< Zur Mobilversion wechseln >

Gina-Lisa Lohfink: Wie aus einem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer eine Täterin gemacht wird

von

Die Berichterstattung nach dem Vergewaltigungsprozess von Gina-Lisa Lohfink ist respektlos und ein Paradebeispiel dafür, wie aus Opfern Täterinnen gemacht werden.

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

 

Vieles, was derzeit über Gina-Lisa Lohfink geschrieben wird, macht sprachlos. "Sie hat sich die Brüste vergrößern und die Lippen aufspritzen lassen. Kann man einer wie ihr die Rolle als argloses Opfer tatsächlich abkaufen?", fragt sich ein Artikel in der "Welt". "Ist sie Opfer einer Vergewaltigung oder spielt sie den Männern übel mit?", ist in der "Augsburger Allgemeine" über das Model zu lesen. Aus einer Vergewaltigung wird ein "Sex-Video-Skandal" gemacht, aus einem Missbrauchsopfer ein "berechnendes Promiluder".

Das Video einer Vergewaltigung - und warum dem Opfer nicht geglaubt wird


Hintergrund ist ein zermürbender Prozess, der einmal mehr aufzeigt, wie weit Täter-Opfer-Umkehr gehen kann. 2012 tauchte ein Video in drei Teilen auf, in dem Gina-Lisa Lohfink mit zwei Männern beim Geschlechtsverkehr zu sehen ist. Die beiden Männer wollten das Video für 100.000 Euro an ein Boulevard-Blatt verscherbeln. Lohfink ist in dem Video sichtlich abwesend und sagt immer wieder benommen: "Hört auf!" Es folgte eine Anzeige wegen mutmaßlicher Vergewaltigung unter Einfluss von K.O.-Tropfen - und ein unglaubliches Urteil.

 

Ein Gericht hatte damals entschieden, dass Lohfink sich einer Falschaussage schuldig gemacht hatte und die Männer freigesprochen. Gina-Lisa Lohfink musste 24.000 Euro Strafe zahlen.

 

Jetzt wurde der Prozess in einem Gericht in Berlin wieder aufgegriffen, da Lohfink Berufung eingelegt hatte. Der erste Prozesstag, der letzte Woche stattfand, war für Gina-Lisa Lohfink aber vor allem eins: eine erneute Demütigung. Da der Prozess öffentlich war, befanden sich mehrere Zivilisten unter den Zuschauern. Drei junge Männer hätten gleich zu Beginn gerufen, dass sie ein Sextape anzubieten hätten. Daraufhin seien sie des Saales verwiesen worden. Anschließend hätten sie laut gerufen, Gina-Lisa sei eine H*re. Diese sei daraufhin unter Tränen zusammengebrochen und auf die Toilette geflohen.

Das Aussehen der Opfer hat rein gar nichts damit zu tun, ob sie ernst genommen werden sollten


Doch statt darüber zu berichten, dass es leider noch immer Realität ist, dass Vergewaltigungen in den meisten Fällen ohne Strafe für die Täter enden und dass Opfern nicht geglaubt wird, wird eines gemacht: Frauen wie Gina-Lisa Lohfink, die ihre intimen Traumata noch einmal - und derart öffentlich - durchleben müssen, werden von den Medien bloßgestellt.

 

Ausführlichst wird derzeit in diversen Zeitungen beschrieben, wie viele Schönheits-OPs Gina-Lisa bereits hatte, wie "hoch geschlossen" sie vor Gericht gekleidet war, mit wie vielen Männern sie bereits Sex hatte, wie freizügig sie sich sonst kleidet. Dabei ist es einfach absolut GLEICHGÜLTIG, wie sich eine Frau kleidet, mit welchen Männern sie schläft, welche berufliche Tätigkeit sie ausübt und ob sie Silikonbrüste hat oder nicht: wenn sie sagt, dass sie Opfer einer Vergewaltigung wurde, dann muss sie gehört werden. Punkt.

Vergewaltigung ist kein "Sex-Skandal"


Schließlich gibt es genügend Fakten - zusätzlich zum Videobeweis (!) und der Aussage des Opfers natürlich - die in diesem Fall tatsächlich von Bedeutung sind: von 2001 bis 2012 wurden jährlich etwa 8000 Vergewaltigungen in Deutschland angezeigt. Durchschnittlich wurden etwa 1300 Anklagen erhoben. Die meisten Anzeigen enden mit der Einstellung des Verfahrens. In den elf Jahren gab es weniger als 1000 Verurteilungen (Zahlen des Bundesverbands der Frauenberatungsstellen). Weniger als jede zehnte Anklage kommt also zur Verurteilung.

 

Das deutsche Sexualstrafrecht weist immer noch eklatante Lücken auf. Immer noch reicht ein verbal ausgesprochenes: „Nein!“ nicht aus, um eine Vergewaltigung auch juristisch als eben diese behandeln zu können.

 

Und genau wegen solcher Missstände ist es wichtig, dass Frauen geglaubt wird. Dass Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Dass ein für allemal klar ist: eine Vergewaltigung ist kein "Sex-Skandal", eine Vergewaltigung ist kein Grund, Frauen öffentlich bloßzustellen und eine Vergewaltigung ist nichts, womit wir leichtfertig umgehen sollten.

 

 

Jene Frauen, die den Mut haben, öffentlich gegen ihre mutmaßlichen Täter auszusprechen, haben großen Respekt verdient. Und dazu gehört eben auch eine würdevolle Berichterstattung. Schließlich und leider ist Gina-Lisa Lohfink bei weitem nicht die einzige Frau, die zum mutmaßlichen Opfer wurde. Und für all jene, die sich nicht vor Gericht trauen, hat eine derartige Berichterstattung und Urteilsverkündung wie im Falle Gina-Lisa Lohfinks fatale Folgen und bloß eine Botschaft: einfach weiter zu schweigen. Also hören wir endlich damit auf, die Opfer bloßzustellen und fangen damit an, sexuelle Gewalt gegen Frauen auch wirklich als das zu behandeln, was sie ist: eine schreckliche Straftat.

 

Frauenhelpline gegen Gewalt (in Österreich)

Anonym. Kostenlos. Rund um die Uhr:

0800/222 555

 

 

Kommentare

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen