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Gedankensplitter: Jugendkult der Generation Z: Liebe Kids, warum seid ihr so prüde?

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Sich ausleben und Spaß haben? Für die Generation Z, also für alle, die nach 1995 geboren sind, ist das offenbar Geschichte. Noch nie waren Jugendliche so brav und angepasst. Kolumnistin Martina Parker fragt sich, woran das liegt.

JetztMartina Parker(Wienerin)

Letztens stand meine kleine 14-jährige Cousine mit Schnappatmung vor mir. „Ich muss dir so was Arges erzählen, bei der Schulsportwoche, da hat eine aus unserer Klasse....“ Sie senkte die Stimme, bekam den Satz gar nicht fertig. Meine Alarmglocken schrillten. Ich war auf das Schlimmste gefasst: „....da hat eine aus meiner Klasse, eine geraucht.“

„Arg,“ log ich und ging mal eine Runde nachdenken. Schon seit Längerem fällt mir auf, dass die Teens und Twens in meinem Umfeld offenbar zu den bravsten und prüdesten Menschen aller Zeiten gehören.

Pfirsichfrisch wie ein Youtubestar, aber voller strenger Prinzipien. „Umarmen geht, aber küssen erst ab 18!“, war die Antwort einer mir näher bekannten 13-Jährigen, als sie ein Gleichaltriger fragte, ob sie mit ihm gehen wolle? Dr. Sommer aus den alten Bravoheftln wäre heute arbeitslos.

Lange Beziehungen und angepasste Denkmuster?

„Für meine 16 jährige Tochter bedeutet Ausgehen am Samstag Abend: Pizza essen im Vapiano“, vertraute mir eine Arbeitskollegin kürzlich an:  „Die gehen nicht einmal mehr gescheit fort. Und wenn sie am Wochenende Freundinnen zu Besuch haben, ziehen die in der Nacht, wenn sie aufs Klo gehen, einen Bademantel an. Man könnte ihnen ja begegnen und was wegschauen. Auch im Sommer am privaten Pool: oben ohne baden, ist für junge Frauen heute undenkbar.“

 

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„Dafür sind sie beständig. Ich kenne 23-Jährige, die sind seit 8 Jahren mit ein und demselben Burschen zusammen!“ erzählte eine andere Freundin: „8 Jahre !!! Bei uns hat eine Beziehung damals 8 Tage gedauert. Von einem Samstag Abend bis zum nächsten – vielleicht.“

Ich will ja nicht zu sehr aus meiner privaten Nostalgiekiste plaudern, aber ich habe die Jahre zwischen 15 und 23 als prägend, anstrengend und hochemotional in Erinnerung. Wir waren nicht chillaxt, sondern ständig zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt.

"Wir waren jung und dumm und unvernüftig"

Wir bauten oft Scheiße. Wir fladerten Wodka aus der elterlichen Hausbar und füllten das Defizit mit Wasser nach, damit keiner was merkt. Wir rauchten - einmal sogar getrocknete Bananenschalen. Wir trieben uns prinzipiell nur in dubiosen Spelunken rum (Kamakura, Roxy, Flex, U4, Arena – falls Ihr damals auch dort wart, werdet ihr jetzt beim Lesen sentimental aufseufzen). Wir brachen im Sommer in Freibäder ein. Wir veranstalteten legendäre Parties, eine endete damit, dass das Haus meiner Eltern danach renoviert werden musste. Nicht meine Schuld übrigens, eine Truppe Hells Angels crashte die Fete.

Aber wir entwickelten uns dabei auch weiter. Wir philosophierten mit Hausbesetzern, Punks und Anarchisten, WU-Studenten und Rockabillys. Wir bildeten uns Meinungen und revidierten diese wieder. Wir lasen Sartre und verwickelten Lehrer in politische Streitgespräche, bei denen wir nicht um die Burg nachgaben. Selbst wenn wir im Unrecht waren.

Wir waren jung und dumm und unvernüftig, machten einen Fehler nach dem anderen, zahlten jede Menge Lehrgeld, aber lernten dabei fürs Leben. Wir überschritten viele Grenzen, aber hatten immer den Freiraum und eine gewisse Anonymität uns auszuprobieren und immer neu zu erfinden, bis wir zu denen wurden, die wir heute sind.

Unter ständiger Beobachtung

Dass die heutigen Kids so brav, übervorsichtig und angepasst sind, liegt nicht nur am angesagten CleaneatingHealthylivingPictureperfekt Zeitgeist, sondern vor allem an der Digitalisierung selbst. Wer ständig Angst haben muss, bei allem was er tut, rund um die Uhr, fotografiert, gefilmt, öffentlich hochgeladen und zur Schau gestellt zu werden, kann sich keine Experimente abseits der Norm leisten.

Um sich wieder unbeobachtet ausprobieren zu können, würden die Generation Z einen Umhang für digitale Unsichtbarkeit brauchen. Ein Schutzschild, das verhindert, das man aufgezeichnet wird. Vielleicht erfindet das ja noch wer. Der Markt wäre gigantisch. Die Generation Z1 – oder kommt nach Generation Z wieder Generation A? – würde sich freuen.

Und jeder, der noch als X oder Y aufwuchs und seine Adoleszenz vor dem Smartphoneboom erlebte, darf jetzt bitte drei Kreuze schlagen, ob der Tatsache, dass die Bilder seiner Jugend einzig und allein in den Köpfen der Beteiligten gespeichert sind.

 

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Kommentare

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1 Kommentare
Gast: 817ax
16.05.2017 17:42

...wenn das meine Eltern gewusst hätten...

Ich war auch im Kamakura (wohlgemerkt mit 15)und wenn meine Eltern nur ein wenig davon gewusst hätten, was ich alles tat, wenn ich aus ihren Augen war,das will ich gar nicht wissen wie enttäuscht sie von mir gewesen wären. Aber ich möchte nichts davon missen! Wir -die Vor-Handy-Generation - waren sooo frei! Wir konnten viele Erfahrungen machen, von denen die heutige Jugend leider keine Ahnung hat. Sehr schade!!!