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Muttertag: Warum es schwierig ist, in Österreich Mutter zu sein

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Warum der Muttertag auch ein Tag sein sollte, um über die echten Probleme von Müttern zu reden, verrät Jana Zuckerhut von der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende.

JetztJelena Gučanin(Wienerin)

 

Der Muttertag ist nicht nur ein Grund, um zu feiern. Er ist auch ein Grund, um hinter die Fassade zu blicken und sich die Schattenseiten des Mutterseins anzusehen. Eine davon ist: Armut. Wir sprachen mit Jana Zuckerhut von der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende über die wahren Probleme, denen sich Mütter in Österreich derzeit stellen müssen und was wir dagegen tun können.

 

Heute ist Muttertag. Ist das aus Ihrer Sicht ein Grund zum Feiern oder gibt es andere Probleme, über die wir sprechen sollten?

JANA ZUCKERHUT: Das ist eine gute Frage. Grundsätzlich denke ich mir, es ist schön, dass wir Mütter sein können und dürfen. Insofern ist es schon ein Tag zum Feiern, aber natürlich gibt es viele Gründe, warum es schwierig ist, in unserer Gesellschaft Mutter zu sein. Die größten Herausforderungen drehen sich um die finanziellen Ressourcen und eine weitere ist bestimmt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das hängt eigentlich alles sehr eng miteinander zusammen. Mütter haben ein erhöhtes Armutsrisiko – Alleinerziehende besonders. Bei Alleinerziehenden liegt die Armutsgefährdung bei 42 Prozent. Und Alleinerziehende sind zu 93 Prozent Mütter.

 

Was sind die Gründe dafür, dass fast ausschließlich Frauen davon betroffen sind?

Generell ist es so, dass Frauen eher von Armut betroffen sind – nicht nur Alleinerziehende. Das hat ganz viel damit zu tun, wie die Familienstrukturen aussehen: das traditionelle Familienbild – die Mütter bleiben zuhause und arbeiten nachher in Teilzeit – trägt hier viel dazu bei. Außerdem ist der Gender Pay Gap schuld, die Einkommen sind geringer als bei Männern. Auch die hohe Teilzeitquote führt zu einem erhöhten Armutsrisiko. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, fehlende Kinderbetreuungsmöglichkeiten – vor allem am Land. Da ist es fast unmöglich, arbeiten zu gehen oder ausreichend arbeiten zu gehen.

 

Das traditionelle Familienbild trägt viel zur Armut von Frauen bei.
Jana Zuckerhut

 

 

Wie sieht es beim Thema Unterhaltszahlungen aus?

Auch das ist ein großer Risikofaktor. Wir haben vor einigen Jahren eine Umfrage gemacht, bei der herausgekommen ist, dass 51 Prozent der Betroffenen eine Auszahlung unterhalb der festgelegten Höhe erhalten. Es gibt in Österreich in Sachen Unterhalt eine einzigartige Regelung – den Paragrafen 19, der besagt, dass wenn der Antragssteller – meistens der Vater – eine Unterhaltsminderung einfordert und es wird gerade vom Staat ein Unterhaltsvorschuss geleistet, dann wird nur noch in der Höhe ausbezahlt, von der der Vater sagt, dass er sie leisten kann. Das heißt aber nicht, dass er wirklich nur so wenig zahlen kann. Es obliegt nur dem Vater zu sagen, wie viel er zahlen könnte. Er muss es zwar im Nachhinein wieder retournieren, wenn das Gegenteil festgestellt wird – aber das Problem ist, dass die betroffenen Familien in dieser Zeit mit viel weniger auskommen müssen. Und man kann das nicht nur einmal machen, sondern immer und immer wieder – wodurch dann jahrelang keine normale Unterhaltszahlung passiert. Ebenso ein Problem ist, dass die Familienbeihilfe anteilig angerechnet wird, bei Doppelresidenz – und zwar den Vätern. Der, der das höhere Einkommen hat, bekommt mehr Familienbeihilfe. Wenn das Kind 30 Prozent beim Vater ist und der Vater verdient mehr, dann bekommt er mehr Familienbeihilfe. Solche Dinge spielen mit, warum speziell Alleinerziehende sehr schnell in die Armutsfalle tappen.

