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Silvester: 4 Dinge, die bei der Berichterstattung über sexuelle Übergriffe falsch laufen

von

Weil wir aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr herauskommen.

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

 

Der Jahresbeginn scheint seit den Übergriffen in Köln nun offiziell jener Zeitpunkt zu sein, an dem sich alle Welt über sexuelle Übergriffe unterhält. Pardon - nur über sexuelle Übergriffe von "Ausländern", "Nafris", "Asylwerbern" & Co. Schließlich wiederholt sich die Geschichte nach der Silvesternacht in Köln auf ein Neues: Rassisten, die sich plötzlich für den Schutz von Frauen interessieren, entlarven wieder einmal ihre Doppelmoral. Aber nicht nur jene, die in Marcus-Franz-Manier ganz schamlos daherkommen (jener Mann übrigens, der sexuelle Übergriffe nicht unter Strafe stellen wollte und jetzt darüber twittert, dass zu wenig über Vergewaltigungen geredet wird) sorgen derzeit für Dauerkopfschütteln bei uns, sondern auch die mediale Berichterstattung, die sich ebenso schamlos und einseitig mit der Thematik beschäftigt.

 

Wir haben daher einige Dinge gesammelt, die bei der Berichterstattung über sexuelle Übergriffe noch immer falsch laufen:

 

1: Gewalt gegen Frauen ist keine "Sex-Attacke"

Der Boulevard überschlägt sich wieder einmal besonders mit unsensibler und verharmlosender Sprache und bezeichnet sexuelle Übergriffe gegen Frauen als "Sex-Attacke", und Täter als "Sex-Mobs". Deshalb hier noch einmal zum Mitschreiben: Sex ist etwas, das in beiderseitigem Einverständnis passiert - gewalttätige Übergriffe und Vergewaltigungen sind das genaue Gegenteil davon. Und genaue Beschreibungen davon, wie und wo die Frauen angefasst werden, mögen vielleicht dem voyeuristischen Leser ein Sabbern entlocken - in der Realität aber verharmlosen und bagatellisieren solche Texte Gewalt gegen Frauen. Aber um die geht es ja auch nicht, wie der nächste Punkt zeigt.

 

Screenshot: http://www.oe24.at/oesterreich/chronik/Sex-Attacken-Schon-9-Opfer-in-Innsbruck/264147369  

2: Rassismus wird schamlos befeuert

"Laut Beschreibung durch das Opfer handelt es bei den Tätern vermutlich um Ausländer." "Die Männer sollen alle südländischen Typs sein." "Der Asylwerber war offenbar stark alkoholisiert." Solche - und schlimmere - Bezeichnungen werden in allen österreichischen Medien derzeit einfach unkommentiert übernommen. Nicht nur dass es sich bei diesen Aussagen oft um Mutmaßungen handelt - so befeuern diese Mutmaßungen auch noch rassistische Ressentiments. Und nein: hier geht es nicht darum, etwas zu "vertuschen" - es geht einfach um journalistische (und Polizei-) Arbeit, die sich auch als solche bezeichnen darf.

Mit Formulierungen wie "vermutlich Ausländer" wird niemandem geholfen - schon gar nicht den betroffenen Frauen. Denn eine Berichterstattung, die ausschließlich vereinzelt und bei "fremden" Tätern über das Thema sexuelle Gewalt berichtet, vertuscht das eigentliche Problem, das viel größer ist. Oder um es in den Worten des Soziologen Reinhard Kreissl im Interview mit der "Wiener Zeitung" zu sagen: "Wenn man sich entscheiden würde, Gewalt in der Familie zum Thema zu machen und jede bekannt gewordene Straftat zu veröffentlichen - die "Kronen Zeitung" ein halbes Jahr lang also nicht mit afghanischen Drogendealern, sondern mit prügelnden Ehemännern voll wäre -, dann hätten wir plötzlich eine ganz andere Diskussion in diesem Land."

 

 

3: Racial Profiling existiert nicht erst seit gestern - und ist nie "okay"

Ein großes Thema, das die Debatte über sexuelle Übergriffe derzeit überlagert, ist das Racial Profiling der Kölner Polizei, die nordafrikanischen Männern ohne Begleitung offenbar "besondere Beachtung" geschenkt hat. Dass das eine rassistische Praxis ist - Menschen werden aufgrund ihres Aussehens und ihrer Herkunft pauschal verurteilt - darüber sind sich jedoch nicht alle einig, und verteidigen die Polizei sogar mit der Begründung, es hätte "ja funktioniert". Wer sein Leben lang wegen seiner Hautfarbe und Herkunft aussortiert, diskriminiert und verurteilt wird, der wird das trotzdem anders sehen. Aber wie immer werden nicht die Stimmen derer gehört, die es wirklich betrifft - sondern derer, die aufgrund ihrer weißen Privilegien noch nie in ihrem Leben auf einem Bahnhof angehalten und kontrolliert wurden. Und das Erschreckende daran ist eigentlich: die Polizei macht ihren Rassismus mit Begriffen wie "Nafri" in offiziellen Tweets publik - und niemanden scheint es zu stören. Nein, es wird sogar "präventive Polizeiarbeit" genannt.

