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Cellulite: Der neue Popolismus: Warum Cellulite ganz normal ist

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Cellulite ist etwas ganz Normales - trotzdem wird sie als Problem gesehen. Die WIENERIN wirft einen Blick auf den Status quo des Pos.

PflegeLucie Knapp(Wienerin)

Hintern sind etwas Feines. Und sie sind Trend. Nach den Busen-Jahren ist jetzt der Po das ultimative Must-have der Sexyness, und zwar - der Gleichberechtigung sei Dank - bei allen Geschlechtern. Rund und nicht zu klein soll er sein, vor allem bei Frauen. Das merkt man z. B. bei Internet-Selfies, wenn sogar die dünnsten Frauen den Popsch so positionieren, dass er extragroß aussieht. Spätestens hier tut sich ein Dilemma auf. Denn geht es nach der Natur, gehört zu einem großen Frauenhintern auch eine gute Portion Cellulite. Die wollen die meisten wiederum nicht. Das eine gibt es aber nicht ohne das andere.

Laut Angaben von Merz Pharma Austria haben 85 Prozent aller Frauen zwischen 25 und 60 Cellulite - also fast alle. Rolf Bartsch, plastischer Chirurg und Orangenhautexperte, erklärt: "Im weiblichen Bindegewebe verlaufen die Fasern, die Muskeln und Haut verbinden, horizontal. Ziehen einzelne dieser Bindegewebsstränge die Haut stark Richtung Muskel und erzeugen sichtbare Dellen, spricht man von struktureller Cellulite. Zusätzliches Fettgewebe verstärkt den Effekt" - ähnlich wie bei einer Steppjacke, die welliger aussieht, je dichter sie gefüllt ist. Bartsch weiter: "Bei Männern verlaufen die Bindegewebsfasern über Kreuz, deshalb haben Männer kaum Cellulite."

 

Es gibt viele gute Gründe, Hubbel und Dellen zu haben. Stellt sich die Frage, warum wir sie zu einem Problem machen.

 

Unter den Begriff Cellulite fallen aber auch andere Bindegewebserscheinungen. Wenn beispielsweise die Haut so weich und nachgiebig ist, dass man die Struktur des Untergewebes sieht oder man so dünn ist, dass Volumen fehlt. Manche missverstehen auch Dehnungsstreifen, wie man sie durch Wachstumsschübe oder Schwangerschaften bekommt, als Cellulite. Es gibt also viele gute Gründe, Hubbel und Dellen zu haben. Stellt sich die Frage, warum wir sie zu einem Problem machen, obwohl sie doch eigentlich ganz normal sind.

 

Vielleicht liegt der Ursprung dafür in einem Missverständnis: Anfang der 1990er, als Orangenhaut zum ersten Mal im Mainstream breitgetreten wurde, verwechselte man sie oft mit der Krankheit Zellulitis, einer Entzündung des Unterhautgewebes, die nichts mit Cellulite zu tun hat. Was bei Rubens noch Schönheitsideal war, musste nun behandelt werden. Bis man das Missverständnis erkannte, war der Schaden schon angerichtet. Normales weibliches Bindegewebe war negativ besetzt. Und da mit Komplexen gutes Geschäft zu machen ist, entwickelte sich ein ertragreicher Markt für Anti-Cellulite-Cremes und -Treatments, der bis heute blüht. Man einigte sich darauf, dass Orangenhaut nicht schön ist, am Strand mit einer Tunika verborgen und auf Fotos wegretuschiert werden muss. Nun ist Cellulite ein optisches Tabu und die 15 Prozent der Frauen, die keine Orangenhaut haben, gelten als Norm. Wir haben es unserem Interesse an seelischer Gesundheit zu verdanken, dass sich das langsam ändert.

 

Mehr Body-Positivity, bitte!

 

Denn gesund ist es nicht, wegen Dingen, die man nicht wirklich ändern kann, mit sich und seinem Körper zu hadern. Das Body-Positive-Konzept trägt genau wie die neue Frauenbewegung dazu bei, dass viele Ideen, wie Frauen zu sein oder auszusehen haben, hinterfragt und über Bord geworfen werden. Sich für Cellulite und Dehnungsstreifen zu schämen, ist eine davon.

 

Vergangenen Sommer warb der spanische Moderiese Desigual mit unretuschierten Bikinibildern des Models Charly Howard: eine zarte, sportliche Frau - mit Cellulite. Das Bademodenlabel Chromat bucht traditionell immer auch Models mit Größe 42 plus für seine Laufstegshows und zeigt so optische Alternativen. Künstlerinnen wie Sara Shakeel (instagram.com/sarashakeel), die Orangenhaut und Dehnungsstreifen mit Glitter nachziehen, tun ihr Übriges, um nicht perfekte Körper über das Zeigen und Zelebrieren der Normalität aus der Abwertung zu holen.

 

 

Mir persönlich hilft der Gedanke, dass Cellulite normal ist. Wie letztens in der Therme, als ich mir, anstatt im Spiegel kritisch meine Oberschenkel zu checken, dachte: So schauen Frauenkörper einfach aus - das passt!

 

Kommentare

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1 Kommentare
Gast: Stefi
05.03.2018 18:45

Guter Artikel

Danke für den Artikel, ich fragte mich oft weshalb mich meine Cellulite so stört. Mit sicherheit wurde dies von den Medien und Modehöuser zum Problem gemacht. Ich finde es toll das es immer mehr Models gibt die unretuschiert abgebildet werden und immernoch wunderschön sind. Ich hatte leider schon sehr früh Dellen am Po und an den Oberschenkeln. Dank Massagen mit dem Bea Eben Massageöl konnte ich das schlimmste verbessern. Aber ich will mittlerweile überhaupt nicht alles wegbekommen. Es gehört zu mir und ist ganz normal.