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Cristiano Ronaldo: Wir müssen über die Vergewaltigungskultur im Fußball reden

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Er feiert einen Erfolg nach dem anderen. Doch ein "kleines Detail" geht seit Wochen unter: nach "Spiegel“-Informationen wirft eine Frau Cristiano Ronaldo vor, sie vergewaltigt zu haben. Eine Analyse.

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

Die Champions League ist derzeit in vollem Gange - und ein Weltstar beweist wieder einmal seine Torjägerqualitäten: Cristiano Ronaldo. Der viermalige Weltfußballer erzielte beim 3:0-Sieg im Halbfinal-Hinspiel gegen Atlético Madrid gleich drei Treffer - und wird seitdem medial mehr denn je abgefeiert. Seine großzügigen Spenden an diverse Charity-Organisationen tragen ihr Übriges dazu bei, um das Image des 32-Jährigen aufzupolieren. 

So beliebt ist er jedoch nicht bei allen. Immer wieder wird er als "arrogant"und "selbstverliebt" beschrieben. Es ist auch nicht so lange her, dass Steuertricksereien des Fußballers - sein Vermögen wird auf 347 Millionen Euro geschätzt - öffentlich wurden. Nur David Beckham konnte übrigens als Ex-Fußballprofi mehr Vermögen aufbauen. 

Ronaldo: "Hasst mich weiter"

Dass seine Person in der Öffentlichkeit die Gemüter spaltet, weiß Ronaldo selbst auch. Erst kürzlich postete der Fußballer ein Video, das sich an seine "Hater" richtet: 

 

Haters pls keep hating me...#cR7777777

Posted by Cr7777777 on Donnerstag, 4. Mai 2017
 

 

"Hasst mich weiter, denn ohne euch bin ich nicht, was ich heute bin, also weiter so", ließ Ronaldo aus seiner Villa in Madrid ausrichten. 

Doch ein "kleines Detail", das Mitte April vom deutschen "Spiegel" publik gemacht wurde, scheint seit Wochen medial unterzugehen: Cristiano Ronaldo wird von einer Frau vorgeworfen, sie vergewaltigt zu haben. Der Vorfall soll sich in den frühen Morgenstunden des 13. Juni 2009 in einem Luxushotel in Las Vegas ereignet haben. Am 12. Jänner 2010 sei es dem Bericht zufolge im US-Bundesstaat Nevada zu einer außergerichtlichen Einigung gekommen, die dem Magazin vorliegt und aus einer Datensammlung der Enthüllungsplattform "Football Leaks" stammt. Ronaldo soll zudem 375.000 Dollar Schweigegeld an das vermeintliche Opfer gezahlt haben. Dieses habe sich laut "Spiegel" dazu verpflichtet, alle Tatvorwürfe fallen zu lassen und über den Vorfall zu schweigen. Die Summe der anfänglich veranschlagten 660.000 Euro sei dem Fußballer zu hoch gewesen, wie aus dem Bericht hervorgeht. 

 

"Der mediale Umgang nach den Vergewaltigungsvorwürfen ist tatsächlich zweifelhaft."
Rafael Buschmann, "Spiegel"-Redakteur

 

Dem Magazin soll außerdem die wahre Identität der Frau bekannt sein und der sechsseitige Brief vorliegen, den das mutmaßliche Opfer an Ronaldo geschrieben haben soll. „Ich habe immer wieder Nein, Nein, Nein, Nein geschrien und dich angefleht, aufzuhören. Ich hatte noch nie so eine Angst in meinem Leben", soll da etwa drinnen stehen. 

Die Vorwürfe sind sehr schnell in Vergessenheit geraten

Gegenüber dem Magazin sagte Ronaldos Münchner Anwalt Johannes Kreile jedoch: "Die Anschuldigungen, die Ihre Fragen nahelegen, sind aufs Schärfste als unzutreffend zurückzuweisen." "Spiegel"-Redakteur Rafael Buschmann sagt in einem Video unter dem Enthüllungsbericht: "Die Vorwürfe sollten in Aktenschränken verschwinden." 

Und wenn man sich die (spärliche) mediale Berichterstattung nach den Enthüllungen ansieht, wird klar: das scheint auch ganz gut zu gelingen. Schließlich redet niemand mehr darüber. Nach der ersten Aufregung gerieten die Berichte ziemlich schnell in Vergessenheit. Zwar erschienen die Vorwürfe kurzzeitig in diversen Medien, doch sie lösten keine Welle der Empörung aus. Liest man sich diverse Postings unter den Artikeln durch, wird auch schnell klar, warum. Victim-Blaming - also dem Opfer die Schuld zuzuschieben - ist angesichts des Ruhms Ronaldos auch sehr einfach: die Frau wolle "Kapital herausschlagen", wäre freiwillig mitgegangen - und überhaupt: wer will nicht mit Sexsymbol Ronaldo ins Bett gehen?

