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Reportage: „Eine Essstörung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Sensibilität"

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Der Überkonsum, die Schnelllebigkeit, der Schlankheitswahn – all das macht es vielen Menschen, und vor allem jungen Frauen, unmöglich, sich und ihre Körper zu lieben. Zu Besuch bei einer Selbsthilfegruppe für Betroffene von Essstörungen.

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

„Was ist Hunger? Wann bin ich satt? Wie groß ist eine Portion?“

Drei Fragen, die wir alle mehr oder weniger gut beantworten können. Sie – eine Psychologin, eine Jugendarbeiterin, eine Juristin, eine Ökologin, eine Fotografin, ein Sportjournalist und eine Ernährungswissenschafterin – sie können es nicht. Denn sie leiden oder litten an einer Essstörung.

Die Selbsthilfegruppe von Michaela Schertler (48) brachte sie alle zusammen. Die Diplomierte Lebens- und Sozialberaterin gründete diese vor einigen Jahren aus einem ganz bestimmten Grund: „In meiner Familie gab es immer Essstörungen. Meine Mutter war Bulimikerin, ich selbst bin seit 38 Jahren bulimisch. Zwar ohne Symptome, aber von geheilt kann man nicht sprechen.“ Eine Selbsthilfegruppe gab es in Wien noch nicht, daher sah sie dringenden Handlungsbedarf.

Über Kalorien und Kilos wird nicht geredet

Einmal im Jahr feiert die Gruppe ihren „Geburtstag“ – und damit auch, dass sie alle noch da sind. Am Leben. Denn Essstörungen können ein tragisches Ende nehmen. Und das tun sie leider öfter als man denkt: Anorexia nervosa (Magersucht) endet nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS) in zehn bis 15 Prozent der Fälle tödlich. Zu essen gibt es bei der Geburtstagsfeier reichlich, doch die Regel lautet wie immer: wir reden nicht über Kalorien und Kilos.

„Es ist eine Verhaltenssucht, mit der man versucht, Spannungen auszugleichen."
Michaela Schertler

Eine der Teilnehmerinnen ist Mafalda Rakoš. Die 22-jährige Kunststudentin und Fotografin hat kürzlich den Fotoband „I want to disappear“ herausgebracht, der sich auf beeindruckende Weise mit dem Thema Essstörungen auseinandersetzt und Betroffene vor die Kamera holt.

 

 

 

Auch sie interessiert sich wegen ihrer persönlichen Geschichte für das Thema. Ihr Ziel: eine andere Seite zu zeigen. „Jede Betroffene hat ihre individuelle Geschichte. Und sie entsprechen alle nicht diesem Stereotyp von magersüchtigen Körpern.“ Das, was in den Medien immer ausgeschlachtet werde, sei die dramatische Magersucht – über andere Essstörungen werde kaum geredet. Und damit auch nicht über die Verzweiflung und den Schmerz dahinter.

Immer mehr Männer betroffen

Die Wichtigste darunter ist die Bulimie, die Ess-Brechsucht. Eine Krankheit, die in vielerlei Hinsicht versteckt passiert, weil sie von außen nicht erkennbar ist. „Bulimie-Betroffene sind meist normalgewichtig, können aber auch unter- oder übergewichtig sein“, weiß Michaela Schertler. „Es ist eine Verhaltenssucht, mit der man versucht, Spannungen auszugleichen. Und es ist ein riesiges Tabu.“

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Der gesunde Umgang mit Essen ist in dieser Gesellschaft verloren gegangen

 

Von der Bulimia nervosa sind überwiegend (zu 90–95 Prozent) Frauen betroffen. Aber auch immer mehr junge Männer leiden an einer Essstörung. In der Selbsthilfegruppe sind als fixe Mitglieder immer wieder ein bis zwei Männer dabei, sagt Schertler. „Ich würde mir wünschen, dass mehr kommen. Aber bei Männern sind das Schamgefühl und die Dunkelziffer sehr hoch.“ Auch entwickeln sich immer neue Formen von Essstörungen – die Anorexia athletica und die Exercise-Bulimie sind jene, für die besonders Männer anfällig sind. Sie tritt bei SportlerInnen auf, die exzessiv Sport treiben und dabei ein gestörtes Essverhalten entwickeln können.

