scheidung ist kein Grund, dass ich eine Gemeindewohnung kriege. Obdachlosigkeit auch nicht. Obwohl ich über 13 Jahre lang in einem Gemeindebau gelebt habe.“

 

Von ihrem Ex-Partner erhält sie weniger Unterhalt als er zahlen sollte. Jede zweite Woche sollte er die Kinder nehmen, was er jedoch nicht tut. 

„Das Einzige, das mich gehalten hat, sind die Kinder"

Als letzte Möglichkeit blieb ihr schließlich das Hotel. Dort musste sie für das Zimmer 1800 Euro pro Monat zahlen. Zum Leben blieben ihr 100 Euro übrig. Sie hat alles Mögliche verkauft, nur um an Geld zu kommen. „Es war einfach schrecklich“, erinnert sich die 31-Jährige. „Das Einzige, das mich gehalten hat, sind die Kinder. Sonst wäre ich komplett zerstört gewesen. Der Wille, das Ganze für sie durchzustehen, rettete mich.“ 

 

Um das Ganze noch schlimmer zu machen, wurde sie von ihrer eigenen Freundin reingelegt. Diese hatte ihr eine Wohnung versprochen - doch mit dem Geld ist sie auf Urlaub gefahren und schließlich selbst in die Wohnung gezogen. „Sie hat mir ein Foto mit den Schlüsseln in der Hand geschickt. Und dann hat sie sich nie wieder gemeldet“, erzählt Frau Ötztürk. 

 

Beruflich macht sie derzeit eine Pause, bis sie wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Sie arbeitet am Flughafen als Disponentin - ein 60-Stunden-Job im Schichtendienst. Weil sie keinerlei familiäre Unterstützung hat, ist sie auf Babysitterinnen angewiesen. „Für die Kinder ist es nichts Neues, dass ich arbeiten muss. Aber ich würde schon gerne mehr Freizeit mit ihnen verbringen“, sagt Frau Öztürk. Für Alleinerziehende ist das Wort Organisation das Um und Auf. Jeder Tag muss minutiös durchgeplant werden. „Wenn die Babysittern ausfällt, muss ich alles umkrempeln. Ich habe überhaupt keine familiäre Unterstützung. Ich bin einfach alleine.“

Muttertag ist ein Tag wie jeder andere

Weil sie sonst auf der Straße gelandet wäre, hat der Verein Immo Humana schließlich innerhalb kürzester Zeit eine Notwohnung für die Mutter und ihre Kinder gefunden. Über das Jugendamt hat sie von dem Verein erfahren. Seit 20 Jahren betreut der Verein Mütter in Wohnungsnot und hat in dieser Zeit etwa 700 Frauen und 1700 Kindern geholfen. Der Verein braucht dringend Wohnungen und finanzielle Unterstützung, um auch anderen Müttern in Wohnungsnot zu helfen. 

 

Gabriele-Aïsha Bichler, Mitarbeiterin bei Immo Humana, kennt die Sorgen alleinerziehender Mütter - und weiß auch, warum der Muttertag für viele kein Tag zum Feiern und Ausruhen ist. „Man hat so dieses Bild: da sitzt der Mann, richtet das Frühstück her, die Kinder sind brav, dann singen sie was, dann kommen die Blumen. Das spielt es einfach nicht als Alleinerziehende. Im Grunde ist es ein Tag wie jeder andere." 

 

[Mehr zum Thema: Mütter wollen keine Schokolade zum Muttertag, sondern Gerechtigkeit.]

 

Alleinerziehende und ihre Kinder haben ein Armutsrisiko von 42 Prozent – und sind damit die Gruppe, die das höchste Risiko tragen. Und das zeigt sich auch darin, dass sie kein Geld für Freizeitaktivitäten haben. Laut EU-SILC 2015 muss jedes zweite Kind (48%) aus einem armuts- oder ausgrenzungsgefährdeten Haushalt auf einen jährlichen Urlaub (auch nicht bei Verwandten) verzichten. Im Vergleich dazu sind es nur 15% in Haushalten ohne Ausgrenzungsmerkmal.

 

Seit sieben Jahren war Frau Öztürk nicht mehr auf Urlaub. Ihre Kinder waren noch nie. Sie hofft, dass sie es dieses Jahr schafft. „Zumindest für eine Woche. Ans Meer oder so.“ In der neuen Wohnung könne sie sich wieder Gedanken über diese Dinge machen, und zumindest einmal durchatmen, sagt sie lachend. Man merkt ihr die Erleichterung an. „Ich spiele und rede wieder mit den Kindern. Wir haben wieder ein bisschen Normalität. Ich hatte schon alles aufgegeben. Jetzt habe ich zumindest vier Wände, in denen ich mich ausruhen kann.“

 

Video: 6 Gründe, warum Frauen in Österreich noch immer weiterkämpfen müssen

 

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