 

Getty Images

 

Und ja: laut ihren Brief habe sie mit ihm geflirtet, sei mit ihm mitgegangen, sie hätten sich geküsst. Doch als er mehr wollte, habe sie deutlich "Nein" gesagt. Was danach passierte, soll bei der Frau zu einer Risswunde im Analbereich und einem Besuch im Krankenhaus geführt haben. Genau weil diese Geschichte und der dazugehörige Brief so heikel seien, müsse darüber berichtet werden, stellte der "Spiegel" in seinem Enthüllungsbericht klar: "Denn sie wirft ein Schlaglicht auf eine Gesellschaft, in der sich manche Menschen offenbar fast alles leisten können."

Wir müssen über die Vergewaltigungskultur im Sport reden 

Bereits im Jahr 2005 wurde Ronaldo, der damals bei Manchester United spielte, aufgrund einer Anzeige wegen Vergewaltigung festgenommen und verhört (hier nachzulesen). Eine der Frauen zog jedoch ihre Aussage zurück. Laut Scotland Yard gab es keine ausreichenden Beweise, weshalb Ronaldo nicht angeklagt wurde.

Doch Ronaldo ist nicht der erste Star-Fußballer, der wegen Vergewaltigung in den Medien war - und dann ganz schnell wieder weg. David De Gea, spanischer Fußballspieler, der derzeit bei Manchester United spielt, soll Teil einer Gruppenvergewaltigung gewesen sein. Das Wort Vergewaltigung wurde jedoch in den wenigsten Medienberichten im Juni 2016 explizit genannt - die Rede war viel eher von "Sex-Partys". Dabei sollte klar sein: sexuelle Gewalt hat nichts mit Sex, der in beiderseitigem Einverständnis passiert, zu tun, sondern ist einfach Gewalt. Solche Begriffe verharmlosen die Tat und sind leider keine Seltenheit.

 

[Mehr zum Thema: "Wieso sollten Frauen jemals eine Vergewaltigung erfinden?"] 

 

Shireen Ahmed hat den Fall De Gea für das Fußballmagazin "Unusual Efforts" näher beleuchtet und kommt zu dem Ergebnis: sexuelle Gewalt wird in Sportmedien totgeschwiegen. Es scheint, als wäre es viel wichtiger, wer der nächste Torhüter sein wird, als die Diskussion darüber, was die Opfer erlebt haben und wie tief verankert die Vergewaltigungskultur auch im Sport ist. Stattdessen wurde auch in diesem Fall das mutmaßliche Opfer in Frage gestellt und die Vergewaltigungsvorwürfe als nerviges Hindernis auf seinem Karriereweg gesehen. Und wiederum waren alle Vergewaltigungsvorwürfe vom Tisch, nachdem De Gea sportliche Erfolge verzeichnet hatte. Überraschung? Leider nicht.

Unverständlich bleibt, warum solche Fälle nicht mehr Medienpräsenz erreichen. Im WIENERIN.at-Gespräch sagt der "Spiegel"-Journalist Rafael Buschmann: "Der mediale Umgang nach den Vergewaltigungsvorwürfen ist tatsächlich zweifelhaft. Bis heute ist mir kein einziger Sportjournalist bekannt, der Ronaldo nach einem Spiel oder bei einer Pressekonferenz darauf angesprochen hätte. Ebenso hat kaum jemand die Story weiterrecherchiert oder sich mit den Hintergründen dazu beschäftigt." Ganz im Gegenteil, die Berichterstattung über Ronaldo kann auch jetzt frauenfeindlich sein. Am Dienstag erschien ein Bericht des Boulevardblattes "Bild", mit dem Titel: "Ronaldo hat das sichere Auge für die richtigen Bälle." Den Blick hat er dabei auf das Hinterteil seiner Freundin gerichtet.

Screenshot: BILD.de

 

"Wie auf diese Art über jemanden, der seit Wochen mit Vergewaltigungsvorwürfen zu tun hat, berichtet werden kann, geht nicht in meinen Kopf", so Buschmann. Er führt das auch auf die Männerdominanz in der Branche zurück und der Fußball sei nach wie vor ein großer Zufluchtsbereich, in dem viele Fans sich nicht mit Negativem beschäftigen wollen. Die Fußballbranche lebt stattdessen von ihrer Emotionalität. „Sobald ein Fußballer Tore schießt, überlagern diese beinahe alles. Das ist vollkommen irrational. Hintergrundberichte geraten dann nahezu in Vergessenheit und der glamouröse Alltag der Fußballbranche überstrahlt alles." 

Doch genau über diese Hintergründe sollte dringend geredet werden. Vergewaltigungskultur im Sport muss ein Ende haben. Die Würde eines Menschen kann nicht wegen eines guten Spiels untergehen. "Ich mache mir nichts aus Deinem Geld. Ich wollte Gerechtigkeit", schrieb die junge Frau in ihrem Brief an Ronaldo. Eine Gerechtigkeit, die sie, wie so viele andere Frauen auf der Welt, wohl nie bekommen wird. 

 

Video: Der goldene Penis und die Sexisten-Sager des Jahres 2016

 

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