Eine Gesellschaft, die krank macht

Essstörungen sind ein Produkt unserer kranken Gesellschaft. In diesem Punkt sind sich Betroffene und ExpertInnen einig. „Viele Menschen wissen nicht mehr, was Hunger überhaupt ist. Wir haben diese Selbstregulative des Körpers verlernt“, ist Michaela Schertler überzeugt. Hinzu komme das gesellschaftlich gezeichnete Schlankheitsbild, das uns überall begegnet.

Der Überkonsum, die Schnelllebigkeit, der Perfektionswahn im Standardisierten – all das macht es vielen Menschen, und vor allem Frauen, unmöglich, sich und ihre Körper zu lieben. „Das Schlimmste ist die Scham. Das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Man fühlt sich fremd und schlecht“, sagt die 22-jährige Mafalda Rakoš.

 

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Dass das Thema Essstörungen weiterhin eines ist, das belächelt und tabuisiert wird, mache die Sache umso schlimmer, so Schertler. „Es ist eine Suchterkrankung. Viele Angehörige können das nicht nachvollziehen. Einer Magersüchtigen zu sagen, sie soll halt einfach was essen, ist für einen gesunden Menschen normal, aber nicht für den Essgestörten.“ Essen sei in den Augen vieler eine normale Sache, kein Alkohol, keine Droge. Und deshalb auch nicht so interessant. „Für die Betroffenen ist es daher schwierig, sich zu outen. Auch bei mir hat es viele, viele Jahre und Jahrzehnte gedauert.“

„Binge Eating, nur Junk Food, Allergien, Intoleranzen: das Thema Essen ist bereits in einem Stadium, wo ein normaler Umgang damit nicht möglich ist."
Michaela Schertler

Wenn man sich jedoch umsehe, erkenne man, wie viele Menschen ein gestörtes Essverhalten an den Tag legen. Selbst der Trend zur gesunden Ernährung, der von Instagram & Co. befeuert wird, habe zur Sucht geführt, und in Folge zur Orthorexia nervosa, die medizinisch zwar keine anerkannte Krankheit ist, aber zu einer Essstörung führen kann. „Auf Instagram sehe ich das Bild einer schlanken Person und so will ich dann auch sein. Dass sie vielleicht gar nicht glücklich ist, sehe ich nicht“, sagt Schertler. „Darum ist es super, wenn Adele ein ungeschminktes Gesicht mit Pickeln postet. Der Mensch lebt vom Vergleich und das ist gerade bei Frauen sehr stark. Der Vergleich ist aber der Anfang vom Ende.“

Essen ist die neue Religion

Und Essen wird dabei zum Vergleichskriterium Nummer 1. Denn Essen ist weit mehr als Nahrungsaufnahme. Es ist Lifestyle, es ist Statussymbol, es ist Religion. Die amerikanische klinische Psychologin Wendy Mogel hat die Frage nach einer gesunden Ernährung zur Unterscheidung von Gut und Böse als „Ersatzreligion“ bezeichnet. Wir haben den gesunden Menschenverstand über unseren Umgang mit Essen verloren. Wie viel kaufen wir ein, wie viel schmeißen wir weg, wann essen wir? Isst jeder nur, wenn er Hunger hat? „Binge Eating, nur Junk Food, Allergien, Intoleranzen: das Thema Essen ist bereits in einem Stadium, wo ein normaler Umgang damit nicht möglich ist. Irgendwo ist da was aus dem Ruder gelaufen", so Schertler.

Jon Tyson

Bei den stationären Spitalsaufenthalten in Österreich ist eine deutliche Zunahme der Aufenthalte aufgrund von Essstörungen festzustellen: Im Jahr 1989 wurden 269 Personen (89% der Aufenthalte betrafen Frauen) registriert, im Jahr 2000 waren es 1.471 Spitalsaufenthalte

 

„Gerade Menschen mit Essstörungen sind sehr perfektionistisch angehaucht, das Selbstbewusstsein ist da, aber der Selbstwert nicht“, sagt die Expertin. Das ist auch der Eindruck, den ihre Selbsthilfegruppe vermittelt: außerordentlich kluge Menschen sitzen hier. Sie alle versuchen, sich und ihr Leben bis ins Detail zu kontrollieren und greifen dabei leider zum falschen Mittel. Sie sind sehr erfolgreich in dem, was sie tun. Doch ihre Körper haben keine Ahnung mehr, was sie brauchen und was nicht.

