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Kommentar: Karriere mit BH? Liebes Bundesheer, Frauen sind mehr als ihre Unterwäsche

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Eine Werbeanzeige im "Weekend"-Magazin sorgt derzeit für Aufsehen. Das Ministerium gesteht den Fehler ein.

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

 

Alle Jahre wieder grüßt das Sexismus-Murmeltier beim Bundesheer. Diesmal sorgt eine Werbeanzeige im "Weekend"-Magazin, die uns ein Leser zukommen ließ, für Aufsehen. Der entlarvende Titel: "Karriere mit BH". Beworben wird der "Girl's Day" zur beruflichen Orientierung für Frauen im Bundesheer. Autsch.

Weekend Magazin Vorarlberg 2017 KW 13  

Es ist nicht das erste Mal, dass das Bundesheer mit sexistischer Werbung von sich reden macht. Wir alle erinnern uns (leider) gut an dieses Glanzstück, das die NZZ.at in einem Artikel hervorgekramt hat: 

Zugegeben: der Skurrilitätsfaktor ist hoch - doch der Sexismus dahinter noch größer. Das Bild von Frauen, die einem Panzer hinterherlaufen, weil sie mit den Bundesheersoldaten auf eine "Spritztour" gehen wollen, ist nicht unbedingt eines, das ihre Talente und Qualifikationen in den Vordergrund rückt. Doch die hatten in der Geschichte von Frauen beim Bundesheer seit jeher eine eher untergeordnete Rolle. 

Schluchzende Frauen und saufende Männer

Die Öffnung des Bundesheeres 1998 ermöglichte Frauen einen freiwilligen Militärdienst in Österreich. Anlässlich der Einrückung der ersten Soldatinnen hat der damalige Kasernen-Kommandant Josef Paul Puntigam einen "Knigge für weibliche Rekruten" unterzeichnet. Darin wurden die Soldatinnen aufgefordert, "ordentlich und gepflegt" aufzutreten, zu "Männern in der Dienstzeit die notwendige Distanz zu halten" und sich "auf keine Abenteuer einzulassen". Auch steht darin: "Freude und Frust äußern sich bei Männern und Frauen verschieden. Während Männer gerne 'einen heben', können Frauen zum Schluchzen beginnen." Das dahinterstehende Rollenbild von weinenden Frauen und saufenden Männern ist gelinde gesagt: ein wenig überholt. 

 

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Trotz sexistischer Eklats versucht das Bundesheer seit Jahren mehr Frauen anzuwerben. Und das laut Eigenangaben auch mit Erfolg. Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil (SPÖ) lockerte sogar die Leistungsüberprüfung für Frauen im Bundesheer, um den Frauenanteil zu heben. Künftig dürfen jene, die die körperliche Eignungsprüfung nicht bestanden haben, die Leistungslimits im Rahmen ihrer Ausbildung gezielt trainieren und innerhalb von sechs Monaten erbringen – das gilt sowohl für weibliche als auch für männliche BewerberInnen. Soldatinnen müssen jedoch sportlich weniger schaffen - etwa mindestens acht saubere Liegestütze, Männer 15. Weiters müssen interessierte Frauen 2.400 Meter unter 14,5 Minuten laufen (Männer 13,4 Minuten) und zumindest sechs Klimmzüge im Schräghang (Männer 10) hinbringen. 

Aktuell gibt es in Österreich 468 Soldatinnen, die Tendenz steigt. So begannen voriges Jahr um 80 Prozent mehr Frauen eine Karriere beim Heer. Im Jahr 2016 gab es 500 Bewerbungen von Frauen, dies bedeutet eine Verdoppelung zu den Vorjahren. Davon befanden sich am Ende des Berichtsjahres 120 Frauen als Soldatinnen in einem Dienstverhältnis. Dafür werden vor allem die Werbemaßnahmen verantwortlich gemacht. Etwa jene der "Girls Camps", weil sich danach 22 von 90 Teilnehmerinnen für einen Ausbildungsdienst gemeldet haben. Dennoch: bis heute bewegt sich der Frauenanteil beim Bundesheer irgendwo bei niedrigen 2,6 Prozent.

Wenn mehr Frauen zum Bundesheer sollen, dann sollte man sich solche Werbungen lieber sparen 

Das Bundesheer verspricht allen dabei die gleichen Gehälter und Aufstiegschancen. Das momentane Einstiegsgehalt liegt bei 1008,12 Euro netto monatlich, wobei für Unterkunft und Verpflegung keine Kosten entstehen. Bisher sind jedoch wenige Frauen in den attraktiven, höherrangigen Berufsbereichen, wie etwa dem der Pilotinnen tätig, schreibt Petra Duringer in ihrer Diplomarbeit über "Frauen im Bundesheer". Und auch sexistische Vorfälle seien laut Duringer kein Einzelfall beim Heer. Sie fügte in ihre Arbeit ein Kapitel über Beschwerden von Soldatinnen ein. 

Darunter findet sich etwa eine Beschwerde über abwertende Aussagen und Beschimpfungen seitens eines Unteroffiziers. Er sagte, dass Frauen nicht für das Bundesheer geeignet wären und bezeichnete die Einführung des Frauenwahlrechts als das Schlimmste, was der Menschheit passiert sei (aus dem Jahresbericht der Parlamentarischen Bundesheerkommission 2006). Auch die Ausstattung einer Soldatin mit Feuerwehrsicherheitsstiefeln in einer bestimmten Größe erforderte zuerst eine Beschwerde, bevor sie ihr nach mehreren Monaten endlich gegeben wurden (Jahresbericht der Parlamentarischen Bundesheerkommission 2009). Schlecht sitzende Kampfanzüge für Frauen, die erst zurechtgeschneidert werden müssen, kritisierte auch Irmtraut Karlsson, die im Auftrag des Ministers Vorschläge ausarbeitet, wie man mehr Frauen für das Heer begeistern könnte, im "Standard"-Interview.

Jahresbericht der Parlamentarischen Bundesheerkommission 2006  

Zusätzlich zu den ohnehin bestehenden Schwierigkeiten, mit denen Frauen beim Heer konfrontiert sind, dann auch noch Werbeanzeigen zu schalten, die Frauen auf ihre Unterwäsche reduzieren, dürften das Übrige dazu beitragen, einen Job beim Bundesheer für Frauen gänzlich unattraktiv zu machen. Ein bisschen weniger Klischee und ein wenig mehr Sensibilisierungsarbeit in Sachen Geschlechterstereotype wäre wohl die erfolgsversprechendere Strategie. 

Immerhin aber gibt es Hoffnung. Der Ministeriumssprecher Michael Bauer bereue die Werbeanzeige "zutiefst", wie er auf WIENERIN.at-Anfrage sagt. "Der Titel ist absolut letztklassig, zutiefst sexistisch und hätte so nicht hinausgehen sollen", meint er. Das "interne Kontrollsystem" hätte versagt, dieser "schwere Fehler" würde die Bemühungen der letzten Monate, Frauen anzuwerben, leider wieder erschweren. Bleibt zu hoffen, dass so etwas nicht noch einmal passiert.

 

 

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