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Coudenhove-Kalergi: "In Gemeinden, wo kein Flüchtling weit und breit zu sehen ist, dort ist die Angst am größten"

von

Die Journalistin und Autorin Barbara Coudenhove-Kalergi über die Angst vor den "falschen" MigrantInnen und die Bringschuld Österreichs.

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

 

30 Jahre Wienerin – 30 Frauen im Porträt: Anlässlich des WIENERIN-Jubiläums widmen wir uns ein Jahr lang 30 Frauen, die uns bewegen und beeindrucken. Heute im Interview: die Journalistin und Autorin Barbara Coudenhove-Kalergi.

 

Ruhig, pointiert und klar: so lesen sich Barbara Coudenhove-Kalergis Texte - und so spricht es sich mit der Journalistin und Autorin auch. Sie arbeitete bereits für "Die Presse", die "Arbeiter-Zeitung", beim "Kurier", beim "profil", war ORF-Korrespondentin und schreibt heute Bücher und Texte für verschiedene Zeitungen. Ihre Themen drehen sich um Migration, Flucht und verschränkte Identität. 1932 wurde Coudenhove-Kalergi in Prag geboren und flüchtete 1945 mit ihrer Familie nach Österreich.

 

Wir sprachen mit der presigekrönten Journalistin über die Frage nach der Herkunft, Sexismus in der Medienbranche und ihr Fazit zur Integrationspolitik Österreichs.

 

Sie haben kürzlich darüber geschrieben, dass wir die Frage „Woher kommst du eigentlich?“ nicht mehr stellen sollten. Warum?

Barbara Coudenhove-Kalergi: Diese Frage geht davon aus, dass alle entweder Österreicher sind oder „Ausländer“. Inzwischen ist die Realität aber so, dass sehr viele Leute eine Mischung von allem Möglichen sind. In Österreich hat jeder Fünfte einen Migrationshintergrund. Vielen von denen fällt es schwer zu sagen: „Ich bin Türke“ oder „Ich bin Österreicher“. Einige helfen sich damit, indem sie sagen: „Ich bin Wiener oder Wienerin.“ Das geht leichter. In Deutschland ist das anders. Das Wort „Deutschtürke“ ist dort gang und gäbe. Das ist jemand, der in der ersten oder zweiten Generation in Deutschland aufgewachsen ist und beide Staatsbürgerschaften hat. Und eben beides ist. In Österreich kann man nicht beide Staatsbürgerschaften haben. Viele sagen, wenn sie sich als ÖsterreicherInnen bezeichnen, kommt immer die Frage: „Und was bist du wirklich?“ Ich glaube, das ist etwas, woran wir uns erst gewöhnen müssen. Es ist nichts mehr Besonderes, sondern etwas Normales, wenn jemand ein bisschen etwas von Allem ist.

 

Sie haben auch geschrieben: „Österreich könnte, wenn es wollte, in Sachen Integration ein Vorreiter in Europa sein.“ Warum ist es das nicht?

Wir haben gute Voraussetzungen, weil Österreich einmal ein Vielvölkerstaat war und sich viele noch daran erinnern, dass man auch Verwandte in Ungarn, Böhmen oder Italien haben kann. Mir hat immer die Geschichte gut gefallen, dass der Islam bei uns seit 1912, nachdem Österreich-Ungarn Bosnien und die Herzegowina annektierte, eine anerkannte Religionsgemeinschaft ist. Es gab bosnische Regimenter, mit dem Regiments-Imam, mit der Pluderhose und allem Drum und Dran. Kurz nach der Annexion gab es einen Vorfall: ein solches Regiment ist durch die Steiermark marschiert und wurde angepöbelt. Doch die Rädelsführer wurden sofort eingesperrt, weil die Regierung und der Kaiser gesagt haben: Das sind unsere Leute und da gibt’s keine Anpöbelungen. Etwas von dieser Atmosphäre ist immer noch da.

Es geht ja in der Praxis auch besser, als es einen die Kronen Zeitung glauben lässt. Ich habe vor Jahren gemeinsam mit anderen die Initiative “Land der Menschen” gegründet. Unsere naive Idee war, Österreicher und Migranten sollten lieber direkt miteinander reden als unter sich über die jeweils anderen zu schimpfen. Es gab ein Jahr lang im ganzen Land Diskussionen. Ich kann mich an eine dieser Diskussionen erinnern. Das war am Praterstern, es gab großen Andrang. Eine Gruppe von Wiener Arbeitern hat gesagt: „Naja, in unsere Partie kommt kein Ausländer herein.“ Einer von denen war aber ein Schwarzer. Und wir haben gefragt: „Was ist mit eurem Kollegen?“ Ihre Antwort: „Das ist doch kein Ausländer, das ist der Mustafa. Wenn man jemanden persönlich kennt, ist es eben etwas anderes. Aber vor “den Ausländern” fürchtet man sich. Und man fürchtet sich umso mehr, je weniger man sie kennt. Das ist eine alte Erfahrung. In Gemeinden, wo kein Flüchtling weit und breit zu sehen ist, dort ist die Aufregung, die Angst am größten.

