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Leseprobe: So produziert unsere Gesellschaft Selbsthass bei Homosexuellen

von

Selbsthass gehört zu den inneren Konflikten, von welchen kein Mensch frei ist. Lesben, Schwule und Transmenschen durchleben solche Konflikte allerdings unter anderen Vorzeichen.

Patsy L'Amour laLove

JetztPatsy L'Amour laLove(Wienerin)

 

Was macht es mit einer Person, wenn sie und ihre Identität ihr Leben lang abgewertet werden, weil sie nicht der heterosexuellen Norm entsprechen? Mit dieser Frage beschäftigt sich der neue Sammelband "Selbsthass & Emanzipation", der im Berliner Querverlag erschienen ist. Herausgeberin Patsy l'Amour laLove hat darin Texte von Menschen zusammengefasst, die Einblicke auf den Selbsthass sexueller Minderheiten liefern – aus einer lesbischen, schwulen und trans* Perspektive.  

Wir veröffentlichen eine Leseprobe aus dem ersten Kapitel "Selbsthass & Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität" von Patsy l'Amour laLove. Darin geht es unter anderem darum, ob es möglich ist, sich von diesen gesellschaftlichen Zwängen zu befreien:

 

Überwindung und Emanzipation

Selbsthass gehört zu den inneren Konflikten, von welchen kein Mensch frei ist. Lesben, Schwule und Transmenschen durchleben solche Konflikte allerdings unter anderen Vorzeichen. Schließlich sind Begehren und Geschlecht nicht so ohne Weiteres abänderbar. Homosexuelle haben früh ein Bewusstsein dafür, dass das „Problem“ nicht bloß in ihrer Sexualität, sondern in ihrer homosexuellen Sexualität liegt. Dem gegenüber steht bei Problemen mit sexueller Scham im Falle von Heterosexuellen deren sexuelle Orientierung nicht im Vordergrund.

Homosexuelle haben dann dieses Thema zusätzlich zu bewältigen. Nicht etwa, weil Homosexualität an und für sich etwas Problematisches wäre, sondern weil sie durch den gesellschaftlichen Druck der heterosexuellen Normalität zu einem Problem wird. Selbsthass äußert sich nicht nur darin, dass sich jemand ganz bewusst hasst, so dass es von außen unmittelbar sichtbar wird, sondern sowohl in der Haltung dem Anderen gegenüber als auch in der – wenn auch nicht unbedingt intendierten – Verleugnung des eigenen Andersseins. Jeder Mensch ist mit den ihm eigenen unbewussten Konflikten konfrontiert.

Ebenso ist die Sexualität nicht ohne ihre konflikthaften Anteile zu denken.

Die Sexualwissenschaftlerin Sophinette Becker äußerte sich 2015 entsprechend in einem Interview: „Auch Heterosexualität ist nicht gesund. Sexuelle Lust ist nie ganz harmlos, Sexualität ist ein Konfliktfeld, es wird nie wie Essen und Trinken sein.“ (Simon 2015) Und allgemeiner fasst es Anna Freud 1946: „Das Ich des Menschen ist seinem Wesen nach überhaupt kein geeigneter Boden für ungestörte Triebbefriedigung.“ (Freud 1946: 46)

Der Selbsthass der Homosexuellen ist dennoch spezifisch,
da die einen „wegen ihrer Triebrichtung geächtet [sind] und […] in einem normativen Vakuum [leben], die anderen dagegen wissen, wie sie zu sein haben und daß es damit seine Richtigkeit hat.“ (Dannecker/Reiche 1974: 355) Das Verbotene oder als Verbot Empfundene, das also, was Scham, Schuldgefühl und Selbsthass auslösen kann, ist unabdingbarer Bestandteil von Sexualität und von Lust: „Ebenso wie die Kategorie Lust sich nur vermittelt über die Kategorie Unlust erschließt, ist das subjektive Erleben von Lust auf sein Negativ verwiesen, um fühlbar zu werden. Die nur mit sich selbst identische Lust ist keine. Sexuelle Lust ist von der Einschränkung, vom unlustbereitenden Verbot nicht zu trennen.“ (Dannecker 1987: 28)

Die Frage, die sich daraus ergibt, lautet dann, ob es möglich ist, die lebensgeschichtlich individuell und gesellschaftlich eingepflanzte Schamgrenze zu überwinden. Auf das Sexuelle bezogen, bedeutet eine solche Möglichkeit wiederum nicht, dass sich alles Konflikthafte in Wohlgefallen auflösen würde: „Sexualität haben können wir zwar nur dann, wenn es uns gelingt, das Verbot zu überlisten oder ihm zu trotzen. Wir können das Verbot jedoch nicht aus unserer Sexualität verbannen.“ (Ebd.)

Entsprechend kompliziert erscheint auch der Weg hin zur Emanzipation von Homosexuellen und Transmenschen. 

