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Caritas Gruft: So erleben obdachlose Menschen die kälteste Nacht des Jahres

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Während der Kältewelle umsorgen die Streetworker der Caritas unermüdlich die obdachlosen Menschen in Österreich. Wir haben sie eine Nacht lang begleitet.

Caritas Obdachlose Kälte

JetztTeresa Havlicek (Wienerin)

Es gibt nichts wie eine Kältewelle mit -12 Grad, um sich des Privilegs eines geheizten Dachs über dem Kopf bewusst zu werden. Europaweit sind laut orf.at in den letzten Tagen 46 Menschen aufgrund der unfassbaren Kälte gestorben. In Polen sind allein am Montag sechs Menschen erfroren. Warum das bei uns nicht so ist, hat einen Grund: Die unermüdliche Arbeit der Caritas. „Das Ziel muss lauten, dass kein Mensch auf Wiens Straßen erfrieren muss“, so Caritas Generalsekretär Klaus Schwertner in einer aktuellen Aussendung. Susanne Peter, leitende Sozialarbeiterin in der Gruft hat noch einen höheren Anspruch: „Wir wollen, dass kein Mensch in der Kälte übernachtet“, erzählt sie mir gestern Abend, während einer der kältesten Nächte des Jahres. Warum sich manche trotzdem dafür entscheiden, erfahre ich, als ich die Streetworker eine Nacht lang begleite, wie sie Obdachlose versorgen.

 

Niemand soll draußen schlafen

Um den gestiegenen Bedarf zu decken, hat die Caritas in den letzten Tagen 130 Notschlafplätze aufgestockt. Die Street Worker sind im Winter sieben Tage die Woche unterwegs, um Hinweisen des Kältetelefons nachzugehen und um winterfeste Schlafsäcke und Kleidung zu verteilen. Unter 01/4804553 rufen Wienerinnen und Wiener währen der kalten Tage an, wenn sie Schlafplätze von Obdachlosen finden. In akuten Notsituationen gilt es trotzdem nach wie vor die Rettung unter 144 anzurufen. Die Streetworker der Caritas gehen in ihren abendlichen Runden jedem einzelnen Hinweis nach. Im internationalen Vergleich ist der Umgang mit Obdachlosen in Wien beeindruckend. Um ein bisschen mehr über die Arbeit der Caritas zu erfahren, darf ich auch mitgehen.

 

Ein typischer Abend für die Sozialarbeiter der Gruft

Um 18 Uhr treffe ich Susanne und Martina bei der Gruft, sie laden den Kältebus mit Schlafsäcken, Iso-Matten und Kleidung voll und wir fahren zu einem Schlafplatz im 22. Bezirk. Es ist das dritte Mal, dass sie ihn besuchen: Beim ersten Mal haben sie den Schlafplatz nicht gefunden. Beim zweiten Mal hat der Anrufer glücklicherweise eine Telefonnummer hinterlegt, und mit ein paar Rückrufen konnten die Sozialarbeiterinnen zum genauen Standort gelotst werden. Leider war niemand anwesend. „Jedes Leben zählt“, hat mir Susanne Peter schon in einem früheren Interview erzählt. Niemand wird vergessen, jedem Hinweis wird nachgegangen, bis man sicher ist, dass die Obdachlosen über ihre Rechte und Möglichkeiten zumindest Bescheid wissen. An diesem Tag besuchen sie den spezifischen Schlafplatz also zum dritten Mal.

 

Eine "Wohnung" mitten im Gebüsch

„Interessant eingerichtet“, bemerkt Martina. Mitten im Gebüsch am Stadtrand hat sich jemand einen kleinen Wohnraum eingerichtet: Nach einem geschlängelten Weg findet man ein volles Billa-Wagerl, das den Eingang bildet. Dahinter ist eine kleine Koch-Nische und ein improvisierter Tisch. Noch ein bisschen weiter hinten findet man ein Zelt, also den Schlafraum. Am abgetretenen Schnee und den Zigarettenstummeln erkennen die Sozialarbeiterinnen, dass der Platz aktuell bewohnt ist, soweit wir es erkennen können, ist allerdings niemand anwesend. „Wir machen uns Sorgen und wollten fragen, ob sie irgendwas brauchen.“ Martina ruft ins Zelt und versucht Vertrauen aufzubauen, sollte doch jemand da sein. Am Rückweg treffen wir schlussendlich doch eine Frau. Sie will zuerst weglaufen, weil sie glaubt, die Polizei ist da. Doch langsam baut sie Vertrauen auf, und es kommt noch ihr Freund dazu. Nach kurzem Zögern sind die Beiden recht gesprächig.

Wienerin  Caritas Obdachlose KälteWienerin  Caritas Obdachlose KälteWienerin Caritas Obdachlose Kälte

 

Romeo und Julia der Straße: Das Liebespaar Gabi und Laszlo

Gabi und Laszlo wohnen seit Dezember an diesem Schlafplatz und haben bei aller Tragik der Situation ihren Sinn für Humor nicht verloren. „Imma diesöben Sandler im Fernsehen“, ruft Gabi. Anscheinend wurden die Zwei am Praterstern schon einmal interviewt. Von dort kommen sie auch gerade, sie erzählen, sie hätten heute gedumpstert und Essen am Praterstern verteilt. Die Winterschlafsäcke und Iso-Matten nehmen sie gerne an, in eine Notschlafstelle wollen sie nicht. „Ich halt das nicht aus mit so vielen Leuten“. Gabi ist Schriftstellerin, hat eine psychische Erkrankung und braucht ihre Ruhe. Laszlo und sie wollen zusammen bleiben, und in den Notschlafstellen fehlt ihnen die notwendige Privatsphäre.

 

„Imma diesöben Sandler im Fernsehen“
Gabi ist obdachlos und scherzt über ihre Medienpräsenz

 

Wie sie bei -10 Grad im Zelt schlafen können? „Legst dich hin und machst so“, scherzt der ungarische Laszlo und streckt lachend alle Glieder von sich. „Und wenn nicht geht, trinkst ein Flasche mehr“. Er scheint der Sonnenschein des Paares zu sein, Gabi verliert sich in längeren Monologen über Politik. Sie weiß ziemlich viel und scheint grantig auf Norbert Hofer zu sein: „Wos wü er uns sogn? Er ist a Behindater? Er hot an Sportunfoi ghobt, beim Paragleiten! Des kema uns net leisten!“ Aber auch mit Van der Bellen hat sie ein Hühnchen zu rupfen: „Ret auf amoi im Kaunertaler Dialekt, des is scheinheilig!“ Ihre Laune bessert sich, als wir fragen, seit wann sie mit Laszlo zusammen ist. „13. Juli 2014, 14 Uhr. Do hom wir uns am Praterstern kennengelernt und a Treffn fürn nächsten Tog ausgmocht. An dem Abend hot er mir sei Zölt zeigt. Wos soll i sogn, mir hom die Kerzn und der Hund imponiert.“ Laszlo spricht etwas direkter über die romantische Situation: „Da haben wir gepickt“, stellt er klar.

Wienerin Caritas Obdachlose Kälte

 

Lieber ins Zelt, trotz der Kälte

Martina und Susanne erklären den Beiden, das es auch Paarzimmer gibt, die Wartezeit beträgt aktuell eineinhalb Wochen. Man muss sich aber während der Wartezeit täglich melden und sagen, dass man noch Interesse an dem Zimmer hat. Gabi und Laszlo wollen das nicht so recht glauben, sie haben gehört man muss über ein Monat warten und bleiben lieber in ihrem Zelt. Die Tage verbringen sie ohnehin in (geheizten) Tageszentren. Martina und Susanne stellen noch einmal sicher, dass sie wissen, wohin sie sich wenden können. „Die Zwei wollen einfach ihre Freiheit“, erklärt mir Susanne später. „Das ist auch okay.“ Schlussendlich verlassen wir um zwei Schlafsäcke, Iso-Matten und ein paar Zigaretten leichter den Schlafplatz.