 

Ich glaube, dass in der österreichischen Integrationspolitik der Fokus sehr darauf liegt, sich Strafen auszudenken für die Leute, die sich „nicht integrieren wollen“ und die nicht Deutsch lernen wollen.
Barbara Coudenhove-Kalergi

 

 

Kennen Sie das aus persönlicher Erfahrung, dass man zu Ihnen sagt: „Sie sind ja keine echte Migrantin.“

Ich bin auch keine „echte Österreicherin“. Ich bin als Kind mit meiner Familie 1945 nach Österreich gekommen, weil wir aus Böhmen vertrieben wurden. Und wir sind sehr freundlich aufgenommen worden. Wenn wir damals so aufgenommen worden wären wie die Flüchtlinge heute, wären wir vielleicht alle im Kriminal gelandet. Es war damals so, dass der Staat uns nicht besonders geholfen hat, aber er hat uns auch nicht daran gehindert, uns selber zu helfen. Wir sind in die Schule gegangen, das Wort Integration hat es noch nicht gegeben. Aber es hat keine Bürokratie gegeben, die einem das Leben schwer gemacht hat. Man hat sich halt durchgewurschtelt. Ich glaube, viele von den jetzigen Flüchtlingen würden sich auch ganz gerne durchwurschteln, wenn man sie ließe. Ich unterrichte Asylwerber – das, was denen am meisten zu schaffen macht, ist dass sie nicht arbeiten dürfen. Wenn man sie ließe, würden sie es schon schaffen.

 

War die Stimmung zur Zeit des Ex-Jugoslawien-Kriegs anders?

Viele sagen, dass dieser Krieg ein bisschen ein Einschnitt war, weil auf einmal so viele gekommen sind. Obwohl gerade die Bosnier inzwischen sehr gut integriert sind. Da hört man eigentlich wenig Negatives.

 

Sind Sie mit der Arbeit unseres Außen- und Integrationsministers Sebastian Kurz zufrieden?

Nein. Ich glaube, dass in der österreichischen Integrationspolitik der Fokus sehr darauf liegt, sich Strafen auszudenken für die Leute, die sich „nicht integrieren wollen“ und die nicht Deutsch lernen wollen. In der Praxis schaut das anders aus. Allein in der Caritas Einrichtung, in der ich arbeite, haben wir 200 Leute auf der Warteliste, die liebend gerne Deutsch lernen wollen, aber nicht können, weil es zu wenige Kurse gibt. Unser Problem ist nicht, dass die Leute sich nicht integrieren wollen – sondern dass es zu wenige Möglichkeiten dafür gibt. Das Zweite ist – nachdem sich die Zivilgesellschaft unglaublich engagiert hat im letzten Jahr und auch jetzt noch, wäre es schon angebracht gewesen, dass sich die Regierung einmal bedankt. Und zwar in aller Form. Denn ohne das, was die Hilfsorganisationen und viele ganz gewöhnliche Menschen geleistet haben, hätte es eine Katastrophe gegeben. Die staatlichen Einrichtungen waren total überfordert und hätten allen Grund, den sogenannten „Gutmenschen“ dankbar zu sein, statt sie an den Pranger zu stellen.

 

Sehen Sie einen aufkommenden Rechtsruck im Land?

Ich glaube, dass das sehr weitgehend geschürt wird. Wenn man die Boulevardmedien liest, dann hat man das Gefühl, man ist umgeben von Terroristen und Sozialschmarotzern. Die Wirklichkeit ist anders. Die Bundespräsidentenwahl hat bewiesen, dass die Rechtspopulisten in Österreich keine Mehrheit haben, aber wir haben trotzdem Grund, wachsam zu sein.

 

Was halten Sie davon, dass die FPÖ Frauenrechte instrumentalisiert – mit Sagern wir „Frauen sind kein Freiwild“ und die „Herren Asylanten müssen sich benehmen“?

