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Gedankensplitter: "Dellendrama und Schenkelschande" Bodyshaming am Strand.

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Auf der einen Seite feiern wir Körpervielfalt. Auf der anderen wird ständig über "Makel" gelästert. Beliebte Opfer: unvorteilhaft fotografierte Promis. Alles nur harmlose Unterhaltung? Kolumnistin Martina Parker findet, dass fieses Bodyshamingalle betrifft.

Bodyshaming hört bei Stars nicht auf!

TrendsMartina Parker(Wienerin)

Ich kann mich noch genau an meinen ersten Artikel für die WIENERIN erinnern. Ich schrieb über Cellulitedellen und wurde dafür stante pede gerügt.  „Frauen haben keine Dellen“, erklärte mir die damalige Chefredakteurin Dr. Veronika Pelikan streng: „Autos haben Dellen. Frauen sind keine Autos!“

Jeden Sommer, wenn die Yellowpress ihr Baywatch betreibt, denke ich an diesen Satz. Unter dem Vorwand, die Leser „auf Augenhöhe mit den Reichen und Schönen zu bringen,“ wird Häme, Dreck und Bodyshaming über nationale und internationale Stars ausgebreitet ist, deren einziges Vergehen es ist, baden zu gehen. Und die dabei einem Paparazzi zum Opfer fallen, dessen Aufgabe es ist, sie so ungünstig wie möglich abzulichten. Notfalls wird für eine möglichst hässliche Optik dann im Photoshop noch kräftig nageholfen. Beine werden verbreitert, Dellen geschärft, Falten vertieft.

Und wer noch immer nicht kapiert hat, um welch wertlose Geschöpfe es sich hier handelt, der erfährt dies durch die Schlagzeilen. Schenkelschande und Beulenpest, Dellendrama und Wabbelwampe. Die pseudokreativen Alliterationen mit denen diverse Schundblätter ganz normales Bindegewebe betiteln sind endlos erschreckend.

 

 

Die Opfer sind zumeist Frauen, aber auch Männer sind von diesem Irrsinn nicht verschont. "Niki Nacktionale schiebt eine ruhige Kugel", titelte unlängst ein österreichisches Gratisblättchen und zeigte Rennfahrerlegende Niki Lauda im Meer.

Geht’s bitte noch? Der Mann ist 68 und wird dafür kritisiert, dass er einen Bauchansatz hat? Was ist so sensationell und verachtenswert an der Tasache, dass alternden Menschen Alterserscheinungen zeigen und die meisten Menschen ungestylt eher durschnittlich aussehen?

Paparazzi-Bilder gelten als Inbegriff von schmuddeliger Niedertracht. Dennoch werden die Hefte und Internetportale, die solche Bilder zeigen konsumiert. Von Menschen, die sich in im Moment der Betrachtung erhaben und überlegen fühlen wollen. „Du bist ja doch nicht so schön und perfekt, wie du tust! Ätschibätsch!“ Neid und niedere Instinkte die altbekannte Triebfeder des Boulevards.

Da fragt man sich schon: Rechtfertigt das so eine Menschenhatz? Denn egal ob reich oder arm, berühmt oder noname, wehrlos, fühlen sich jeder, der so vorgeführt wird. Und niemand ist davor gefeit. Denn im Zeitalter der Smartphones kommt es immer öfter vor, dass man auch selbst mal im Sommer in ungünstiger Körperpose fotografiert wird und das Bild in den sozialen Netzwerken landet.

Rund 50 deutsche Freibäder haben diese Gefahr erkannt und reagiert. Badegäste müssen hier - zum Schutz der Privatsphäre anderer Besucher - ihr Mobiltelefon entweder in der Badetasche lassen oder das Kameraobjektiv mit einem speziellen Aufkleber zukleben. Damit will man halbnackte Kinder vor Spannern schützen und Bodyshaming im Netz verhindern.

Die Aktion stieß bisher fast nur auf positive Resonanz. Die Aufkleber sorgen für ein erhöhtes Sicherheitsgefühl und für mehr Entspannung. Mein liberales Herz wehrt sich gegen noch mehr Gesetze und Verbote im Privatleben. Mein Verstand sagt: gut so. Deutsches Freibad statt Formentera. Vielleicht auch der letzte sichere Hafen für Niki Lauda und Co.

 

 VIDEO: #egalgewicht - die WIENERIN zu Besuch im Gänsehäufel

 

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