Zu aller Unterschiedlichkeit dieser Gruppen und ihrer Probleme durch die heterosexuelle Normalität tritt die Differenz der einzelnen Subjekte. Sind schon die sogenannten Normalen einander untereinander unnormal, wird der positive Selbstbezug für Homosexuelle und Transmenschen, die als auf eine ganz deutliche Art und Weise unnormal gelten, ungemein schwieriger.

Lässt man sich von der Scham, anders zu sein, da man zum Anderen gemacht wurde, bannen, ist keine Selbstermächtigung denkbar. Es ist auch ohne Verleugnung der widrigen gesellschaftlichen Umstände und der daraus zum Teil resultierenden Konflikte möglich, sich durch den bewussten Umgang mit Scham und Selbstablehnung die Möglichkeit einer Emanzipation zu eröffnen. Das bedeutet eben nicht, in einer spannungslosen, konfliktbefreiten Welt zu leben, sondern sich innerhalb dieser in seiner ganz spezifischen Differenz ausdrücken und präsentieren zu können.

Davon, ohne Angst verschieden sein zu können, kann in der vorherrschenden gesellschaftlichen Ordnung noch lange nicht die Rede sein.

Ein Schritt der Emanzipation ist es vor diesem Hintergrund zunächst, Projektionen als solche wahrzunehmen und die Herkunft ihres Gehalts in einem selbst anzuerkennen. Das würde mit ein schließen, sowohl das Verhältnis zum Anderen in der manifest anderen Person als auch in einem selbst zu reflektieren. Der
britische Psychoanalytiker Ronald Britton schließt seine klinische Studie Emanzipation und Über-Ich mit der Bemerkung: „Wo Über-Ich war, soll Ich werden.“ (Britton 2005: 25) Britton betont die Möglichkeit einer Selbstermächtigung des Ichs, insofern es nicht umhinkommt, die vom Über-Ich ausgehenden Gebote und Anforderungen zu bearbeiten, ihnen jedoch nicht ausgeliefert ist, sich von ihm also nicht bannen zu lassen
braucht: „Wir können nicht umhin, ein Gewissen zu haben, wir können das Über-Ich nicht abschaffen, aber wir sind darauf angewiesen, es auf seinen Platz zu verweisen. Und das heißt, ihm zu verwehren, der absolute Herrscher darüber zu sein, was real und was wahr ist.“ (Ebd.)

Das Urteilsvermögen darüber, ob ich mich, so wie ich bin, anerkennen kann, obliegt keiner äußerlichen Instanz, sondern mir selbst (vgl. ebd.: 13). Dass man nicht Herr im eigenen Haus ist, bedeutet nicht, deshalb nicht im Dachstuhl die Möbel umstellen zu können. Damit ist die Emanzipation des Subjekts nach Britton eine Zurechtweisung des Über-Ichs – ohne dessen unmögliche Abschaffung.

Der gesellschaftlich verankerten Stigmatisierung von Schwulen, Lesben und Transmenschen ist in der aktuellen
Situation nicht zu entkommen.

Sie plagt die Unnormalen, die zu Unnormalen gemacht wurden, zusätzlich im ohnehin konflikthaften Alltag. Die heterosexuelle Normalität und ihre Grausamkeit zu verleugnen, entspricht magischem Denken, was für manche schön klingen mag, am Ende aber eine Selbstverleugnung bedeutet. Schließlich könnte es theoretisch tatsächlich besser sein. Die Stigmatisierung der Unnormalen ergibt keinen Sinn außerhalb des normativen Wahns. Dem Ich-Ideal als Teil des Über-Ichs, das sich auch an normativen Maßstäben orientieren kann, muss man nicht zu entsprechen suchen.

Es ist möglich, die heterosexuelle Normalität zurechtzuweisen, auch wenn man sie nicht abschaffen kann. Insofern ist auch eine Emanzipation von ihr möglich, gerade dann, wenn Scham und Selbsthass bewusst gemacht und nicht verleugnet werden.

 

 

Alexander Heigl Foto: Alexander Heigl

Infos zum Sammelband:

Nicht nur Heterosexuelle betonen möglichst häufig, wie tolerant und liberal die Gesellschaft doch mittlerweile geworden sei – gerade in Bezug auf Schwule, Lesben und Transmenschen. Auch diesen ist die Normalität ein großes Anliegen, zu der es zu gehören scheint, dass alles, so wie es ist, in bester Ordnung sei. Die Feindseligkeit aber ist immer noch vorhanden. Am deutlichsten spürbar im Coming-out, das auch heute für die meisten ein Problem darstellt. So weit kann es also nicht her sein mit der Normalität der Anderen. Anderssein wird abgewertet, was sich nicht zuletzt auf die Anderen und ihren Umgang mit sich selbst auswirkt. In diesem Sammelband beschäftigen sich 17 Autoren*innen mit dieser Ablehnung und dem selbstbewussten Beharren auf dem Anderssein, anstatt eines Zurechtbiegens nach heterosexuellen Maßstäben. 

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