Ich glaube, dass das nicht nur postfaktisch ist, sondern auch bösartig. Ich erinnere mich, dass im Sommer eine Geschichte publik wurde, dass ein Mädchen im Klosterneuburger Bad vergewaltigt worden ist. Da hat sich später herausgestellt, dass das überhaupt nicht wahr ist. Ich habe im Gänsehäufel die dortigen Bademeister, die ja auch alle anderen Wiener Bäder kennen, gefragt, ob sie solche Vorfälle gehabt hätten – sie haben gesagt: nicht einen einzigen. Diese Vergewaltigungsfantasien kommen mir wirklich sehr an den Haaren herbeigezogen vor. Bei den Übergriffen in Köln, die ja tatsächlich passiert sind, habe ich mich die ganze Zeit gefragt: wo waren eigentlich die deutschen Männer? Waren auf dem Bahnhof nur „wildgewordene Marokkaner“ und einsame Mädchen unterwegs und sonst niemand? Also da hat mir auch ein bisschen Aufklärung gefehlt.

 

Wird Gewalt gegen Frauen erst dann zum Thema, wenn man ein Feindbild hat, auf das man das schieben kann?

Ich will nicht leugnen, dass es solche Sachen gibt und dass Frauen und Mädchen geschützt werden müssen. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Ich glaube auch, dass die Integration sehr stark von den Frauen ausgehen wird, weil sie ja diejenigen sind, die etwas zu gewinnen haben.

 

Hätte ein Norbert Hofer als Bundespräsident auch Frauen geschadet?

Ich glaube, er hätte uns allen geschadet.

 

Weil Sie angesprochen, dass sexuelle Übergriffe nicht erst da sind, seit Flüchtlinge im Land sind. Ist Sexismus ein Thema, das Sie persönlich im Berufsleben begleitet?

Als ich angefangen habe als Journalistin zu arbeiten, in den 50er-Jahren, waren Frauen in diesem und in vielen anderen Berufen eine Ausnahme. In manchen beruflichen Situationen war ich oft die einzige Frau. Uns ist das damals normal vorgekommen, obwohl es ja schon einmal anders war. In den 30er-Jahren hat es sehr viele wichtige Journalistinnen in Österreich gegeben, aber dann kam der Ständestaat und die Nazizeit und die Frauen mussten zurück an den Herd. Und diese Mentalität hat bis in die 60er-Jahre angedauert. Aber dann haben wir schon alle einen großen Fortschritt auf dem Gebiet erlebt.

Gerade der Journalismus ist etwas, was man sich ohne Frauen gar nicht mehr vorstellen kann. Auch die Frage, die früher vielen erfolgreichen Frauen gestellt wurde. „Was sagt ihr Mann dazu?“, „Wie geht das mit Familie?“ – diese Frage wird heute nicht mehr so viel gestellt. Es sollte vielleicht aber in einem anderen Kontext thematisiert werden, weil es nach wie vor schwierig ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Natürlich sind die Vorurteile nicht weg. Ich glaube, die große Ablehnung, die in den USA Hillary Clinton entgegengebracht worden ist, hat in erster Linie damit zu tun, dass sie eine Frau ist.

 

Sie haben angesprochen, dass sich das Frauenbild trotzdem stark verändert hat. In welchen Bereichen sehen Sie das?

Wenn ich meine eigene Generation mit Ihrer vergleiche, dann glaube ich schon, dass junge Frauen heute viel selbstbewusster auftreten, ihre Rechte einfordern. Wir waren eigentlich noch froh und glücklich, wenn uns die Jungs haben mitspielen lassen. Für junge Frauen heute ist das kein Problem mehr. Trotzdem ist das Ganze natürlich immer noch ausbaufähig. In Führungspositionen zum Beispiel. Frauen bekommen noch immer weniger bezahlt, die schlecht bezahlten Berufe sind „Frauenberufe“, wichtige Politikerinnen müssen weiterhin mit großen Vorurteilen rechnen. Ausgestanden ist der Kampf sicher noch nicht, aber es hat sich schon sehr viel getan in den letzten Jahrzehnten.

 

In den 30er-Jahren hat es sehr viele wichtige Journalistinnen in Österreich gegeben, aber dann kam der Ständestaat und die Nazizeit und die Frauen mussten zurück an den Herd.
Barbara Coudenhove-Kalergi

 

 

Ein Thema, das gerade sehr aktuell ist, ist Hass im Netz – vor allem gegenüber Journalistinnen. Ist das etwas, das Sie persönlich kennen? Lesen Sie zum Beispiel die Postings unter Ihren Kolumnen?

Ich schau hinein, meistens sind es viele. Ich schaue die meisten aber nicht an – ich finde, so interessant sind sie nicht. Aber das gehört wahrscheinlich schon zur heutigen Medienlandschaft dazu, dass soziale Medien eine große Rolle spielen. Ich glaube, dass man ihnen eine zu große Bedeutung beimisst. Viele von den Leuten, die sich den ganzen Tag online über etwas aufregen, sind nicht die „Stimme des Volkes“, sondern die Stimme von ein paar mieselsüchtigen Leuten, die zu viel Zeit haben.

