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Wenige Frauen: "Gerade in der Politik werden nicht die besten Köpfe gewählt"

von

Sexismus macht auch vor Politikerinnen nicht Halt. Warum Frauen in der Politik noch immer eine Seltenheit sind, fragten wir die Politik-und Medienanalytikerin Maria Pernegger.

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

 

Im österreichischen Parlament liegt der Frauenanteil aktuell bei 30%, auf Länderebene sieht die Bilanz noch schlechter aus und noch keine Frau hatte eine realistische Chance, österreichische Bundeskanzlerin zu werden. Woran liegt das?

Maria Pernegger: Frauen sind in der Politik, aber auch in anderen Positionen, wo es um Einfluss und Macht geht, stark unterrepräsentiert. Das liegt weniger an fehlenden Kompetenzen oder mangelnder Ausbildung der Frauen, im Gegenteil! Frauen haben in der formalen Bildung, die Männer längst überholt, das zeigt sich vor allem auch bei den akademischen Abschlüssen. In der Praxis finden sich dann Frauen aber gerade im politischen oder politiknahen Milieu nach wie vor oft im Hintergrund oder in endlosen  Weiterbildungsspiralen und kommen karrieretechnisch nur holprig voran – bevor sie dann irgendwann an der vielzitierten gläsernen Decke anstehen.

Ursache dafür ist eine Struktur, die Frauenkarrieren schlicht nicht begünstigt. Die einflussreichen Positionen in den Bünden, Gewerkschaften, Kammern,… sind fest in Männerhand – freiwillig werden hier Positionen an Frauen ungern abgegeben. Gerade in der Politik, zeigt die Praxis,  werden nicht zwangsweise die besten Köpfe gewählt. Einen Startvorteil haben jene, die auf stabile Netzwerke und Seilschaften zählen können. Hier werden Männer vielmehr gepusht. Politikkarrieren von Frauen sind auch im Jahr 2016 oft nur möglich, wenn diese einflussreiche Schirmherren haben.

 

Einen Startvorteil haben jene, die auf stabile Netzwerke und Seilschaften zählen können. Hier werden Männer vielmehr gepusht.
Maria Pernegger

Neben den Rahmenbedingungen ist es aber mit Sicherheit zum Teil nach wie vor auch die gesellschaftliche Akzeptanz, die fehlt. Frauen in der Spitzenpolitik bekommen oft nicht den Rückhalt, weil mächtige Frauen schlicht nicht in das gesellschaftliche Frauenbild passen. Gewisse Politikbereiche werden zwar eher von Frauen besetzt – etwa Gesundheits- oder Sozialressorts und Bildungs- und Familienpolitik – auch hier spiegeln sich also Stereotype wider.

Dass Frauen die Geschicke einer ganzen Regierung lenken (als Bundeskanzlerin) – oder etwa als Bundespräsidentin ein Land nach außen vertreten, dafür reicht der politische und gesellschaftliche Rückhalt nur sehr selten. Offensichtlich ist Österreich hier noch nicht so weit.

 

Welche Rolle spielen da die Medien?

Medien wirken auf unterschiedlichsten Eben und haben großen Einfluss auf Meinungs- und Bewusstseinsbild. Aber auch auf die Vorstellung darüber, wie eine Gesellschaft funktioniert oder was als „normal“ empfunden wird. Und das ist einer der Knackpunkte – viele Medien reproduzieren durch die Art der Berichterstattung selbst Rollenklischees am laufenden Band.

Frauen werden im medialen Kontext signifikant anders dargestellt als Männer. Das zeigt sich etwa im Film, wo Frauen nach wie vor weniger Sprechrollen bekommen, selten Führungspositionen spielen und dafür öfter nackt inszeniert werden als Männer (int. Untersuchung des Geena Davis Institute), aber auch in den klassischen Tageszeitungen. Bei Text- und Bildpräsenz liegen in den reichweitenstärksten Tageszeitungen in Österreich die Frauen weit abgeschlagen hinter den Männern. Vor allem in jenen Bereichen, die gemeinhin mit Macht und Geld verbunden sind, wie Politik, Wirtschaft, Justiz oder der Finanz- und Bankenwirtschaft. Überall hier sind Frauen kaum präsent. Zum einen, weil diese Bereiche nach wie vor als Männerdomänen gelten, zum anderen, weil in vielen Medien den immer gleichen Wirtschaftsbossen, CEOs und Politikern mehr Raum zugestanden wird als ihren Kolleginnen. Das zeigt sich besonders stark im Wirtschaftsbereich, wo in Österreich immerhin ca. 45% der Start-ups von Frauen geführt werden und viele Unternehmen eine Chefin haben. Gleichzeitig werden die Wirtschaftsseiten in Zeitungen zu ca. 90% mit Männern „befüllt“. Hier wird ein verzerrtes Bild der Realität dargestellt. Ähnlich sieht es in der Politik aus. Die weiblichen Regierungsmitglieder kommen auf eine viel geringere Medienpräsenz als die männlichen Regierungsmitglieder.