„Es kann mit einer Diät anfangen und zur Sucht werden“

Der Einfluss einer Essstörung auf das soziale und berufliche Leben ist enorm. „Wenn du eine Essstörung hast, dann drehen sich deine Gedanken den ganzen Tag darum.“ Die Schamgrenze ist hoch, die Betroffenen ziehen sich zurück. „Fressanfälle bedürfen einer guten Organisation. Man muss vorher einkaufen, Zeit haben, alleine sein. Das ist absoluter sozialer Rückzug“, so Michaela Schertler. Manche sind so krank, dass sie nicht arbeitsfähig sind. Stress und Druck sind förderlich für Essstörungen. Deshalb sei es, gerade für StudentInnen wichtig, sich eine Auszeit zu nehmen.

Die Essstörung ist nämlich nur ein Symptom. Dahinter stecken andere Dinge, weiß die Expertin. „Viele leiden darunter, dass sie bereits in der frühesten Kindheit nicht wahrgenommen worden sind.“ Menschen mit Essstörungen haben ein großes Problem mit Emotionen. Durch das Nicht-Essen entsteht eine komplette Leere. Durch das Erbrechen ein Spannungsabbau.

„Die Essstörung ist ein Ausdruck von Rebellion und das Aufzeigen von Brüchen in diesem System."
Mafalda Rakoš

Studien hätten gezeigt, dass Menschen mit Essstörungen ähnlich ticken wie ADHS-Betroffene. Die Neigung zu Suchterkrankungen ist hoch – und sie haben eine viel sensiblere Wahrnehmung ihrer Umwelt. Das heißt, sie spüren auch stärker, wenn die Aussage und die Emotion nicht zusammenpassen. Das Selbstbild aber ist grau und verschleiert. „Diese Menschen brauchen eine Krücke, und das kann die Essstörung sein“, sagt Schertler.

Doch es gäbe auch diese Fälle, wo eigentlich alles gut erscheint, und die Expertin nicht genau weiß, woher die Essstörung kommt. Sie tippt etwa auf die Vorbildwirkung aus dem FreundInnenkreis. „Es kann mit einer einfachen Diät anfangen und zur Sucht werden.“

Der Weg zur Besserung

Doch es gibt einen Ausweg, und Hilfe. Die Selbsthilfegruppe arbeitet sehr eng mit der psychosomatischen Klinik in Eggenburg zusammen. Dort werden die PatientInnen drei Monate lang stationär behandelt. Michaela Schertler ist begeistert von den Erfolgen, die dort erzielt werden. „Wir hatten sicher 10 bis 15 Betroffene dort – fünf davon sind nachhaltig geheilt.“ In der Klinik geben die Betroffenen die Verantwortung komplett ab. Sie haben einen geregelten Tagesrhythmus und Essensplan. Die strenge Struktur sei zwar nicht für jeden passend, doch jene, die dort waren, wären begeistert gewesen.

Henrique Felix

90 bis 97% der von Essstörung Betroffenen sind Mädchen und junge Frauen

 

Insgesamt gebe es aber viel zu wenig kassenfinanzierte Therapieplätze und kaum Bewusstsein über das Thema Essstörungen, weiß Schertler. Auch weil es hauptsächlich Frauen betrifft. Um etwas zu ändern, müssten Gesellschaft, Politik und Medien diese Krankheit endlich ernst nehmen. Und neue Seiten aufzeigen.

Etwa jene, dass eine Essstörung gesamtgesellschaftlich gesehen auch positive Effekte haben kann, sagt die 22-jährige Studentin Mafalda Rakoš. „Die Essstörung ist ein Ausdruck von Rebellion und das Aufzeigen von Brüchen in diesem System. Dadurch ist Veränderung möglich“, ist sie überzeugt. Sie hat eine wichtige Botschaft an die Betroffenen: „Eine Essstörung ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Sensibilität. Irgendwer hat mir einmal mitgegeben, dass es eigentlich gesund ist, wenn man in diesem System krank wird.“

 

Hier kannst du dir Hilfe holen: 

Selbsthilfegruppe für Betroffene

Essstörungs-Hotline: 0800 - 20 11 20, kostenlos - anonym - bundesweit
Montag bis Donnerstag von 12-17 Uhr 

 

 

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