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Interview: Kussyk: "Wieso sollten Frauen jemals eine Vergewaltigung erfinden?"

von

Ursula Kussyk vom Verein Notruf, der seit 1982 von sexueller Gewalt betroffene Frauen und Mädchen berät, im Gespräch über Vergewaltigungsmythen, Betroffene und absurde Ausreden der Männer.

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

 

Sieht man sich die Verurteilungsrate bei Vergewaltigungen an, zeigt sich, wie tief verankert das Problem in unserer Gesellschaft ist. Weniger als 2% der sexuellen Gewalttäter werden vor Gericht zitiert, weniger als 1% der Täter erhalten eine unbedingte Freiheitsstrafe (Breiter, 1995). In Österreich wird nicht einmal eine von zehn Vergewaltigungen zur Anzeige gebracht und nicht einmal jede 5. Anklage führt zu einer Verurteilung (Kelly/Seith 2009)*. Wir sprachen mit der Diplomierten Sozialarbeiterin Ursula Kussyk, die seit 1982 von sexueller Gewalt betroffene Frauen und Mädchen berät und seit 1991 im Verein Verein Notruf.Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen tätig ist, über die neuesten Zahlen der Strafjustiz und noch immer existierende Vergewaltigungsmythen.

 

Frau Kussyk, diese Woche ist der Tätigkeitsbericht der Strafjustiz für 2015 erschienen. Demnach sind die Schuldsprüche wegen Vergewaltigungen rückläufig. Wie beurteilen Sie diese Zahlen?

URSULA KUSSYK: Es ist ein Auf und Ab. Wir kritisieren, dass es in den meisten Verfahren, die wir begleiten, nicht einmal zu einer Hauptverhandlung kommt. Fast alle Verfahren werden eingestellt. Ein Freispruch ist genauso selten wie eine Verurteilung, weil wir zu keiner Hauptverhandlung kommen.

 

Wie läuft das Verfahren ab?

Meistens so, dass die Frau sehr intensiv einvernommen wird. Der mutmaßliche Täter wird oft gar nicht einvernommen, der muss ja nicht oder nur ganz kurz. Dann sagt er: „Es war freiwillig und es stimmt nicht, was sie sagt.“ Dann wird entweder eingestellt – wie in den meisten Fällen – oder es kommt zu einer gerichtlichen Einvernahme der Frau, wo sie noch einmal intensiv befragt wird, und dann wird eingestellt. Es steht Aussage gegen Aussage, die Staatsanwaltschaft mutmaßt, dass es nicht so große Chancen auf eine Verurteilung geben wird und deshalb wird eingestellt. Wir finden, dass öfter Fälle vor Gericht verhandelt werden müssten, weil die Beurteilung solcher Vorkommnisse eigentlich den Gerichten obliegt.

 

Welche Folgen hat das für die Frauen?

Die Auswirkungen sind fatal für unsere Klientinnen, weil sie dann sagen: „Eine Anzeige bringt überhaupt nichts, ich zeige nie wieder an. Außer dass ich stundenlang befragt wurde, ist nichts passiert. Wozu das Ganze?“ Manche dieser Frauen bekommen dann von der Staatsanwaltschaft sogar eine Anzeige wegen Verleumdung oder Falschaussage und verlieren das Vertrauen in den Rechtsstaat vollends. Also nicht der mutmaßliche Täter zeigt die Frauen an, sondern die Staatsanwaltschaft, die das Verfahren eingestellt hat.

 

Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand in Österreich denkt: „Eine Anzeige wegen sexueller Gewalt ist eine gmahde Wiesn und damit kann ich jemandem jetzt wirklich eins auswischen!“
Ursula Kussyk

 

 

Was bringt ihnen das?

Weiß ich nicht. Es gibt Untersuchungen über Gerichtspersonal und wie sehr sie an Vergewaltigungsmythen glauben. Es schwirren ja immer irre Zahlen durch die Medien, wonach 30 oder sogar 60 Prozent der Frauen sexuelle Gewalterfahrungen erfinden würden. Das ist absurd. Ich will nicht sagen, dass das nicht vorkommt, aber der Prozentsatz liegt wie bei anderen Straftaten in etwa bei drei oder vier Prozent. Wieso sollte sich das eine Frau jemals antun? Weil die Erfolgschancen so vielversprechend sind?

 

Hatten Sie mit Frauen zu tun, die Vergewaltigungen erfunden haben?

Ja, aber das waren fast ausschließlich psychisch schwer beeinträchtigte Klientinnen. Die waren auch selbst überzeugt davon, dass ihnen das passiert ist. Sie wollten niemandem eins „auswischen“, sondern haben es tatsächlich geglaubt. Ansonsten ist eine Anzeige wegen sexueller Gewalt sehr belastend und sehr unangenehm. Wenn man fremden Menschen über derart intime Handlungen Rede und Antwort stehen muss, ist das enorm fordernd. Und wenn wir uns die Zahl der Einstellungen und Verurteilungen ansehen, auch wenig erfolgsversprechend. Ich glaube nicht, dass sich irgendjemand in Österreich denkt: „Eine Anzeige wegen sexueller Gewalt ist eine gmahde Wiesn und damit kann ich jemandem jetzt wirklich eins auswischen!“ Das sicher nicht.

 

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Polizei?

Die Arbeit der Polizei ist nicht schlecht, aber sie kann ja nicht nur von sich aus etwas tun. Die Frage ist, wie es weitergeht. Findet die Staatsanwaltschaft es noch wert, zu ermitteln, oder sagt sie: ,Wird eh nix, lassen wir’s bleiben‘. Es geht nicht darum, möglichst viele Männer wegen sexueller Gewalt zu verurteilen – aber was wir gerne hätten, ist, dass jede Frau das Gefühl hat, dass alles versucht wurde, im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten, um den Sachverhalt zu klären.

 

Wann stehen die Chancen denn „gut“, wann werden die Frauen tatsächlich ernst genommen?

Bei schwersten Verletzungen, die über Blutergüsse, Kratzer oder kleine Bisswunden hinausgehen. Oder die eindeutig Abwehrverletzungen sind. Kleine Einrisse am After oder der Vagina oder ein paar blaue Flecken heißen einmal nichts – weil das kann ja auch ganz „leidenschaftlicher Sex“ gewesen sein, wie die Männer dann oft argumentieren. Sogar bei Würgemalen und Fesselungen hat schon ein Täter behauptet, die Frau steht auf sadomasochistische Praktiken. Die Chancen stehen auch gut, wenn mehrere Frauen von einem Täter bedrängt und belästigt werden. So wie der aktuelle Fall eines 23 Jahre alten mutmaßlichen Vergewaltigers, bei dem schon zehn Opfer bekannt sind. Nächste Woche fangen die Hauptverhandlungen an.

 

Haben Sie das Gefühl, dass Fälle ernster genommen werden, wenn der Täter Migrationshintergrund hat?

Nein, nicht wirklich. Wenn er einschlägig vorbestraft ist – aber das gilt für alle – wird es natürlich ernster genommen. Es gibt sicher Vorurteile gegen Migranten, aber auch hier haben wir Einstellungen.  

 

Sogar bei Würgemalen und Fesselungen hat schon ein Täter behauptet, die Frau steht auf sadomasochistische Praktiken.
Ursula Kussyk

 

Seit 1.1.2016 ist die Sexualstrafrechtsreform in Kraft – gibt es seither mehr Anzeigen?

Nein. In der Bevölkerung ist das nicht so durchgedrungen, was sich hier wirklich geändert hat. Der neue Paragraf § 205a im Strafgesetzbuch zur Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung ist zwar in den Medien gewesen, aber es wird zu wenig eingängig dargestellt. Die wenigsten Frauen wissen überhaupt, was sie anzeigen könnte. Wo sie bessere Chancen haben als vorher. Da bedarf es mehr Öffentlichkeitsarbeit, dass das ins Bewusstsein dringt. Die meisten Anzeigen sind nicht so gut überlegt – die Frauen sind geschockt, sie gehen zur Polizei, erzählen das dort und die Polizei schreibt einen Paragrafen hin. Vergewaltigung ist nicht gleich Nötigung und so weiter: die Frauen kennen ja die Gesetzeslage nicht. Oder sie werden überredet von jemandem, der das sicherlich gut meint.

 

Haben Sie konkrete Hilfestellungen?

In vielen Fällen ist es sicher richtig, die Polizei sofort zu kontaktieren. Wenn sie sich in Sicherheit bringen kann und nicht schwer verletzt ist, wäre eine Beratung vor der Anzeige sinnvoll. Für viele Frauen hat es massive negative Konsequenzen auf ihr Leben, wenn sie etwa jemanden aus dem Bekanntenkreis anzeigen. Ein Teil des Freundeskreises geht  verloren, der Arbeitsplatz geht vielleicht verloren, ein eventueller Umzug steht an – all das verändert sich. Das Umfeld meint vielleicht sogar: „Der ist ja gar nicht so, wie kann sie den nur beschuldigen?“ Die Frauen fühlen sich dann leider verantwortlich für diese Konflikte, die daraus entstehen. Wir bieten: Kostenlose, vertrauliche auf Wunsch anonyme Beratung sowie kostenlose psychosoziale und juristische Prozessbegleitung durch das ganze Strafverfahren.

 

Sexismus ist ein Teil unserer Kultur und da brauchen wir jetzt nicht mit dem Finger auf andere zeigen.
Ursula Kussyk


 

Wie beurteilen Sie den Diskurs über Flüchtlinge, die „unsere Frauen“ in Gefahr bringen?

Schrecklich. Das wird natürlich völlig unreflektiert geführt. Es ist schon klar, dass Menschen, die aus einem noch patriarchaleren System als dem unseren kommen, wo es zugeht wie zu Zeiten meiner Großmutter, dass da natürlich sexuelle Übergriffe befördert werden. Das war ja bei uns auch so. Aber Sexismus gehört nach wie vor zu unserer Kultur, auch wenn sich bereits viel getan hat. Sexismus ist nicht verschwunden. Das ist ein Teil unserer Kultur und da brauchen wir jetzt nicht mit dem Finger auf andere zeigen. Wir müssen uns hinter die Ohren schreiben: wenn wir nicht immer wieder für unsere Rechte kämpfen, können sie auch bei uns in ein paar Jahrzehnten weg sein. Das ist nichts, was man einmal errungen hat und die Gesellschaft hat sich daraufhin komplett verändert, plötzlich sind alle antirassistisch und antisexistisch. So ist es ja nicht. Es ist ein ständiger Kampf. Und das sollten wir immer mitbedenken, bevor wir leichtfertig über andere urteilen und alle in einen Topf werfen. Wir blicken auch nicht auf Jahrhunderte der Gleichberechtigung zurück.

 

Hat sich irgendetwas zum Positiven verändert in den letzten 20 Jahren?

Die Polizei hat sich verändert, und die öffentliche Wahrnehmung auch. Obwohl es immer noch Mythen gibt, obwohl sich die Frauen noch immer schuldig fühlen und schämen – früher wurden sexuelle Übergriffe gar nicht als solche gesehen. Da war es einfach „nur Spaß“, einer Frau auf den Oberschenkel zu greifen und auf den Hintern zu hauen. Da war das Bewusstsein anders, heute ist zumindest klar: das ist ein Übergriff.

 

Zur Person

Ursula Kussyk ist Diplomierte Sozialarbeiterin und seit 1991 im Verein Notruf. Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen tätig. Der gemeinnützige Wiener Verein Notruf. Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen hat sich zum Ziel gesetzt, sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu enttabuisieren und den Opfern umfassende professionelle Unterstützung und Begleitung bei der Bearbeitung und Bewältigung des Erlebten anzubieten. Der Verein fördert Strategien gegen Gewalt und setzt Initiativen, um diese Strategien weiter zu entwickeln. http://frauenberatung.at/

 

*Quellen:

Kelly, Liz; Seith, Corinna (2009): Different systems, similar outcomes. Tracking attrition in reported rape cases in 11 countries. Europäische Projektstudie

Breiter, Marion (1995): Vergewaltigung. Ein Verbrechen ohne Folgen?. Wien. Verlag für Gesellschaftskritik

 

Kommentare

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1 Kommentare
Gast: Leser_In
10.05.2017 16:57

Österreich, Schweden ...

Vielem im Artikel kann ich zustimmen, jedoch nicht allem. In Schweden wird bei einem Vergewaltigungsvorwurf davon ausgegangen, dass die Frau die "Wahrheit sagt" und der Beschuldigte muss erst mal seine Unschuld beweisen. Je nachdem wie lange es bis zur Einvernahme oder Gerichtsverhandlung dauert kann dies schwierig bis unmöglich werden. In Österreich gilt grundsätzlich "in dubio pro reo". Wenn Aussage gegen Aussage steht dann geht es nun mal um die Glaubwürdigkeit. Wird dahingehend immer richtig entschieden? Nein, aber das jetzige System fußt darauf.

Bezüglich der angesprochenen Ausreden von Männern: Ja, natürlich gibt es Männer, die argumentieren, dass die Frau es so wollte obwohl sie es eben nicht wollte. Das ist natürlich zu verurteilen! Jedoch gibt es auch Frauen, die Anschuldigungen vorbringen, die rein erfunden sind.

Das kann sogar soweit führen, dass beide Seiten vorab nicht nur besprechen was sie bereit sind zu tun und auch was nicht sondern dies sogar aufnehmen, um sich abzusichern.

Ein Paradigmenwechsel bestünde darin jede Anklage zu verhandeln - denn vor Gericht zu gehen kostet viel Kraft, Zeit und auch Geld. Das würde vielleicht die schwarzen Schafe - erfundene Fälle - (stark) reduzieren.
Des Weiteren sollte man sich auch mal das Strafmaß ansehen. Wenn Vergewaltiger höhere Mindeststrafen zu erwarten haben hilft dies in Kombination mit mehr Aufklärung und breiten Bewusstseinskampagnen vielleicht endlich mal um längerfristig die Lage der Frauen zu verbessern!