 

Um wieder zum Anfangsthema zurückzukommen: Was genau sind diese „österreichischen Werte“, die immer so hochgehalten werden?

Das Wort „österreichische Werte“ gebrauche ich nicht so gerne, weil da wird dann oft darunter verstanden, man muss die Berge lieben und ein Dirndl tragen, sowie ständig die rot-weiß-rote Fahne schwenken. Auch viele geborene, „gute“ Österreicher tun das nicht. Ich glaube, es würde genügen, wenn man von den Leuten verlangt, die bestehenden Gesetze einzuhalten. Aber das passiert ja auch so. Besondere Loyalitätsbezeugungen muss man von den Leuten nicht verlangen. Es gibt natürlich Probleme, auch mit dem Frauenbild, aber auch die werden übertrieben. Vor kurzem hatte ich in meinem Deutschkurs den Vorfall, dass ein junger Mann aus Afghanistan dasaß, der mir gesagt hat: „Den Kaffee bringen mir die Frauen.“ Und ich habe gesagt: „Ich fürchte, da kannst du lang warten. Komm, gehen wir in die Küche.“ Dann haben wir zwei Kaffee gekocht und den anderen serviert. Alle haben gelacht und er hat sich sichtlich gedacht: „Na gut, so ist es hier. Gut zu wissen.“ Dieses Problem ist also überwindbar.

 

Sie sind ja politisch sehr engagiert. Wann war der Zeitpunkt, von dem Sie sagen würden, dass Sie politisiert wurden?

Für meine Generation war es die Auseinandersetzung mit der Nazizeit. Ich bin in den 50er-Jahren in die Schule gegangen, da war die Nazizeit überhaupt kein Thema, Österreich war das arme Opfer, es hatte mit nichts Bösem etwas zu tun. Wir hatten auch nicht Deutsch in der Schule, sondern „Unterrichtssprache“, weil mit Deutschland haben wir ja auch überhaupt nichts zu tun gehabt. Viele alte Nazis haben natürlich nach wie vor große Positionen bekleidet. Das war für viele aus meiner Generation der Punkt, wo wir angefangen haben, uns für Politik zu interessieren.

 

Was würden Sie als Ihre persönlichen Werte – oder besser Ideale – bezeichnen, nach denen Sie leben?

Das, was für alle Leute das Erstrebenswerte ist: dass es soziale Gerechtigkeit gibt, dass Männer, Frauen, Arme und Reiche die Möglichkeit haben, ein menschenwürdiges Leben zu führen.

 

6 Fragen an Barbara Coudenhove-Kalergi


Was haben Sie von einer Frau in Ihrem Leben gelernt?

Ich habe von meiner Mutter gelernt, dass man in schwierigen Situation lieber was tun sollte als zu jammern.

Was kotzt Sie momentan an?

Hetze, Bösartigkeit und bewusste Lügen, wenn es um Migranten geht.

Was bedeutet Feminismus für Sie?

Dass man die selbstverständliche gleiche Würde der Frauen einfordert und anstrebt.

Welche Frage sollen sich Frauen in 30 Jahren nicht mehr stellen müssen?

Ob sie gleichzeitig Kinder haben und einen Beruf ausüben können.

Welches Ereignis hat Sie im vergangenen Jahr besonders bewegt?

Die sogenannte Flüchtlingskrise und die Art, wie sie einerseits gemeistert und andererseits nicht gemeistert wurde.

Warum würden Sie nicht mit Ihrer Großmutter tauschen wollen?

Meine Großmutter hatte ein weniger problematisches Leben als ich, aber sie hatte auch weniger Möglichkeiten, frei zu wählen. 

 

Zur Person

Barbara Coudenhove wurde 1932 in Prag geboren und lebt seit 1945 in Österreich. Sie schrieb schon für Neues Österreich, Die Presse, den Kurier und die Arbeiter-Zeitung. Derzeit ist sie als freie Journalistin vor allem für verschiedene tschechische und österreichische Zeitungen tätig. Der mehrfach ausgezeichneten Journalistin wurden auch politische Funktionen wie eine Kandidatur für das Amt der Bundespräsidentin angetragen, was sie aber ablehnte. Sie engagiert sich für MigrantInnen und mitbegründete etwa die Initiative „Land der Menschen“. 2013 erschienen ihre Erinnerungen unter dem Titel "Zuhause ist überall" im Zsolnay-Verlag.

 

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