 

Wie sieht denn die Lebensrealität alleinerziehender Frauen aus?

Der Alltag ist stressig. Frauen, gerade Alleinerziehende, haben ein wesentlich erhöhtes Burn-Out-Risiko. Ein sehr großer Teil der Alleinerziehenden geht Vollzeit arbeiten. Die müssen schauen, dass sie irgendwie an eine Kinderbetreuung kommen. Wann immer sie ausfällt, wird es sehr schwierig. Nachmittagsbetreuung, Nachhilfe und sonstige Aufwände für die Schule bleiben meistens an den Müttern hängen. Es ist viel Hetzerei, würde ich sagen. Es tut sich schon was, es gibt schon mehr Väterbeteiligung – aber es ist noch lange nicht ausgeglichen. Jetzt gibt es das Kinderbetreuungsgeldkonto, da sind die Anreize, dass die Väter in Karenz gehen, nicht sehr groß. Hinderlich wirkt, dass die 700€ Familienzeitbonus dem Vater bei seiner Karenz (wenn er sie in Anspruch nimmt) abgezogen werden und damit das Einkommen der Väter in dieser Zeit gemindert wird. Wenn man weiß, dass das höhere Einkommen der Väter ein wesentlicher Grund ist, warum Väter nicht in Karenz gehen, macht das schon etwas aus.

 

Speziell Alleinerziehende tappen sehr schnell in die Armutsfalle.
Jana Zuckerhut

 

 

Hinkt da Österreich besonders nach?

Ja. In der Statistik sind wir sehr weit hinten. Kürzlich erschien der „Trend-Report“ und die Studienautorin hat einen Messungsgrad für das ideale Modell festgelegt: den „Equal Gender Division of Label“-Indikator (EGDL). Da geht es darum, wie sich die Betreuungsarbeit aufteilt. Da ist Österreich europaweit an viertletzter Stelle. Österreich ist sehr konservativ.

 

Sehen Sie positive Entwicklungen in den letzten zehn Jahren?

Väterbeteiligung ist zumindest ein Thema geworden, auch im Familienministerium. Man nimmt es wahr. Ich persönlich sehe mehr Väter am Spielplatz – aber die Frage ist, wo und wie sie sich einbringen. Sind die Papas nur am Spielplatz oder bringen sie sich auch in die Hausarbeit ein? Grundsätzlich ist es gesellschaftlich ein stärkeres Thema geworden und man hat den Eindruck, dass sich die Väter mehr einbringen wollen. Aber auf statistische Daten könnte ich das jetzt nicht zurückverfolgen. Weil etwa die Beanspruchung von Väterkarenz noch immer lächerlich gering ist.

 

Welche, auch staatlichen Maßnahmen, müssen getroffen werden, um der Frauenarmut und vor allem jener der Alleinerziehenden entgegen zu wirken?

Erstens: Anhebung der Mindestlöhne. Zweitens: Eine Kindergrundsicherung – eine stark erhöhte Familienbeihilfe, die eine Bündelung sämtlicher geldbezogener Familienleistungen beinhaltet, exklusive Kinderbetreuungsgeld. Das sind die zwei wichtigsten Punkte. Wenn die Kindergrundsicherung nicht möglich ist, ist auf jeden Fall eine Sicherung des Unterhalts notwendig. Grundsätzlich muss Unterhalt ausgezahlt werden – wenn der Vater es nicht leisten kann, dann der Staat. Und zwar mindesten im Regelbedarf – und selbst die Regelbedarfssätze stammen aus den 60er-Jahren. Auch das müsste geändert werden. Generell ist es so, dass man dafür sorgen muss, dass Frauen endlich genauso viel verdienen wie Männer und dass die Betreuungsarbeit endlich gleichberechtigt aufgeteilt wird.

 

Jana Zuckerhut  

 

Zur Person

Jana Zuckerhut ist Projektmanagerin bei der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende, der Interessenvertretung für Alleinerziehende, getrennt lebende Eltern, Patchworkfamilien und deren Kinder. www.oepa.or.at

 

 

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