 

Jedes Leben zählt

Auf dem Weg zum nächsten Schlafplatz frage ich Susanne, wie viel Kälte man wirklich in so einem Winter-Schlafsack aushält. „Sie halten bis minus 25 Grad. Bis minus 10 ist es angenehm, also warm. Danach ist es erträglich“. Dafür brauchen sie auch am dringendsten Spenden. Wir fahren noch ein paar weitere Schlafplätze ab, die dem Kältetelefon gemeldet wurden, finden aber niemanden an. In diesem Fall hinterlassen die Sozialarbeiterinnen Infomaterial über Anlauf- und Notschlafstellen.

 

Wenn Flüchtlinge Obdachlosen helfen

Wienerin  Canisibus Obdachlose Syrischer Flüchtling

 

Am Hauptbahnhof treffen wir den Canisibus, der das ganze Jahr über Essen an Obdachlose an verschiedenen Bahnhöfen ausgibt. Das Projekt wird von 115 Freiwilligen getragen, die einkaufen, kochen und zu den Bahnhöfen fahren. Heute schenken Zaki und Stanikzai aus. Die beiden sind Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan, Zaki wird heute 32 Jahre alt. In Anbetracht der immer wieder aufkommenden Frage, warum denn so viel für die Flüchtlinge getan wird und nichts für „unsere Leut“, ist es fast ironisch, dass ein syrischer Flüchtling seinen Geburtstag damit verbringt, Essen an österreichische Obdachlose auszugeben. Auch beim Canisibus sprechen Martina und Susanne auch mit den Klienten, rufen bei Bedarf Dolmetscher an und fragen, wie sie helfen können. Ein Mann aus Polen braucht einen Schlafplatz, wir nehmen ihn mit und bringen ihn in ein Notquartier. Eine ehemalige Polizeistation wurde umfunktioniert, es werden konstant Betten aufgestockt. Unterwegs koordiniert Susanne permanent mit anderen Streetworkern am Telefon, wie viele Schlafstellen noch gebraucht werden und wo es noch Platz gibt.

Wienerin Caritas Obdachlose Kälte

Unsere letzte Station ist am Kardinal-Nagl-Platz, wir finden aber keine Schlafstelle oder jemanden der Hilfe braucht. Kurz vor Mitternacht bringen Susanne und Martina den Kältebus zurück in die Gruft. Dort darf er sich kurz ausrasten. Bis morgen.

 


Wie Sie helfen können:


Aktuell wird dringend Geld für Schlafsäcke gebraucht. Mit dem Gruft Winterpaket kann man um 50 Euro einen Schlafsack, ein warmes Essen und die Möglichkeit, sich in der Gruft aufzuwärmen, spenden.


Wenn Sie den Schlafplatz eines Obdachlosen entdecken, rufen Sie das Kältetelefon unter: 01/480 45 53 an. Die Streetworker der Caritas gehen dem Anruf nach und versuchen die Person an eine Notschlafstelle zu verweisen, oder zumindest zu versorgen.


Wenn die Person verletzt oder gefährdet ist, rufen Sie bitte die Rettung unter 144.

 


Im Moment werten folgende Sachspenden gebraucht:

  • neuwertige Unterwäsche und Socken für Damen und Herren
  • Winterschuhe Damen und Herren in allen Größen
  • Hauben und Handschuhe
  • Hygieneartikel wie Nagelschere, Nagelzwicker, Taschentücher oder Waschpulver
  • haltbare Lebensmittel
  • Kaffee gemahlen, Kakao
  • Hygieneartikel und Taschentücher

 

Diese können vor Ort in der Gruft (Barnabiteng. 12a) oder in der Zweiten Gruft (Lacknergasse 98) abgegeben werden.

 

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