Frauen werden zudem bildlich anders in Szene gesetzt – und Bilder wirken besonders stark. Während Männer überwiegend als stark, politisch einflussreich und wirtschaftsaffin (aber auch kriminell) inszeniert werden, werden Frauen überwiegend nackt (Pin-Up-Fotos), schön, gesundheitsbewusst und sozial engagiert dargestellt. Es ist keine Seltenheit, dass Frauen nur für Produktpräsentationen oder die Zurschaustellung ihrer Körper abgebildet werden.

Wissend, wie Medien wirken, ist das sehr bedenklich. Die mediale Inszenierung beeinflusst das Frauenbild einer Gesellschaft – und damit auch die Möglichkeiten der Frauen.

 

Wie fällt das mediale Urteil über Politikerinnen aus – wie werden sie repräsentiert, vor allem im Unterschied zu Männern?

Politiker nehmen wesentlich mehr Raum in der medialen Debatte ein als Politikerinnen. In der Regel erreichen ParteichefInnen eine höhere Präsenz als andere PolitikerInnen – hier sind die Frauen schon deshalb klar im Nachteil, weil sich in Österreich mit Eva Glawischnig nur eine Parteichefin findet. Zudem lässt sich mit den Ressorts Wirtschaft, Finanzen, Asyl- und Integrationspolitik (allesamt Ressorts, die von Männern geleitet werden) ganz allgemein und aufgrund der aktuellen Asylkrise derzeit besser und lauter brüllen als mit Gesundheits-, Frauen-, Familienpolitik oder dem Bildungsbereich.

Noch verschärfter ist die Situation auf Länderebene, wo es nur männliche Landeshauptleute gibt oder auch in Oberösterreich, wo bis vor kurzem nur Männer in der Regierung saßen. Männliche Spitzenpolitiker besetzen häufiger jene Bereiche, auf die Medien besonders reflektieren.

Ein weiterer Unterschied zur medialen Beurteilung von PolitikerInnen: Politikerinnen werden wesentlich häufiger auf Nebensächlichkeiten reduziert (Kleidungsstil, Familienstand, Kinderlosigkeit, Vereinbarkeit Familie – Karriere,…) - das ist insbesondere im Wahlkampf ein Dauerthema.

 

Die weiblichen Regierungsmitglieder kommen auf eine viel geringere Medienpräsenz als die männlichen Regierungsmitglieder.
Maria Pernegger

Was muss geschehen, damit sich das in Zukunft ändert?

Debatten über den geringen Frauenanteil in der Politik gibt es seit Jahrzehnten. Die Frauenquote stagniert seit vielen Jahren, und ist aktuell sogar rückläufig. Regelmäßig sprechen sich VertreterInnen fast aller Parteien (Ausnahme FPÖ) dafür aus, Frauen in der Politik verstärkt fördern zu wollen. Der Haken daran, es fehlt an einer beherzten Umsetzung – es wird in diesen Bereich kaum Energie gesteckt. Frauenförderung muss bereits auf den unteren Ebenen beginnen, damit diese Frauen entsprechend auf die Spitzenpolitik vorbereitet werden können. Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass es zu wenig ist, bei der Erhöhung des Frauenanteils in der Politik auf Freiwilligkeit zu setzen. Es braucht erst einmal eine gesetzliche Frauenquote, damit sich dieses eingefahrene System nachhaltig verändern kann. 

Was die Rolle der Medien betrifft, muss bei der Bewusstseinsbildung in den Redaktionen angesetzt werden. Es ist leider Tatsache, dass feministische Inhalte für Medien oft unattraktiv sind. Frauenpolitische Inhalte bleiben häufig Randnotizen oder füllen Sommerlöcher. Zudem ist auch die Medienbranche eine Männerbranche. In Österreich gibt es nur sehr wenige Chefredakteurinnen, was mit ein Grund dafür sein kann, dass „Frauenthemen“ und Frauenpolitik zu kurz kommen. Gleichzeitig braucht es Sanktionen, wenn Medien tatsächlich sexistisch oder frauenverachtend berichten. So macht etwa die Kronen-Zeitung aktuell für ihr E-Paper Werbung, indem sie das tägliche Nacktmodel im Auslandsteil über die App im 360-Grad Modus zum Ansehen „anbietet“. Hier sollte reagiert werden.

 

Maria Pernegger
Studium an der Johannes Kepler Universität Linz (Wirtschaft und Pädagogik). Nach dem Abschluss kurzer Abstecher ins Marketing. Ab 2010 als Medien- und Politikanalytikerin bei MediaAffairs tätig. Seit 2011 Studienleiterin diverser Forschungsprojekte – vor allem im gesellschaftspolitischen Kontext. Ab 2013 Bereichsleiterin der Medienanalyse bei MediaAffairs. Leiterin und Autorin von „Frauenpolitik und Medien in Österreich“ – der ersten bundesweiten Studie, welche sich mit der Präsenz von Frauen, der Relevanz von Frauenpolitik im gesamtpolitischen Kontext und dem medialen Einfluss auf frauenpolitische Entwicklungen auseinandersetzt.

 

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