 

 

3: Das größere Problem wird natürlich nicht erkannt

"Die Übergriffe hatten jedenfalls System", sagte ein Ermittler in Tirol. Ja, das sehen wir auch so - und dieses System nennt sich Patriarchat, das Gewalt gegen Frauen fördert und ermöglicht. Und zwar überall.

Tatsächlich sind Anzeigen wegen sexueller Übergriffe bei der Polizei und Meldungen bei Notrufstellen nicht häufiger geworden. Bloß hat zuvor keiner darüber geredet. Das heißt aber nicht, dass Gewalt gegen Frauen nicht passiert - nur woanders, als es sich die meisten jetzt vorstellen. Die Dunkelziffer - vor allem bei Vergewaltigungen im privaten Umfeld - ist sehr hoch. In Österreich wird nicht einmal eine von zehn Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht und nicht einmal jede 5. Anklage führt zu einer Verurteilung. Und das Verfahren läuft meist so ab, wie Ursula Kussyk vom Verein Notruf, der seit 1982 von sexueller Gewalt betroffene Frauen und Mädchen berät, aus jahrelanger Erfahrung weiß: "Meistens ist es so, dass die Frau sehr intensiv einvernommen wird. Der mutmaßliche Täter wird oft gar nicht einvernommen."

Die Auswirkungen seien fatal für die Opfer, weil sie dann sagen: „Eine Anzeige bringt überhaupt nichts, ich zeige nie wieder an. Außer dass ich stundenlang befragt wurde, ist nichts passiert." Die Vergewaltigungskultur sei laut Kussyk sogar derart tief verankert, dass die Staatsanwaltschaft selbst nach eingestellten Verfahren die Frau wegen Verleumdung oder Falschaussage anzeigt. (HIER das ganze Interview.) Das heißt: das große Problem heißt Rape Culture - selbst in Gerichten - und damit verbunden jeglicher "normaler" Sexismus im Alltag und den Medien und wiederum dass Frauen nicht ernst genommen werden. Sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, wäre tatsächlich präventive Arbeit - und nicht das Herauspicken von Männern "südländischen Typs" einmal im Jahr zu Silvester.

 

 

 

4: Gewalt passiert noch immer am öftesten in der Beziehung - und das wird verharmlost

Aus dem Sicherheitsbericht 2015 des Innenministeriums geht hervor: bei Gewaltdelikten gibt es zu über 61 Prozent eine Beziehung zwischen TäterIn und Opfer. Doch der Nachbar, der seine Frau schlägt, ist noch immer ein Tabuthema. Und seine Frau, die sich dann traut, zur Polizei zu gehen, noch immer unglaubwürdig. 

Und weil die Scheinheiligkeit kein Ende nimmt, hier noch ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: die eifersüchtige und gewalttätige Attacke eines betrunkenen Mannes auf seine Freundin wird auf der Facebook-Seite "Austrian Problems" zur landesweiten Lachnummer:

Screenshot: www.facebook.com/austrianproblem  

Aber das verwundert nicht - schließlich sind auch 23 Prozent der ÖsterreicherInnen der Meinung, dass Gewalt gegen Frauen oft vom Opfer selbst provoziert würde. Daher zum Schluss ein kleines Gedankenexperiment: wäre der Mann bloß kein "normaler, wie-ich-und-du-Typ", der ein Gläschen zu viel getrunken hat, gewesen, sondern ein "betrunkener Asylwerber"...

 

Kommentare

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3 Kommentare
Gast: ClaudiaJ-M
09.01.2017 15:19

Racial Profiling macht Sinn!!!

Soll die Polizei ältere Damen und junge Frauen kontrollieren, nur damit sie nicht in den Verruf kommen rassistisch zu sein? Das ist lächerlich. Polizeiarbeit muss effizient und effektiv sein.
Israelische Sicherheitsbehörden verwenden schon seit längerem gezieltes Screening und der Flughafen Ben Gurion gehört zu einem der sichersten der Welt.

Gast: Windner
05.01.2017 18:29

Nafri

Was ist an der Abkürzung Von Nordafrikaner so schrecklich? Niki Lauda würde diese künstliche Aufregung mit Recht als" Schwachsinn " bezeichnen. Be I der Abkürzung Ami für Amerikaner regt sich niemand auf. Mich würde schon interessieren, wieso eine Frauenzeitschrift sich für teilweise straffällige, frauenfreindliche Migranten einsetzt. Man sollte nicht die jungen patriachilistischen Männer sondern die Familien und Frauen der wirklichen Kriegsflüchtlinge unterstützen. Da lese ich nicht viel darüber.

Gast: Karoline
05.01.2017 04:01

Großartig!

Ich habe Tränen gelacht. Ihr seid einfach die Besten darin Feministen zu karikieren.
Weiter so!